»Das Schöne an Liebesbriefen: Für Außenstehende sind sie lächerlich«

Die große Erzählerin Doris Dörrie erklärt, wie man umwerfende Liebesbriefe schreibt und warum man das viel öfter machen sollte.

»Über die Stränge schlagen und kitschig sein, davor sollte man sich nicht fürchten. Nein, man darf in Liebesbriefen alles!«, sagt Doris Dörrie.

Foto: Constantin Film Verleih GmbH/Dieter Mayr

In ihrem Bestseller »Leben Schreiben Atmen« lädt die Regisseurin und Schriftstellerin Doris Dörrie ein, über sich selbst zu schreiben. In ihrem Fall heißt das auch: von einem Leben voller Liebe. Wenn also jemand allgemeingültig über so etwas höchstpersönliches wie Liebesbriefe sprechen kann, dann sie.

SZ-Magazin: »Wahre Liebe kann man nur finden, wenn man den Mut zur Katastrophe hat«, haben Sie vor vielen Jahren immer wieder in Interviews erklärt.
Doris Dörrie: Oh ja, die volle Katastrophe! Wenn man jemanden wirklich lieben will, muss man damit zurechtkommen, dass man ihn oder sie auch verlieren wird. So ist es nun mal. Sich zurückzuhalten, weil am Ende eine schlimme Verletzung droht, scheint mir weit verbreitet. Zu viele Leute definieren sich aus schlechten Erfahrungen: Einmal habe ich alles von mir gegeben und wurde trotzdem zurückgewiesen, also tue ich es nie wieder... Diese Einstellung finde ich gefährlich und befremdlich – als gäbe es ein sicheres Leben. Was soll das denn sein? Das Leben ist eine Katastrophe, keiner kommt hier lebend davon.

Diese Erfahrung machten Sie, als Ihr Ehemann Helge Weindler 1996 starb. Wirkt sich der Verlust darauf aus, wie Sie anderen Menschen Ihre Gefühle erklären?
Den Zusammenhang habe ich nie hergestellt, aber es könnte schon sein, dass ich es deshalb öfter tue als andere. In dem Moment, in dem man das einschneidende Erlebnis macht, jemanden für immer zu verlieren, begreift man, wie wenig Zeit man hat um zu lieben. Man sollte sich beeilen seine Zuneigung auszudrücken.

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1999 haben Sie mit Martin Moszkowicz einen zweiten »wunderbaren Mann« gefunden. Schicken Sie ihm heute noch Briefe?
Ich schreibe ihm keine langen Liebesbriefe, aber ständig kleine Liebesbotschaften. Nicht nur für meinen Mann, auch für mein Kind, meine Verwandten, meine Freunde.

Was steht darin?
Das verrate ich nicht. Nur so viel: Ich zeichne die Botschaften oft.

»Beim Schreiben spürt man, wie sehr man geliebt worden ist und wie sehr man geliebt hat. Es füllt einen«

Das Schöne an Liebe ist ja, dass man sich mit ihr so gut dem Moment hingeben kann. Was spricht überhaupt dafür, sie aufzuschreiben?
Ich habe den Eindruck, dass wir in Deutschland in einem Gefühl des ständigen Mangels leben. Wir empfinden alles als zu wenig: zu wenig Sonne, zu wenig Geld, zu wenig Liebe, zu wenig Zuversicht, zu wenig Hoffnung, zu wenig Mitmenschlichkeit. Wie viel Gutes es gibt, geht uns über die Jahre oft verschütt. Gerade nach einem Verlust bleiben wir sehr einsam zurück. Beim Schreiben spürt man wieder, wie sehr man geliebt worden ist und wie sehr man geliebt hat. Es füllt einen. Liebesbriefe sind also eine ganz großartige Idee, weil man sich etwas zurückholen kann, was im Alltag oft fehlt. Selbst diejenigen Briefe, die man gar nicht abschicken muss, können in Krisen helfen: Man merkt beim Lesen wieder, dass einen so viel mehr verbindet als dieser Konflikt.

Was kann ein Brief, was persönliche Gespräche und Textnachrichten nicht schaffen?
Wenn wir Herzchen und Kussmäulchen verschicken, ist das eine nette und süße, aber auch ein bisschen faule Rückversicherung: Wir hoffen ja doch, dass ein Herz zurückkommt. Ich frage mich oft, wie viel das überhaupt mit dem Empfänger zu tun hat. Ein Brief setzt dagegen sehr viel Beschäftigung mit dem anderen voraus. Man muss die Person erst einmal begreifen, wenn man sich schriftlich an sie richtet.

Um Zuneigung auszudrücken, nutzen die meisten Menschen dieselbe Formel: »Ich liebe dich«. Wie schafft man es, das Besondere an einer Liebe zu beschreiben?
Es ist schwer, darüber allgemein zu reden, gerade weil jede Liebesbotschaft ein persönlicher Ausdruck und komplett kodiert ist. Der Brief schafft einen intimen Raum, der sich auf das Erleben von zwei Personen bezieht. Wenn ich in Sie verliebt wäre und seitenlang über Ihren wunderbaren weißen Pullover schreiben würde, wäre das für alle anderen völlig unbedeutend. Das ist das Schöne an Liebesbriefen: Für Außenstehende sind sie lächerlich, seltsam, unverständlich. Nur die Liebenden können sie lesen.

»Wir alle sind Geschichtenerzähler«, behaupten Sie. Heißt das, jeder Mensch kann einen umwerfenden Liebesbrief schreiben?
Es gibt Leute, die können das überhaupt nicht – aber auch sie können sich präzise an Situationen erinnern und gut über Momente und Erlebnisse mit dem oder der Liebsten schreiben.

Illustration: Chiara Brazzale

Googelt man »Liebesbrief«, schlägt die Autovervollständigung »Anfang« vor. Scheint so, als hätten die meisten Menschen Schwierigkeiten damit überhaupt mal loszulegen. Haben Sie einen Tipp, mit dem der Einstieg leichter wird?
Ein guter Trick ist, sich zuerst zu überlegen: Was gefällt mir an der, dem anderen? Was verbindet uns? Selbst wenn man die Person gestern erst kennengelernt hat, kann man sich bereits erinnern: Was war es, was einen da so angesprungen hat? Diese Kleinigkeiten aufzuschreiben ist ein ziemliches Wunderding.

Wie meinen Sie das?
Die Erinnerung wird normalerweise durchschossen von anderen Dingen, die man wahrnimmt. Im Kopf schweifen wir ständig ab, so ist unser Gehirn gebaut. Beim Schreiben ist das anders, die Erinnerung wird viel voller. Wichtig finde ich es, das sensorische Gedächtnis zu nutzen, weil Liebe ja über alle fünf Sinne geht: Gerüche, spüren, tasten, die Stimme hören, den anderen gut riechen können. Zum Beispiel könnte man daran denken, wie man zum ersten Mal mit dem oder der Liebsten auf dem Gras gelegen hat. Das ganz Kleine zählt dabei, die Details: Wie hat sich dieses Gras angefühlt? Wann hat man die Hand des anderen berührt?

In »Leben, Schreiben, Atmen« verraten Sie die wichtigsten Schreibregeln.
Die sind ganz simpel: Schreiben ohne aufzuhören, möglichst mit der Hand. Nicht korrigieren, nicht nachdenken, keine Qualität erwarten. Es geht ja nicht darum, etwas toll zu machen, sondern es überhaupt in Worte zu fassen und – besonders bei Liebesbriefen – die Erinnerung an den oder die anderen in ihrer Fülle wahrzunehmen.

»Wenn mir jemand schreiben würde, welche Winzigkeiten er oder sie an mir schätzt, empfände ich es schon als großen Liebesbeweis«

Reicht es aus, sich in einem Brief einfach nur zu erinnern?
Die Frage ist ja: Was will man mit dem Liebesbrief? Es gibt verzweifelte Liebesbriefe, Beschwörungen der Liebe, sehnsüchtige Liebesbriefe und welche, die eine Liebe gestehen, die der andere überhaupt nicht annehmen will. Jeder Liebesbrief ist ein ganz anderer. Aber wenn mir jemand schreiben würde, welche Winzigkeiten er oder sie an mir schätzt, empfände ich es schon als großen Liebesbeweis. Dass der Person überhaupt aufgefallen ist, dass ich große oder kleine Schritt mache, dass ich am Schlüsselbund komische Dinge hängen habe, dass mir immer die Strümpfe rutschen… Sofort nehme ich den liebevollen Blick wahr.

Wo verläuft die Grenze zwischen großen Gefühlen und Kitsch?
Über die Stränge schlagen und kitschig sein, davor sollte man sich nicht fürchten. Nein, man darf in Liebesbriefen alles!

Kafka beginnt seine Briefe mit »Liebes Fräulein Milena«, Johnny Cash nennt June »Prinzessin«: Welche Anrede finden Sie schön? Oder ist das gar nicht so wichtig?
Nein, überhaupt nicht. Ein Liebesbrief braucht keine Anrede und keine Struktur. Man kann ihn auch malen oder mit Zeichnungen durchsetzen, etwas aufs Papier kleben. Gerade das Taktile macht ja großen Spaß, wenn man einen Brief bekommt und ihn in der Hand halten kann.

Welche literarische Liebeserklärung, welche Briefe oder Romane sollte man unbedingt gelesen haben?
Da fallen mir tausend Autoren und Autorinnen ein, weil jede Geschichte eine Liebesgeschichte ist. Ich glaube aber, der präziseste Schriftsteller, ja Berichterstatter über die Liebe in ihren vielen Nuancen, ist nach wie vor Tschechow. Er beschreibt auch die Enttäuschung und die Illusion ganz besonders und großartig.

Verraten Sie mir noch, wann Sie Ihren letzten Liebesbrief verfasst haben?
Wenn ich etwas sehe, höre oder lese, was mir gefällt, schreibe ich immer sofort einen Liebesbrief an den betreffenden Filmemacher, Künstler oder Autor. Das war zuletzt beispielsweise der Produzent Lutz Heineking mit seiner phänomenalen Serie »Andere Eltern« oder der Produzent Michael Souvignier mit seinem supertollen Fernsehfilm »König von Köln«. Thomas Meyer habe ich für seine »Wolkenbruch«-Romane gedankt und dem Regisseur Franz Bogner für seine großartigen Serien in vielen Jahren.

Was macht diese Botschaften zu Liebesbriefen?
Ich teile mit, wie sehr mich etwas beglückt und bewegt hat. Ich möchte etwas zurückgeben, gerade weil wir eine wahnsinnig eifersüchtige und neidische Branche sind. Die Kollegen reagieren oft erstaunt und berührt, manchmal entwickeln sich Korrespondenzen oder sogar Freundschaften.

In Ihrem aktuellen Buch schreiben Sie nicht nur sehr liebevoll über romantische Beziehungen, sondern vor allem über Ihre verstorbene Freundin N.
Mit ihr habe ich genau das versucht: Mich mit Details sich an die Liebe zu erinnern. Das kann man aber genauso gut machen, wenn jemand noch am Leben ist. Man sollte es sogar unbedingt machen, wenn jemand noch am Leben ist.

An wen sollten wir diese Briefe schreiben?
Ich finde, wir sollten uns nicht auf die romantische Liebe beschränken. Meine Freundin und ich haben uns ständig Briefe geschrieben, über 40 Jahre lang. Als erwachsene Frau habe ich mich außerdem hingesetzt und meinen Eltern einen Liebesbrief geschrieben. Ich dachte, vielleicht ist ja gar nicht so viel Zeit, wer weiß. Es war dann doch viel Zeit, weil mein Vater sehr alt geworden ist und meine Mutter noch lebt. Trotzdem tat es gut zu überlegen: Was habe ich alles an Liebe bekommen und was kommt von mir zurück? Solche Liebesbriefe finde ich wichtig, aber wir schreiben sie meistens nicht. Das sollten wir ändern.

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