Wie ein Vampir

Unsere Autorin lernt über eine Dating-App einen Mann kennen. Sie verfällt seiner manipulativen Kraft, dann wehrt sie sich. Und findet am Ende fast zwanzig Frauen, die beinahe an ihm zerbrochen wären.

Vorsichtig verliebt – so fühlt sich unsere Autorin nach der ersten Nacht mit ihrer ­Bekanntschaft aus dem Internet. ­Später änderte sich der Status zu: »Es ist kompliziert.«

Ich bin aufgeregt, als ich die App herunterlade. Dating mit Mitte dreißig. Per Tinder. Ist das peinlich? Ich komme noch aus der Zeit des analogen Kennenlernens. Aus der Zeit der verblinzelten Momente, der verhaspelten Sätze, der kurzen Berührungen, des Anstarrens und Wegschauens. Egal. Ich bin lange Single. Und nicht auf der Suche nach der großen romantischen Liebe. Sex würde mir für den Anfang reichen. Also: Warum nicht? So lerne ich Tim im Mai 2018 kennen.

Dass diese Geschichte mit

Ich habe mich bis

Wir vereinbaren ein Treffen,

Unser zweites Date läuft

Wenn ich heute drüber

Tim lebt in einem

Nachdem Tim und ich

Tim hat viel Zeit,

Tim und ich sind

Einige Dinge bleiben merkwürdig.

Eine Woche später treffe

Am nächsten Tag rudert

Ich bitte ihn, einen

Am Nachmittag treffe ich

Dennoch bin ich völlig

Es ist der Moment,

Marie, heute Ende zwanzig,

Marie besucht ihn im

Tim weist Marie immer

Zu Hause findet Marie

Marie zeigt Tim wegen

Es ist, als hätte

Schon während des Telefonates

Leila, heute Mitte dreißig,

Wenn sich die beiden

Leila zieht bei Tim

Sie beginnt, Bilder von

Beim Auszug findet sie

Ich bin fassungslos. Tim macht das mit System. Eine Freundin leiht mir ein Buch, das mir noch mehr die Augen öffnet: Psychopath Free von Jackson MacKenzie. Darin werden gleich zu Beginn dreißig Merkmale aufgelistet, an denen man Menschen mit einer narziss-tischen Persönlichkeitsstörung erkennt. Alles passt auf Tim.

Gespräche mit Psychologen und

Diese Form der Persönlichkeitsstörung

Ich rufe Bianca an.

Immer wieder hat sie

Im Frühjahr 2017 trennt

Ich erstelle für uns

Ich mache zusammen mit

Tims typisches Date funktioniert

In seinen angeblichen Biografien taucht immer wieder das Philosophiestudium auf, wahlweise Physik oder Psychologie. Dass ich ihn zu Beginn unserer Liaison nicht googeln konnte, ist klar: Tim hat alles aus dem Netz gelöscht, was Hinweise auf seine tatsächliche Vita geben könnte. Bis auf ein leeres Xing-Profil und einen ebenso rudimentären Facebook-Account gibt es nichts – außer sein wohlkuratiertes Instagram-Profil, auf dem er sich als hipper Philosophie-Doktorand und Musik-Nerd zelebriert. Um Frauen mit seinem Physikwissen zu beeindrucken, hat er Harald-Lesch-Folgen auswendig gelernt. Für Belege seiner psychologischen Kennerschaft zitiert er aus der US-Serie Lie to Me. Woher ich das weiß? Als die Beziehung zu ihm beendet war, sah ich mehrere Folgen der Serie – und erkannte ganze Satzfragmente wieder. Unsere Chatgruppe bestätigt meinen Verdacht. Bianca erzählt, er sei süchtig nach dieser Serie gewesen, Leila sagt das Gleiche über Leschs Kosmos.

Tim hat nie eine

Einmal konfrontierte ich ihn,

Marie heißt nicht Marie,

Dieser Text erschien erstmals im SZ-Magazin 37/2018.