Zwei Nasen tanken Tolstoi

Rechtzeitig zum hundertsten Todestag des Dichters ist »Krieg und Frieden« als Hörbuch erschienen: 54 CDs, 67 Stunden Laufzeit. Wie soll das zu schaffen sein? Unsere Kollegen haben sich einfach ins Auto gesetzt, den CD-Player angemacht und sind losgefahren, immer Richtung Russland.

Vor dem Verlagsgebäude: Andreas Bernard (links) und Lars Reichardt, ausgeruht und frisch rasiert, der Audi frisch gewaschen.

CD 1, km 0

Der Michelin-Routenplaner gibt für die Strecke München, Hultschiner Straße – Jasnaja Poljana, Tolstois Grabstätte südlich von Moskau, eine Fahrtzeit von 33 Stunden und 18 Minuten an. Wartezeiten an den Grenzen nicht eingerechnet. 2544 Kilometer, durch Österreich, die Slowakei, Tschechien, Polen und die Ukraine, davon nur 648 Kilometer Autobahn, wie es auf dem Routenplaner heißt, den wir uns in der Redaktion noch ausgedruckt haben. Es ist Sonntag, 9 Uhr morgens. Im Foyer des Verlagshauses begegnen wir dem Sportchef. »Was macht ihr denn am Wochenende hier?«, fragt er. »Mit dem Auto nach Russland fahren, Krieg und Frieden hören, Tolstois 100. Todestag.« Er schüttelt den Kopf und prophezeit: »Das Auto klauen sie euch.«

Die Hörbuch-Edition des Romans umfasst 54 CDs, Laufzeit 67 Stunden. Unser Proviant: Wurstbrote, hart gekochte Eier und lange haltbares Reisfleisch von Lars’ Frau. Die Wartezeit an der ukrainischen Grenze, warnt das Internetforum »Mit dem Auto nach Moskau«, kann bizarre Ausmaße annehmen, zwölf Stunden, 24 Stunden, wenn es schlecht läuft.

Die erste CD wollen wir am Anfang der Salzburger Autobahn einlegen. Das verzögert sich allerdings, denn wir müssen erst die Elektronik in unserem hochmodernen Audi A8 allroad quattro bedienen lernen. Zwei Auffahrten später heißt es endlich: »Sie hören: Krieg und Frieden von Lew Nikolaiewitsch Tolstoi, gelesen von Ulrich Noethen. Erstes Buch. Erster Teil. Erstes Kapitel.« Durchatmen. Los geht’s!

CD 2, km 188
Am Attersee im Salzkammergut. Auf den ersten beiden CDs, die in Anna Pawlownas Salon in Petersburg spielen, tauchen bereits alle Hauptfiguren des Romans auf: die Mitglieder der drei Adelsfamilien Bolkonski, Kuragin und Rostow, dazu Pierre, ein »plumpgebauter, dicker junger Mann« mit Brille und kurz geschorenen Haaren, unehelicher Sohn des reichen Grafen Besuchow und gerade aus Paris zurückgekehrt.

Ulrich Noethen, das wird schon nach den ersten Sätzen klar, ist ein extrem angenehmer Reisebegleiter. Er liest so markant, dass man dauerhaft konzentriert zuhören kann, und so beiläufig, dass er nicht prätentiös oder aufgesetzt wirkt. Dreißig Arbeitstage hat er gebraucht, um die 67 Stunden Text einzulesen, erzählte er am Telefon. Der Audi gibt einen surrenden Ton von sich, wenn man die Spur wechselt, ohne zu blinken. Bleibt das jetzt so bis Russland?

Beim Kauf der österreichischen Autobahn-Vignette fällt uns das Kennzeichen unseres grüngrauen Audis auf: IN-TL 578. Wie passend, diese Initialen: »In Tolstoi Leo«, das werden wir in den kommenden Tagen auf jeden Fall sein.

CD 3, km 347
Regen. Lars: fährt. Andreas: notiert. Lars’ Sitzheizung: 17,5 Grad. Andreas’ Sitzheizung: 21,5 Grad. Lars: Kaffee und hart gekochte Eier. Andreas: Mineralwasser und Hanuta von der Tankstelle. Pierre und seine Offiziersfreunde trinken Rum. Das Gelage endet damit, dass die jungen Soldaten einen Polizisten Rücken an Rücken mit einem Bären zusammenbinden und in den Fluss werfen, der Bär unten, der Reviervorsteher oben. Südlich an Wien vorbei, Richtung Slowakei: die ersten Plattenbauten.

CD 4, km 516
Pause in der Altstadt von Bratislava. Von nun an zeichnen die Speisekarten alle Zutaten in Gramm aus. Andreas: 7 g Espresso, Lars: 14 g. Bratislava, das muss gesagt werden, ist wesentlich hässlicher als erwartet.

Der alte Graf Besuchow erleidet seinen siebten Schlaganfall und stirbt. Pierre wird als legitimer Sohn anerkannt und erbt das Vermögen, ist plötzlich einer der reichsten Männer Russlands und begehrter Junggeselle.

Vladimir Nabokov hielt Tolstoi für den größten Erzähler Russlands, vor Gogol, vor Tschechow, vor Turgenjew. Für Dostojewski aber hatte Nabokov kein gutes Wort übrig. Tolstoi sei der wahre Erfinder des inneren Monologs, ein halbes Jahrhundert vor James Joyce’ Ulysses. Tolstoi, sagt Nabokov, haucht seinen Figuren so viel Leben ein, dass er ihnen anschließend nur mehr beim Handeln zusehen muss.

CD 5, km 626
Die Autobahn durch die Slowakei führt ein paar Kilometer südlich der tschechischen Grenze entlang. Plötzlich taucht die Ausfahrt »Brünn« auf. Ganz in der Nähe liegt Austerlitz, heute »Slavkov u Brna«. Die Schlacht bei Austerlitz wird erst ein paar CDs später beginnen. Schlechtes Timing. Kilometer 739, Autobahnende im Osten der Slowakei: Es ist neblig und regnet immer noch, auf den Häusern rauchen die Kamine. Das Reisfleisch ist schon fast weg.

CD 6, km 770
In der Dämmerung beginnt der zweite Teil des Romans, mit dem Kampf um die Brücke über die Enns. Ein paar russische Offiziere blicken von einer Anhöhe herab auf das Geschehen. »Alle waren aufgestanden und beobachteten gespannt die Bewegungen unserer Truppen da unten, die wie auf einem Präsentierteller zu sehen waren, sowie gegenüber die Bewegungen des heranrückenden Feindes.« Anfang des 19. Jahrhunderts gibt es noch den erhabenen Standpunkt »auf einer Anhöhe«, der die Kampfhandlungen in ihrer Ganzheit erfahrbar macht. Spätestens seit dem Ersten Weltkrieg ist diese Perspektive unmöglich geworden, der Kampf durch Bombardierungen aus der Luft oder Giftgaseinsatz abstrakt und fragmentiert. Das hat natürlich Konsequenzen für die Literatur. So wie Kutusow oder Napoleon in Krieg und Frieden immer wieder auf einer »Anhöhe« stehen, tut das auch der Autor Tolstoi. Wenn es heißt, dass seit dem frühen 20. Jahrhundert nicht mehr erzählt werden könne, ist die veränderte Erfahrung des Krieges vielleicht die anschaulichste Bestätigung dieser Hypothese. Nikolai Rostows innerer Monolog nach seiner Verwundung entfacht große Begeisterung im Tolstoi-Auto.

18.24 Uhr: Tschechien
18.56 Uhr: Polen.

CD 7, km 846
Wieder Autobahn, Richtung Krakau. Wir passieren die Ausfahrt »Oswiecim«: Auschwitz.
Seit dreißig Kilometern nichts als Baustellen. Die Vorboten der Fußball-Europameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine. Erste Wahrnehmungsstörungen treten auf; die Scheibenwischer, seit Stunden auf der schnellsten Stufe eingestellt, produzieren Technobeats im Hirn. Die Aufmerksamkeit lässt nach.
Lars: Woher kennt Fürst Andrei jetzt noch mal diesen Bilibin?
Andreas: Welchen Bilibin?

Abendessen in Krakau. Lars: in Butter gedünsteter Knoblauch, dann Hühnchen mit Spinat in Knoblauch. Andreas: überbackene Pilze, danach gefüllte Piroggen. Jeder zwei Bier. »Kennen Sie Tolstoi?«, fragen wir die junge Kellnerin. »Nie gehört.«
Der Euro, sagt die Rezeptionistin im Hotel, wird in Polen erst mit Beginn der Europameisterschaft angenommen.

Der polnische Reiseschriftsteller Ryszard Kapuscinski meinte, man könne nie in der Fremde ankommen, wenn man mit zu Hause telefoniere. Wir melden uns jeden Abend.

CD 8, km 971
Die Landstraße hinter Krakau, wir stehen seit einer halben Stunde. Kurzer Schock: Ist das schon der Grenzstau? 250 Kilometer vor der Ukraine? Gerade als wir diesen Gedanken ernsthaft in Erwägung ziehen, setzen sich die Autos vor uns wieder in Bewegung. An der Tankstelle hält auch ein Wagen mit deutschem Kennzeichen. Ein Ehepaar auf dem Weg zu den Eltern der Frau in der Nähe von Kiew. Sie kennen die Route. Ihre Tipps für das Verhalten auf ukrainischen Straßen: Nachts unter keinen Umständen anhalten, so verzweifelt auch am Straßenrand um Hilfe gewinkt wird. Außerdem: Sklavisch an die Geschwindigkeitsbeschränkungen halten, an jeder Ecke stehen Polizisten. Von Bestechungsversuchen an der Grenze rät der Mann ab. Bis vor Kurzem sei das reibungslos gegangen, aber jetzt habe er schon häufiger gesehen, dass vorbeifahrende Autos wieder ans Ende der Schlange geschickt werden. Gut zu wissen, danke, schöne Fahrt noch.

CD 9, km 1025
Kriegsvokabular, das wir erlernen: »Suite«, das Gefolge des Kaisers oder Feldherrn; »Arrieregarde«, die Nachhut am Ende der Truppen; »Eskadron«, die kleinste Kavallerie-Einheit; »Ulanen«, mit Lanzen bewaffnete Kämpfer der Kavallerie.

CD 10, km 1105
Siebzig Kilometer vor der Grenze. Der Roman spielt wieder in Moskau. Fürst Wasili Kuragin fädelt die Heirat seiner intriganten Tochter Helene mit dem gutmütigen, nichtsahnenden Pierre ein. Auf einmal passiert etwas mit der Landschaft: In der Slowakei, in Tschechien, durch ganz Polen hindurch hat es keine großen Veränderungen gegeben in der spröden Vegetation oder im Aussehen der Städte. Bekanntes Osteuropa. Jetzt aber weitet sich plötzlich alles; es ist, als hätte jemand den Maßstab der Landschaft aufgezogen: der Himmel höher, der Horizont weiter. Keine Zäune mehr zwischen den Grundstücken. Die langsame Annäherung an eine fremde Welt, die man sonst allenfalls nach einem abrupten Schnitt erreicht, beim Aussteigen aus dem Flugzeug.

CD 11 bis 20

Unter dem Beifahrersitz: Spuren im Tolstoi-Auto an Tag drei.

CD 11, km 1200
Das Wechseln der CDs geht immer schneller: Handschuhfach öffnen, lange auf der Auswurftaste des CD-Wechslers bleiben, alte CD in die Box einsortieren, neue CD herausnehmen, Taste »Load« drücken, auf das Leuchtsignal warten, CD einschieben, Startknopf unter dem Navigations-Bildschirm bedienen. Weiter. Zwanzig Kilometer vor der Ukraine. Die Straße ist menschenleer, beruhigend und beunruhigend zugleich – haben wir uns verfahren?

Kommunikationstechnisch ist die Grenze bereits überquert: Die Anzeige auf dem Handy verändert sich, ein neues Netz. Deutsche Ängste: Wie lange lassen die uns warten, wie viel Schmiergeld müssen wir zahlen? Ukrainische Wirklichkeit: eine Viertelstunde, nicht länger. Die freundlichen Grenzbeamten wollen nur die Fahrgestellnummern am Motor überprüfen. Als wir nicht wissen, wie man bei dem Audi die Motorhaube öffnet, zeigt der Beamte uns den versteckten Griff unter dem Lenkrad. Im Grenzhäuschen stempelt eine junge Frau mit frisch geschnittenem Pony und schwarz-weiß lackierten Fingernägeln unseren Passierschein. Fertig. Ganz ohne Schmiergeld.

Eigentlich müsste es jetzt eine Stunde später sein als in Polen, fünf statt vier Uhr nachmittags, aber die beiden Uhren im Auto, am Tachometer und am Navigationssystem, zeigen nichts an. Es ist vermutlich nicht vorgesehen, dass man mit dem Auto durch verschiedene Zeitzonen fährt. Die Straßenverhältnisse ändern sich nach der Grenze so abrupt wie die Schriftzeichen. Tiefe Furchen durchziehen den Straßenbelag, Schlaglöcher überall.

In der Raststätte: polnische Piroggen heißen in der Ukraine Wareniki. Zwei Portionen mit Krautsalat für fünf Euro. Die einfachen Kleider der Menschen, die landwirtschaftlichen Geräte nähern sich der Erzählzeit des Romans an. Die 200 Jahre dazwischen schrumpfen; wir hören nicht nur vom frühen 19. Jahrhundert, wir sehen es jetzt auch: Schafhirten mit kantigen Physiognomien; auf der Straße, immerhin die Hauptachse zwischen Polen und Kiew, genauso viele Pferdefuhrwerke wie Autos; die Feldarbeit ohne Maschinen. Die Gegend ist vollkommen fremd, man wundert sich fast, dass der Teer an einer Baustelle genauso riecht wie bei uns.

Übernachtung im schönen Jugendstilhotel »George« in Lviv, dem ehemaligen Lemberg. »Kennen Sie Tolstoi?«, fragen wir die Deutsch sprechende junge Frau an der Rezeption. »Natürlich. Krieg und Frieden muss bei uns jeder Schüler mit 16 lesen.«

CD 12, km 1302
Lars hat von einem Feldlager geträumt, Andreas vom Kreisverkehr. Der Liter Diesel kostet 650 Griwna, etwa 65 Cent.

CD 13, km 1396

Eine Stunde hinter Lemberg. Wir passieren Brody, den Geburtsort Joseph Roths. Die Stadt war vor 1933, wie die meisten Orte in dieser Gegend, zu einem überwiegenden Teil von Juden bewohnt. Aber wir sprechen bei der Fahrt durch Galizien nicht über den Holocaust, obwohl er in keiner anderen Region Europas so viele Opfer forderte wie hier. Zu viele Zeitebenen überlagern diese Jahre: die Romanhandlung um 1810, der Tod Tolstois 1910, unsere Reise 2010.

An den Baustellen immer wieder einspurige Abschnitte auf der Schnellstraße; der Verkehr wird durch Ampeln oder winkende Bauarbeiter geregelt. Die Autos geben aber nichts auf diese Wartesignale und fahren einfach in die Baustelle hinein. In der Mitte, wo sich der Verkehr aus beiden Richtungen trifft, gibt es immer wieder Tumulte.

CD 14, km 1474
Lars verschläft auf dem Beifahrersitz die russische Niederlage bei Austerlitz. Nach mehr als 1500 Kilometern die ersten Fehler Noethens: Er betont den Namen eines Offiziers, »Denisow«, manchmal auf der ersten, manchmal auf der zweiten Silbe. Mensch, Uli!

Schon die vierte Geschwindigkeitskontrolle. Doch wir beherzigen weitgehend den Ratschlag unseres Landsmanns. Jetzt erst bemerken wir die Warnungen entgegenkommender Autos, die zuverlässig vor jeder Radarfalle aufblenden.

CD 15, km 1599

Pierre duelliert sich in Moskau mit dem Offizier Dolochow, der eine Affäre mit seiner Frau gehabt hat. Behauptet zumindest Andreas. Nein, sagt Lars, Pierre glaubt nur, Helene habe ihn betrogen. Noch mal anhören? Nein, keine Zeit. Fürst Andrei kehrt derweil aus dem Krieg zurück, gerade rechtzeitig zur Geburt seines Sohnes Nikolai, doch seine Frau stirbt bei der Entbindung.

Pause: die erste Hocktoilette, an einer Tankstelle 200 Kilometer vor Kiew. Ein verrostetes, schmutziges Loch im Blechboden. Auf der Straße wird alles in Eimern und an kleinen Ständen verkauft: Pilze, Obst, Kürbisse, eingelegtes Gemüse, Schnaps, Pelze, Besen, Schuhe, Plüschbären.

CD 16, km 1712
Tiere, die wir in der letzten Stunde auf der Straße gesehen haben: Hühner, Hunde, Kühe, Pferde, Maulesel (lebend); Huhn, Hase, Katze, Fuchs (überfahren). Pierre wird Freimaurer. Endlose Tagebucheinträge eines frisch Bekehrten. Wir hören, ehrlich gesagt, im Moment nicht zu. Stattdessen der Versuch, die ganzen Billboard-Plakate am Straßenrand zu entziffern. Ein Scorpions-Poster, wie nicht anders zu erwarten; Vitali Klitschko kandidiert offenbar noch mal als Bürgermeister von Kiew. Aber noch keine Werbung für die EM 2012.

Radarkontrollen Nummer sieben und acht. In der Abendsonne taucht die Skyline der Millionenstadt vor uns auf.

CD 17, km 1835
Kiew: Im Sinn hatten wir stalinistische Großarchitektur, Aufmarschplätze, Boulevards. Jetzt sitzen wir in einem riesigen Park, einer Art Englischer Garten parallel zur Hauptstraße, mit Blick auf grandiose Jugendstilbauten. Es hat noch über zwanzig Grad, knapp zehn mehr als in Berlin. Wieder mal wird klar, wie unsere westlichen Vorstellungen von sowjetischen Großstädten gelenkt worden sind. Wir essen Borschtsch, Krautwickel und gefüllte Wareniki im Freien. Danke, lieber Tolstoi!

Übernachtung in einem sozialistischen Bunker. Der Parkplatz ist beinahe so teuer wie das Einzelzimmer im »Hotel Lybid«, laut Werbung im Fahrstuhl »Hotel for business and leasure«. Leasure – das sind wohl die Prostituierten in der Hotelbar. Frühstück um sieben Uhr im bereits überfüllten Hotelrestaurant, Kaffee aus Suppentassen und dieses gute Hefe-Mohn-Gebäck, das es anscheinend nur in der Ukraine gibt.

»Fürst Bagration war einer jener Männer, die …«: So langsam fallen einem die wiederkehrenden Versatzstücke im Erzählstil Tolstois auf. Dieser Sprung vom Besonderen der einzelnen Figur ins Allgemeine eines Typus, einer Nation, einer Mentalität, immer eingeleitet mit dem Wort »jener«. Wie lange konnte man so erzählen, ohne dass es schematisch und plump wurde? In Krieg und Frieden, geschrieben in den Sechzigerjahren des 19. Jahrhunderts, wirkt alles noch wie aus einem Guss, als würde sich das Leben selbst beschreiben.

Lars: Ich bin aber wirklich froh, endlich mal Krieg und Frieden zu lesen. Ich habe mich ja fast geschämt, das Buch nicht zu kennen.
Andreas: Was heißt hier »lesen«?
Lars: Aber die mündliche Überlieferung, das Erzählen stand ja am Anfang der Literatur. Wir kehren mit unserem Hörbuch also zu den Ursprüngen zurück.
Andreas: Was soll man da noch sagen?

Pierre und der genesene, aber weltabgewandte Andrei haben sich seit zwei Jahren nicht gesehen. Jetzt treffen sie einander wieder. Wo genau noch mal? Das haben wir leider verpasst, wegen unserer kleinen »Roman vs. Hörbuch«-Debatte. Ah, genau, jetzt wird’s erwähnt: auf dem Landgut Andreis. Lars: Kein Wunder, Pierre heißt ja auch mit Nachnamen Besuchow.

Andreas: fährt. Lars: notiert. Andreas: Heizung 23,5 Grad. Lars: Heizung 16,5 Grad. Unsere bevorzugten Temperaturen weichen stärker voneinander ab. Sonst ist es aber überraschend angenehm, tagelang von früh bis spät zusammen durch die Gegend zu fahren und Tolstoi zu hören. Wir können einfach – noch nie war dieser Satz so wahr – ziemlich gut miteinander schweigen.

Tschernobyl liegt nur fünfzig Kilometer entfernt, ein Stück nordwestlich. Am Straßenrand werden hier ausnahmsweise keine Pilze verkauft.

CD 18, km 1886
Radarkontrollen Nummer zehn und elf. Altertümliche Wörter, die Tolstoi uns in Erinnerung ruft: »Ridikül«, »Posamentierwaren«, »allerliebst«. Das Wort »Ingrimm« mag Tolstoi besonders gern. Andreas auch. Lars bedauert es dagegen, dass Noethen nicht die neue Hanser-Übersetzung von Krieg und Frieden spricht.

Jetzt ist es passiert. Die zwölfte Radarkontrolle wird uns zum Verhängnis. Kein Auto auf der Gegenfahrbahn, das uns hätte warnen können. Der Polizist winkt uns heraus, geht auf Lars zu, der inzwischen wieder am Steuer sitzt, lässt sich Pass und Fahrzeugschein geben. »Oliver«, sagt er, nach dem zweiten Vornamen im Pass, »Lars« ist vielleicht zu schwierig auszusprechen, »Oliver: Straf!« Er will dreißig Euro, Lars handelt ihn auf zwanzig runter. Natürlich ohne Quittung. Aber der Polizist war nicht unangenehm.

CD 19, km 2012
200 Kilometer vor der russischen Grenze. Fürst Andrei entscheidet sich, sein Einsiedlerdasein aufzugeben: »Nein, das Leben ist noch nicht abgeschlossen, wenn man 31 Jahre alt ist.« Du meine Güte. Andreas fährt 150 auf der leeren Schnellstraße. Ein entgegenkommender Polizeiwagen wendet quietschend wie im Kino; wir halten auf dem Seitenstreifen und erwarten das Schlimmste: ein paar hundert Euro Geldstrafe? Führerscheinentzug? Gefängnis? Die grimmig schauenden Polizisten haben Radarmesser und Digitalkamera dabei: 143 km/h, erlaubt wären neunzig. Mit 55 Euro, ohne Quittung, sind sie zufrieden. Erleichterung. Kann man Schmiergeld eigentlich als Spesen absetzen?

CD 20, km 2147

Es geht immer noch über Pierres neues Freimaurerleben. Weiterhin unkonzentriertes Zuhören, nur ein schöner Satz bleibt in Erinnerung: »Er liebte es, gut zu dinieren und stark zu trinken.«

Radarkontrollen Nummer 13 und 14, jetzt sind wir leider ein bisschen panisch, bremsen fortan bei jedem Fahrzeug, das ein paar Hundert Meter vor uns am Wegesrand steht. Es sind nur Pilzsammler.

CD 21 bis 29

Im staatlichen Tolstoi-Museum in Moskau.

CD 21, km 2216
An der Grenze: nur 17 Autos vor uns. Alle fünf Minuten rücken wir ein paar Meter vor. Ein freundlicher rothaariger Beamter nimmt die Pässe zu sich, steckt den Kopf durchs Fenster. »Andreas?« Ja. »Oliver?« Ja. »Lars« scheint wirklich ein schwieriges Wort zu sein. Als wir auf Platz elf vorgerückt sind, kommt ein anderer Grenzer auf uns
zu, mustert unser Auto lange. »Deutschland?«, fragt er. – »Yes.« – »Want it quick?« – »Maybe. What should we do?« – Er geht wieder fort, als ein Vorgesetzter kommt, und verschwindet in den weitläufigen Zollbaracken seitlich der Warteschlange. Nichts geschieht.

»Helenes Körper hatten die vielen tausend Blicke, die bereits über ihn hingeglitten waren, sozusagen schon mit einem Lack überzogen; Natascha dagegen sah aus wie ein Mädchen, das man zum ersten Mal entblößt hat.« Tolstoi, der Vollprofi.

Nach einer Stunde sind wir an der Reihe, bekommen unsere Ausweise zurück. Keine weiteren Kontrollen. Der Beamte legt beim Abschied die Hand an die Schirmmütze und sagt: »Good Luck«. Auf der russischen Seite brauchen wir ebenfalls nur eine Stunde, fast ausschließlich, um die Transitpapiere für das Auto richtig auszufüllen, Typ, Baujahr, Karosserienummer. Alles verläuft vollkommen unkompliziert. Es ist noch eine Stunde später jetzt, halb fünf nachmittags, in Deutschland ist es erst halb drei.

Das Surren beim Spurwechseln hat aufgehört. An der ukrainisch-russischen Grenze endet die Zivilisation, zumindest für die Computertechnik eines deutschen Autos.

CD 22, km 2264
Wir haben ein Zeitproblem. Unser Ziel war: Richtung Osten, bis an Tolstois Grab in Jasnaja Poljana, 200 Kilometer südlich von Moskau. Nie hätten wir gedacht, dass wir so reibungslos durchkommen und nach der knappen Hälfte der CDs schon ein paar hundert Kilometer vor dem Ziel stehen. Was wir auf jeden Fall noch machen werden, ist, weiter nach Moskau zu fahren, dort steht das staatliche Tolstoi-Museum, bei dem wir uns angekündigt haben. Das muss man sich vorstellen: Man fährt von München mit dem Auto nach Russland und schafft nicht mal die Hälfte von Krieg und Frieden!

Jetzt macht uns aber erst mal unser Navigationssystem Sorgen. Es kennt die schöne neue Straße nicht, auf der wir in Richtung Orel fahren. Die Autobahnschilder zeigen die richtigen Orte an. Aber der blaue Pfeil auf dem Display weist mit der Spitze fast drohend zu uns. Verkehrte Richtung. »Off Road«. Im Auto existieren zwei grundsätzlich unterschiedliche Meinungen zum Navigationsgerät. Lars, fortschrittlich, findet, das Gerät hat immer recht. Also umdrehen. Andreas, romantisch, sagt, laut Landkarte und Autobahnschildern sind wir richtig, also weiter. Andreas sitzt am Steuer und setzt sich durch. Dann geschieht das Herrliche: Das Gerät erkennt die Straße plötzlich wieder, »Neuberechnung folgt«, und innerhalb von Sekunden wird die voraussichtliche Ankunftszeit um eineinhalb Stunden nach vorn korrigiert.

Von Zeit zu Zeit kommen wir an halb verfallenen Wartehäuschen vorbei, ohne Bänke, ohne Fahrpläne. Unmöglich, sich vorzustellen, dass jemals ein Bus hier anhalten könnte. Dennoch sehen wir immer wieder Passanten darin stehen.

CD 23, km 2385
So langsam nähern wir uns dem Autofahr-Nirwana. Seit zehneinhalb Stunden unterwegs, und seit dem Frühstück in Kiew um sieben haben wir nichts mehr gegessen. Vorhin war die Straße in einem derart schlechten Zustand, dass wir Orel unbedingt noch im Hellen erreichen wollten. Die Geburtsstadt von Turgenjew, Tolstois gutem Freund, ist eine merkwürdig schlauchartige Stadt. Wir suchen erst mal lang nach einem Geldautomaten. Essen gehen dauert zu lang, wenn wir heute noch in Jasnaja Poljana ankommen wollen. Wir landen in einem Lebensmittelladen, wie es ihn in Deutschland vielleicht in den Zwanzigerjahren gegeben hat: die Ware vollständig hinter Theken, in Schränken und Vitrinen, in jeder Abteilung eine eigene Verkäuferin mit Registrierkasse. Mit Brot, Würsten, Paprikaschoten, Äpfeln wieder auf die Schnellstraße.

CD 24, km 2443
Nikolai Rostow, in seiner Kutsche: »Wir fahren ja Gott weiß wo, und Gott weiß, was mit uns vorgeht – aber das, was mit uns vorgeht, ist sehr seltsam und schön.« Wahre Worte. Die Spritzflüssigkeit des Scheibenwischers riecht nach Wodka.

CD 25, km 2522
Zehn Uhr abends. Wir erreichen Tula und wollen endlich gut dinieren und stark trinken. Laut Routenplaner liegt der Ort ganz in der Nähe. Ein Schild an einer Waldeinfahrt. Fernlicht an, stockende Leseversuche. Das könnte es sein, Jasnaja Poljana, Tolstois Landgut, das auch ein Hotel beherbergen soll. Auf der Waldstraße kommen wir an vielen dunklen Gebäuden vorbei, an einem großen aber sehen wir ein paar beleuchtete Fenster. Wir stellen das Auto ab, nach 14 Stunden Fahrt. Ist das wirklich das Hotel? Wir klopfen an der Tür; nach einiger Zeit kommen zwei ältere Frauen im Kittel heraus. »Good evening. Tolstoi-Hotel?« – »No, Tolstoi-Hospital!« Ein kahl rasierter junger Mann taucht an der Türschwelle auf, mit halb verfaulten Zähnen und wirrem Blick. Er kreuzt die Zeigefinger und ruft: »Antichrist! Antichrist!« Meint er uns? Oder Tolstoi? Leichtes Unbehagen.

Eine der Frauen versteht uns endlich und weist uns den Weg zum Hotel. Am nächsten Vormittag stehen wir vor Tolstois Grab, einem einfachen Hügel inmitten der Waldwege von Jasnaja Poljana. Viele Schulklassen sind unterwegs. Rund um das Grab wird auf Schildern um Ruhe gebeten, was die Schüler fröhlich ignorieren. Die warme Herbstsonne scheint, aber an dem schmucklosen Grab des großen Schriftstellers zu stehen ist kein besonders erhebender Augenblick für uns.

Tolstoi kam 1856 aus dem Krimkrieg zurück auf das Landgut seiner Familie; mit seiner Ehefrau und den Kindern lebte er dort bis zum Oktober 1910. Er wurde Prediger, ein mittelmäßiger, wie Nabokov meint, gründete eine Schule für die Bauernkinder. Vier Wochen vor seinem Tod verließ er schließlich seine Familie, weil er das luxuriöse Leben auf dem Gut nicht mehr ertrug, und starb auf der Wanderschaft, in einem Bahnhofshäuschen in Astapowo bei Lipezk, 300 Kilometer südöstlich von hier.
Rundgang im Wohnhaus, vor uns eine Schulklasse: Alle müssen klobige Überschuhe zum Schutz des Parketts tragen, was bei den hochhackigen Stiefeln der meisten Schülerinnen sehr komisch aussieht. Ein Fernsehteam aus Japan filmt, für den Nachmittag haben sich die »Spirit Wrestlers« angesagt, eine christliche Sekte aus Kanada, die sich auf die Lehren des Predigers Tolstoi beruft. Ihre Gründer verließen Russland nach der Oktoberrevolution.

Kurzes Treffen mit Tolstois Ururenkel Wladimir, der Jasnaja Poljana verwaltet, ein freundlicher, knapp 50-jähriger Mann, der in einem grandios unaufgeräumten Büro auf dem Landsitz arbeitet. Scheinbar alle auf der Welt erscheinenden Publikationen zum Werk seines Ururgroßvaters türmen sich auf den Tischen des Büros. Tolstoi, erzählt er, habe schon zu Lebzeiten auf sämtliche Tantiemen an seinen Büchern verzichtet. Putin sei nur einmal am Grab gewesen, als Privatmann mit seinen Kindern. Im Büro des aktuellen Präsidenten, Dmitri Medwedew, überlege man, ein Grußwort zu verfassen für eine geplante Konferenz zum Todestag am 20. November. Im Souvenirshop erstehen wir Kühlschrankmagneten mit dem Porträt des alten Tolstoi, dann geht es weiter Richtung Moskau.

CD 26, 2613 km
Anatol Kuragin, die unsympathischste Figur des Romans, taucht wieder einmal auf. In der Theaterloge kommt er Natascha Rostowa näher, die inzwischen mit Fürst Andrei verlobt ist. Wir fahren durch das Gebiet, in dem im Sommer die Waldbrände ausbrachen, entdecken aber keinerlei Spuren mehr. Zum ersten Mal seit Krakau wieder Autobahn. Ein schwarzer Hummer mit Moskauer Kennzeichen fährt dicht auf, der Beifahrer hält uns den ausgestreckten Mittelfinger aus dem Fenster, weil wir nicht schnell genug Platz gemacht haben.

CD 27, km 2713
Anatol und Natascha beschließen, in der Nacht vor Andreis Rückkehr gemeinsam durchzubrennen. Der Plan scheitert. Natascha bricht zusammen. Pierre sucht Natascha auf, will zwischen ihr und Andrei vermitteln. Doch im Gespräch mit ihr kann auch er seine lang unterdrückte Liebe zu Natascha nicht mehr verbergen. »Wäre ich nicht der, der ich bin, sondern der schönste, klügste, beste Mensch auf der Welt, und wäre ich dabei frei, dann würde ich in diesem Augenblick auf den Knien um Ihre Hand und um Ihre Liebe werben.«

CD 28, km 2804
Auf der Brücke neben dem Kreml eine Stunde Stau. Lars: »Was für ein Glück, jetzt ein Hörbuch dabei zu haben!«

CD 29, km 2820

Immer noch auf der Brücke; lange geschichtstheoretische Passagen über die Philosophie des Krieges. Im »Golden Apple« am Puschkinplatz. Neben der Minibar liegt eine Schachtel Kondome. Die Lage des Hotels ist großartig. Und der Bodyguard verspricht, ein Auge auf unser Auto vor der Tür zu werfen.

Wir hören im Hotelzimmer auf dem Notebook weiter, um Strecke zu machen. Ein befremdliches Gefühl nach fünf Tagen auf der Straße: Noethens Stimme und dem Gang der Geschichte zu folgen, ohne selbst im Auto zu sitzen. Bislang gab es ja diese schöne Übereinstimmung zweier Bewegungen: die der Romanhandlung und die unserer Reise. Jetzt, auf dem Hotelbett, das Gefühl, als würde irgendetwas in uns festgehalten werden, ein irritierendes Ungleichgewicht.

»Vom Kaiser am Ohr gezogen zu werden, galt am französischen Hof für die größte Ehre und Gnade.« Jetzt hat Noethen eine schlechte Idee: Den General von Pfuel, den ersten Preußen, der im Roman längere Sätze redet, spricht er tatsächlich ein bisschen wie Hitler.

CD 30 bis 35

Tolstoi und wir: am Grab des Dichters.

CD 30 und 31, km 2820.
Lysyje-Gory, das Landgut der Bolkonskis, droht von den Franzosen besetzt zu werden, in Vorbereitung der großen Schlacht von Borodino. Es ist vom Tod des alten Fürsten Bolkonski die Rede. Haben wir da was verpasst? Der ist doch noch gar nicht gestorben? Oh, falsche CD im Notebook, Nr. 34 statt Nr. 30. Hat gut zwanzig Minuten gedauert, bis wir den Irrtum bemerkt haben. Weiter mit CD 30.

Im Tolstoi-Museum. Dascha, eine wissenschaftliche Mitarbeiterin, zeigt uns zuerst das Wohnhaus des Dichters, in dem er zwischen 1881 und 1901 die Wintermonate verbrachte. Tolstoi wurde noch in seinen Sechzigern Vegetarier und erlernte – eher notdürftig – das Schuhmacherhandwerk. Der Vizedirektor lädt uns nach der Führung zu Tee und Keksen ein. Auf unsere Frage in die Runde, ob das Buch für die führenden Politiker Russlands heute eine Bedeutung habe, sagt eine Historikerin den schönen Satz: »Our political leaders are too young to think of death.«

Im Hotelzimmer hören wir abends weiter, trinken Heineken und Russian Standard aus der Minibar. Unser leicht alkoholisierter Zustand löst lange aufgestaute Aggressionen gegen den allzu wuchernden Stil in den theoretischen Passagen aus.
Lars: Aufhören! Andreas: Hatte der denn keinen Lektor? Lars: Die letzten Seiten hätte man komplett streichen können.

CD 32 und 33, km 2840

Immer noch im Hotel. Nach über vierzig Stunden Krieg und Frieden haben wir ein feines Gespür für den Klang von Ulrich Noethens Stimme entwickelt. Wir können jetzt, ohne die verbleibende Laufzeit auf dem Display zu sehen, immer genau sagen, wann eine CD zu Ende geht. Zehn, zwölf Sekunden vor dem letzten Wort wissen wir es schon. Noethen dimmt dann ein klein wenig herunter, lässt das Erzählte ausklingen.
Alles läuft nun auf die große Schlacht zwischen den Franzosen und Russen bei Borodino hin, 120 Kilometer westlich von Moskau. Am 7. September 1812 fielen dort 50 000 russische und 30 000 französische Soldaten. Wir hatten beide, das müssen wir zugeben, noch nie von dieser Schlacht gehört. Und das ist ja auch das Angenehme an dem Roman: Er ist neben allem anderen auch ein exzellenter Geschichtskurs.
Der alte Fürst Bolkonski wird ernstlich krank. Wir wissen ja schon, wie das endet, von der versehentlich eingelegten CD 34.

CD 34, km 2840
Samstag Früh, Abfahrt Richtung Borodino. Tanken an der Ausfallstraße: tatsächlich erst zum vierten Mal seit München. Neben der Schnellstraße ein Schießstand. Der scheppernde Klang der Patronen. Es ist Samstag, die Moskauer Bürger gehen ihren verschiedenen Hobbys im Grünen nach. Stau, seit zwei Stunden: Alle sind wahrscheinlich auf dem Weg zu ihren Datschen.

Unsere Route befindet sich nun in völliger Übereinstimmung mit der Romanhandlung. Auch Pierre ist, wie wir, gerade »auf der Straße nach Smolensk« unterwegs, Richtung Moschaisk und Borodino. Perfektes Timing, endlich.

CD 35, km 2874

Pierre reist als schaulustiger Tourist nach Borodino, mit weißem Hut. Mit dem Pferd ist er schneller als wir 198 Jahre später in unserem Auto. Großer Tolstoi: »Viele Geschichtsschreiber sagen, die Franzosen hätten die Schlacht bei Borodino deshalb nicht gewonnen, weil Napoleon den Schnupfen gehabt habe.« Kurz bevor die Schlacht im Roman beginnt, erreichen wir das kleine Museum von Borodino. Ölgemälde, alte Uniformen und Kanonen, eine eindrucksvolle Miniaturnachbildung des Schlachtfeldes, auf dem die brutale Offenheit und Unmittelbarkeit des Kampfes anschaulich wird. Draußen, auf einem Hügel über den Feldern, ein großes Denkmal.

Wir sind jetzt seit sechs Tagen unterwegs, knapp 3000 Kilometer gefahren. Uns fehlen noch 18 CDs, genau ein Drittel des Romans. Krieg und Frieden ist einfach zu lang für eine Autofahrt nach Moskau. Wir schließen unser Logbuch auf den weiten Feldern von Borodino und ziehen uns mit Napoleons Armee nach Westen zurück.

Der Rückweg nach München, über Lettland, Litauen, Warschau und Berlin, dauert zwei lange Tage, jeweils 15, 16 Stunden im Auto. Die Schlacht von Borodino hat keinen Sieger gefunden; Kutusow zieht seine Truppen hinter Moskau zurück, was ihm die Historiker als Fehler angekreidet haben, Tolstoi aber in einem eineinhalb CDs währenden Plädoyer als gelungenen Schachzug wertet. Napoleons Truppen besetzen die Stadt. Am nächsten Morgen, in Litauen, dem neunten Land auf unserer Reise. Moskau brennt; wir fahren durch das liebliche Masuren, voller Seen und gelb gestrichener Holzhäuschen. Wieder mal endlose Geschichtsphilosophie. Kurz vor Wilna zieht der Romanschriftsteller Tolstoi aber das Tempo noch einmal an. Pierres Gefangenschaft in Moskau, die Exekution einiger Brandstifter. Unfassbar eindringliche Minuten.

Pierre wird in letzter Sekunde begnadigt und trifft in der weiteren Gefangenschaft auf eine noch unbekannte Figur des Romans, die rührendste von allen, den alten Platon Karatajew. Wir erinnern uns an das, was Dascha über Tolstoi gesagt hat, über sein Erlernen des Schuhmacherhandwerks, über das Ideal des einfachen, komplett selbstbestimmten Lebens. Platon Karatajew ist vielleicht die spät auftauchende Identifikationsfigur des Autors. Er näht Schuhe für Pierre. Später wird er von den Franzosen erschossen. Auch Andrei stirbt, bei Kilometer 3932. »Seine letzten Tage und Stunden verliefen in der gewöhnlichen, natürlichen Weise.« Wir: den Tränen nahe. Napoleons Truppen lösen sich auf dem Rückweg auf. Pierre bekennt endgültig seine Liebe zu Natascha. Krieg und Frieden.

Auf der 52. CD, gegen zehn Uhr abends zwischen Warschau und Posen, findet der
Roman sein Ende, und der Epilog beginnt. Noethen tänzelt durch die Schlusskapitel.
Unsere letzte Nacht, ein Hotel in Posen.

Unbekannte Tankstellenketten, die wir auf dem Weg passiert haben: Lukoil, Slovnaft (Slowakei), Orlen, Tarpal, Petro Tar, Grosar, Auto-Wit, Huzar, Baran, iT (Polen), WOG, GFC, Petrol, Okko, Best Stop, MHK, Avantage 7, Besta, Nafta, CB (Ukraine), Oka Petrol, TATNEFF, OPTK, aris (Russland), Livena Neste, abromika, Melkasta (Litauen).
Unsere Handynetze: O2 SK (Slowakei), T-Mobile CZ (Tschechien), Orange PL, era, 260 06, Plus (Polen), UA KYIVSTAR, life:), UA UMC, Marshal (Ukraine), Beeline, Maga Fon, MTS-RUS (Russland), LV Tele2, LV LMT GSU Lettland), LT BITE GSU, Omnitel (Litauen).

Frühmorgens auf der polnischen Landstraße, die 54. CD. Bei Kilometer 4780, in einem Ort namens Willsowo, die letzten Sätze: Der jetzt 15-jährige Nikolenka Bolkonski trauert um Fürst Andrei, seinen Vater. Wir auch. Aus. Geschafft. Ungewohnt, die Stille im Auto.

Fotos: Povsun Nikolai Nikolaevich, Bernd Auers; Illustration: Kaja Paradiek

Artikel teilen: