Expedition ins Bierreich

Zwischen Hingehen und Heimwanken kann man auf dem Oktoberfest eine Menge richtig oder falsch machen: Wir haben bekannte Münchner gefragt, wie ihr idealer Wiesn-Tag aussieht - von Flohzirkus bis Stierbeutel.

    Konstantin Wecker,
    Sänger

    »Als Münchner Kindl regt mich die Kommerzialisierung der Wiesn auf, der Trachtenwahnsinn. Trotzdem zieht es mich dorthin, am liebsten auf die historische Wiesn. Dort finde ich Fahrgeschäfte meiner Jugend, wie das Calypso, wo man in den Gondeln unter Schirmen sitzt, die wie Blumenhüte aussehen. Mein Stammplatz war lange die Schänke 2 im Augustiner-Zelt, die ich 1986 in einem Lied verewigt habe: ›Sogar die Wiesn is mir no ned zwider/da halt i mir jeds Jahr  a paar Tag frei/Da triff i hold die oidn Freindl wieder/natürlich Augustiner: Schänke 2‹. Zum Wiesnhit wurde aber eines meiner anderen Stücke, das ich schon in den Siebzigern geschrieben habe: So a saudumma Dog. Augustiner braut das beste Bier, ist außerdem die letzte privat geführte Brauerei Münchens. Die erste Maß schmeckt sensationell, finden sogar steife Nordlichter: Als ich einmal mit Ulla Meinecke und Heinz Rudolf Kunze da war, sagten die nach dem dritten Schluck: ›Ist ja ganz dufte hier!‹ Zum Essen empfehle ich Bio-Hendl vom Ammer (alle anderen Hendl tun mir leid und schmecken nicht gut) oder Makrelen bei der Fischer-Vroni. Früher bin ich nach dem Bierzelt in den Olympia-Looping: Das darf ich meinem Rücken nicht mehr antun. Die Leidenschaft für die Achterbahnen habe ich von der Mutter, die noch mit 80 die wilden Sachen gefahren ist, wie den Power Tower mit 60 Meter freiem Fall. Sie hat gesagt, es wäre ihr Traum, so zu sterben: allerdings andersherum, immer höher und höher fahrend. Mir sind die Klassiker lieber: Schichtl, Geisterbahn (die ohne lebende Geister), Teufelsrad. Als Bub habe ich es geschafft, zweimal bis zum Schluss als Letzter auf der Drehscheibe zu bleiben! Schießstände meide ich als Pazifist, dafür komme ich am Heimweg nicht am Hau den Lukas vorbei – wenn ich noch genug Kraft habe, ergattere ich ein Blümchen als Mitbringsel

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    Meistgelesen diese Woche:

    Michaela May,
    Schauspielerin

    »Ich erinnere mich gut an das Oktoberfest 1967, nach dem Sechstagekrieg. Wir waren Teenager, trugen weiße Spitzenkleider und Blumenketten, liefen Händchen haltend über die Theresienwiese und riefen ›Peace‹! Bier war damals Nebensache. Und Dirndl haben wir ohnehin verabscheut. Leute, die Tracht getragen haben, waren für uns antiquierte Spießer. Heute gehöre ich zu denen, die ein Dirndl anziehen. Ich mag es, wenn die Nationen in Bierseligkeit zueinanderfinden. Besonders gern höre ich den Defiliermarsch, den ich noch aus meiner Kindheit kenne, textsicher bin ich bei Hubert von Goisern Brenna tuats guat, bei Ein Stern von DJ Ötzi und bei Who the fuck is Alice?, weil ich eine Alice kenne. Meine Lieblingszelte: das Schottenhamel, weil ich da oft beim Anstich dabei bin; das Schützen-Zelt, weil ich da traditionell mit meinen Töchtern feiere; und das Hacker-Zelt, weil es die schönste Dekoration hat: den Himmel der Bayern. Eine Abwechslung ist das Bier auf der Oiden Wiesn, das dunkle Bier ist malziger und kommt im Steinkrug. Beim Bier halte ich es so: Erst eine normale Maß, die zweite als Radler. Dazu Hendl oder Ente, die nirgendwo anders so knusprig und saftig sind. Nach dem Zelt gehe ich zum Schießen. Beim Stand vom Alois – gleich beim Käfer-Zelt – gibt es noch von Hand gefertigte, mit Silberflitter verzierte Blumen aus Krepppapier. Da schieß ich mir einen bunten Strauß, der dann das ganze Jahr über in meiner Wohnung als Erinnerung steht. Absolutes Muss bei jedem Wiesnbesuch: die Krinoline. Damit bin ich schon mit meiner Oma gefahren – zu einer Zeit, als noch Männer mit ihrer Muskelkraft das Karussell angeschoben haben. Frisch Verliebten empfehle ich Rund um den Tegernsee – wenn die Bahn Runde für Runde schneller wird, muss man sich dank Fliehkraft unweigerlich aneinanderkuscheln. Habe ich selbst erfolgreich getestet.«

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    DJ Hell,
    Techno-Produzent und DJ

    »Lange habe ich die Wiesn boykottiert. Ich komme aus Altenmarkt in Oberbayern, da gibt’s auch viele Schützenvereine, Trachten und natürlich bestes Bier. Außerdem wohne ich direkt neben der Wiesn, der Bavariaring ist gesperrt, mit dem Auto komme ich nicht mal in die Nähe meiner Wohnung. Also versuche ich zur Wiesnzeit möglichst viel unterwegs zu sein. Aber einmal gehe ich schon, meistens sonntags, nach meinen Auftritten, wenn ich vom Flughafen komme: als Erstes zum Fotoschießen, jedes Jahr. Eine Schokobanane mit weißer Schokolade und ein halbes Hendl lasse ich mir gern einpacken. Meine Tops außerdem: Lose ziehen, Torwandschießen, Spiegelkabinett, Nagelbrett hauen und Flohzirkus. Ich schaue auch jedes Jahr in den Eingangsbereich eines Bierzeltes, obwohl ich kein Bier trinke. Das muss man schon verinnerlichen, besonders wenn Schützenvereine da sind und alte Trachtler. Ich hab mir neulich auch handgemachte Haferlschuhe bei Schuh Bertl in München gekauft, die zieh ich aber nicht auf die Wiesn an, eher ganz normal tagsüber, mit Parka und Jeans. Wenn es sich einrichten lässt, gehe ich am ersten Sonntag zur Schwulenwiesn in die Bräurosl, beste Stimmung garantiert. Nur mit Wiesnhits hab ich es nicht so. Einmal fragten mich die Sportfreunde Stiller für einen Remix eines ihrer Stücke an, aber dieses Lied war mir zu eingängig. Das wollte ich lieber nicht bearbeiten. Am Ende wurde Ein Kompliment wirklich zur Hymne. Viele meiner Freunde gehen nach der Wiesn noch aus, ins ›P1‹, ›Heart‹, ›Pacha‹, ›Bob Beaman‹, ›Rote Sonne‹, ›Harry Klein‹. Ins ›Kong‹ kann man sogar mit der Rikscha fahren, dort lege ich am letzten Wiesnsamstag auf. Einen Wunsch will ich mir noch erfüllen: einem Schützenverein in Sendling beitreten und beim Landesschießen im Schützen-Zelt teilnehmen. Ich würde sagen: Heute besteht bei mir nur noch ein Teilboykott gegenüber der Wiesn. «

    Körpersprache studieren bei Autoscooter, Toboggan und Schießstand

    Udo Wachtveitl,
    Schauspieler

    »Einige Jahre habe ich direkt bei der Wiesn gewohnt. Sie zu ignorieren war unmöglich, wenn die aus dem Paradies Vertriebenen – ›da muass do’ irgendwo no’ wos zum Sauffa gem!‹ – nachts johlend durchs Viertel zogen. Manchmal, bei schönem Wetter, hab ich den Standortvorteil genutzt und bin zum Frühstücken auf die Wiesn gegangen, spontan, ohne ein Jahr vorher einen Tisch bestellt zu haben. Die Brezn waren frisch wie kaum je, der Obazde auch, der Kaffee erträglich, die Bedienung noch nicht gestresst. Danach ein kleiner Verdauungsspaziergang, Körpersprache studieren bei Autoscooter, Toboggan und Schießstand, sich wundern darüber, welch verbissenen Ernst dort manche an den Tag legen, zum Abschluss ein kleiner Plausch mit Australiern, die um diese Zeit noch sprechen können. So gegen halb zwei nachmittags ging es nach Hause, fit für den Rest des Tages. Wenn man allerdings doch noch eine Maß trinkt, weil die Bedienung sie halt gar so appetitlich an einem vorbeischwenkt, dann trifft man alte Freunde wieder, die man nie vorher gesehen hat, versucht beim Autoscooter Ideallinie zu fahren, beim Toboggan ohne Hilfe nach oben zu kommen und verschießt ein Kilo Blei, bis man endlich einen von diesen Billig-Schraubenziehern erlegt hat. Irgendwann wird es dunkel, man wird aus dem Paradies vertrieben und denkt: Irgendwo müsste es doch noch was zu trinken geben! Habe ich aber die erste, zivilisierte Wiesnbesuch-Variante gewählt, bin ich manchmal so gegen halb zwölf Uhr nachts noch einmal über die Wiesn spaziert, darauf bedacht, nicht in Glasscherben zu treten oder in Raufhändel zu geraten. Die Atmosphäre hat etwas Apokalyptisches, abstoßend und faszinierend zugleich. Beide Varianten abwägend, würde ich Ihnen die erste empfehlen, unbedingt aber mit nächtlicher Nachschau. Doch Vorsicht, Sie könnten dann sich selbst in der Version begegnen, die auf der Wiesn noch kräftig weitergefeiert hat.«
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    Peter Gauweiler,
    Politiker

    »Am liebsten mag ich das Panorama, das sich einem bietet, wenn man auf die Wiesn zugeht – von welcher Seite auch immer. München hat zur Wiesn eine besondere Silhouette: der Turm vom Paulaner-Festzelt, über dem Löwenbräu-Zelt schwebt ein Löwe mit Maßkrug, die Achterbahn, das Riesenrad. Dazu die Musikfetzen, die Menschen. Ich bleibe immer kurz stehen und lasse alles auf mich wirken. Der beste Tag für einen Wiesnbesuch ist der Dienstag, da sind viele noch Wiesngesättigt vom Wochenende. Ich gehe vormittags, am besten vor halb elf Uhr – da ist die Wiesn wie frisch gebadet. Wenn das Wetter schön ist, setze ich mich in einen der Biergärten bei den Zelten, wo man auch noch einen Zigarillo rauchen kann. Ansonsten findet man mich in den Zelten auf der Galerie – dort ist die Luft besser als unten. Ein, zwei Maß Bier langen. Wichtig: Höflich sein zur Bedienung, ja nicht pseudokumpelhaft! Beim Essen empfehle ich gefüllte Ochsenbrust im Schützen-Zelt. Alternativ bestelle ich Stierbeutel im Augustiner-Festzelt. Die geben viel Kraft. Manchmal stimme ich bei den großen Gesängen mit ein, bei Sierra Madre etwa. Mindestens einmal fahre ich mit der Krinoline. Das Traditionskarussell ist die Antithese zu den amerikanisierten Disneyland-Sensations-Fünf-Salto-Maschinen. Als alter Münchner bin ich ein Contra zur ewigen Modernisiererei, deswegen ist sie genau das Richtige für mich. Seit meiner Kindheit bewundere ich die Steilwandfahrer, die mit ihren Motorrädern senkrechte Wände entlangbrettern. Ich schieße außerdem immer eine blaue Blume. Blau nicht als Farbe der CSU, sondern weil die blaue Blume schon in der Romantik ein Symbol für Freiheit war. Wenn die Zelte zumachen, hole ich mir beim Käfer, der dann noch offen hat, etwas mit Vanillesauce, Dampfnudeln oder Apfelkücherl – das bindet den Alkohol. Dann gehe ich heim. Ich mag es nicht, nach der Wiesn noch groß weiterzufeiern. Das hat etwas Unersättliches.«

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    Brigitte Hobmeier,
    Schauspielerin

    »Ich wollte heute noch über die Theresienwiese gehen: für die Vorfreude, es steht ja schon alles. Die Liebe zum Oktoberfest habe ich durch meinen kleinen Sohn wiederentdeckt, davor hab ich einige Jahre einen Bogen um die Wiesn gemacht: Ich habe als Studentin Lebkuchenherzen auf dem Oktoberfest verkauft, ein traumatisierendes Erlebnis. Mit dem großen Ständer voller Herzen durch die engen Bierzelte, mir wurde so viel geklaut, dass ich an manchen Tagen fast draufgezahlt habe. Nichts gegen einen Rausch, aber nach ein paar Maß geht jeder Anstand verloren. Da gehe ich lieber mit meiner Familie vormittags zur Wiesn: für ein Wettrennen auf der Münchner Rutschn, Verirren im Spiegelkabinett oder die Wilde Maus: Diese kleine Achterbahn sieht harmlos aus, hat es aber in sich. Mein Sohn war danach etwas weiß um die Nase, für Siebenjährige wohl noch zu früh. Oh, und wenn Sie Geisterbahnen so lieben wie ich, sie aber nicht gruselig genug finden, dann schauen Sie sich den großartigen Film Funny Bones an. Am zweiten Wiesnsonntag spielt meine Freundin mit ihrer Band ›Die Aasgeier‹ Geige auf der Oiden Wiesn. Und jedes Jahr gibt es am letzten Wiesnsonntag die Mittagsvorstellung vom Brandner Kaspar am Volkstheater – danach gehen alle Zuschauer zusammen mit dem Ensemble auf die Wiesn. Sehr berührend ist auch der letzte Wiesnabend, wenn die Touristen weg sind und die Münchner noch mal hingehen, zum Servus-Sagen. Ach ja, sollte es mal wieder regnen während der Wiesn, und alle Zelte sind dicht: Gehen Sie doch einfach ins Westend-Viertel, das schließt an die Wiesn an und hat so ein schönes Flair. Noch ein bisschen Glasscherbenviertel von früher, wo neben dem Secondhandshop der neue Designladen liegt und neben der alten Dönerbude die hippe Eisdiele. Sehr gern mag ich etwa das Café ›Marais‹, wo es außer Kaffee auch Möbel und Schmuck gibt. Von den Festzelten geht man nur zehn Minuten.«

    Illustrationen: Dirk Schmidt

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