»Der Jazz ist ziemlich akademisch geworden«

Die Sängerin Cassandra Wilson bewundert den Mut und den politischen Kampf ihrer Idole - und findet trotzdem, dass man kein schweres Leben braucht, um große Musik zu machen.


SZ-Magazin: Auf Ihrem neuen Album singen Sie Songs von Billie Holiday, einer legendären Jazzsängerin, die 1959 starb. Warum ist ihre Musik für Sie heute noch so wichtig? Was ist so außergewöhnlich an Billie Holiday?

Cassandra Wilson: Als sie begann, Anfang der Dreißigerjahre, hat niemand so gesungen wie sie. Sie hatte eine Art, die Noten zu biegen, die einzigartig war – fast wie ein Saxophonist, der auf seinem Instrument improvisiert. Sie war unglaublich gut darin, den emotionalen Kern eines Songs freizulegen, viel besser als die Sängerinnen, die es vor ihr gegeben hatte. So hat sie das Herz und die Seele ihres Publikums tief berührt. Billie Holiday war eine Frau mit Macht. Fast wie eine Priesterin.

Billie Holidays Leben war turbulent, bisweilen tragisch. Armut und Rassismus, Drogensucht, mehrere Gefängnisaufenthalte, eine traumatische Kindheit – mit 13 arbeitete sie kurz als Pros-tituierte. Wie viel davon hören Sie in ihrer Musik?
Wie viel von Sigmund Freuds Kokainsucht lesen Sie in seinen Schriften?

Ich habe nie etwas von Freud gelesen. Aber wenn er seine Bücher unter dem Einfluss von Kokain geschrieben hätte, würde mich das schon interessieren.
Ich denke, wenn wir Freuds Theorien zur Psychoanalyse lesen, sollten wir uns auf seine Ideen, auf seine Arbeit konzentrieren, nicht auf sein Privatleben. Mit Billie Holiday ist das genauso. Warum ist ihr Privatleben so interessant für Sie? Können Sie mir das erklären?

Weil man Musik besser versteht, wenn man weiß, in welchem sozialen Kontext sie entstanden ist und was die jeweiligen Musiker beschäftigt hat.
Sehen Sie, das interessiert mich überhaupt nicht. In der Musik steckt doch viel mehr. Ich denke sogar, dass Sie den wahren Gehalt der Musik übersehen, wenn Sie sich nur auf die Lebensumstände der Musiker konzentrieren. Bei Billie Holiday kommt hinzu, dass sie gezielt von Drogenfahndern gejagt wurde – man wollte an der berühmten Jazzsängerin ein Exempel statuieren. Gewisse anstößige Aspekte ihres Lebens wurden hochgespielt, um sie zu diskreditieren. Vor diesem Hintergrund finde ich es besonders bedauerlich, dass all das heute immer noch ein Thema ist.

In ihrer Autobiografie Lady Sings the Blues hat Billie Holiday aber selbst sehr offen von ihrer Drogensucht und anderen Problemen berichtet. In dem Buch findet sich eine Passage, die einen Zusammenhang zwischen ihrer Musik und den schlimmen Ereignissen in ihrem Leben nahelegt. »Man sagt, dass niemand das Wort ›Hunger‹ so singt wie ich. Vielleicht weil ich mich daran erinnere, was dieses Wort bedeutet.«
Ach, das ist doch nur ein knackiges Zitat. Wenn man ein Buch verkaufen möchte, stellt man so einen Zusammenhang her. Das ändert nichts daran, dass sie eine Musikrevolutionärin war. Sie schuf einen Sound, den es vorher noch nicht gegeben hatte und der den Jazz bis heute prägt. Das ist ihre eigentliche Leistung, und wir wissen zu wenig darüber, weil wir uns zu sehr auf die andere, dunklere Seite ihres Lebens konzentrieren.

Wenn dieser neue Stil nichts mit den tragischen Ereignissen in Billie Holidays Leben zu tun hatte, woher kam er dann?
Sie war einfach eine sehr intelligente Frau. Außerdem war sie vertraut mit einer alten Musiktradition, die seit Langem von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Das ist der Teil, über den man normalerweise nicht redet. Billie Holiday hatte ein geheimes Wissen über die Sprache des Jazz – und weder die Armut noch die Prostitution haben sie davon abgehalten, mithilfe dieser Tradition sehr profunde Kunst zu kreieren.

Welche Tradition meinen Sie? Den Blues?
Die Tradition, von der ich spreche, mündete schließlich im Blues und Jazz, ist aber viel älter. Ich meine die musikalische Sprache, die die Sklaven aus Afrika mitbrachten. Wir haben es hier mit Menschen zu tun, die aus ihrer Heimat entführt und wie Vieh verkauft wurden, die alles verloren: ihre Spiritualität, ihre Sprache, ihre Familien, ihre Würde. Was sie aber trotz dieses gewaltigen Traumas nicht verloren, war ihre Fähigkeit, sich musikalisch auszudrücken – obwohl man immer wieder versuchte, die Sklaven am Musizieren zu hindern. Es gab nichts, was sie aufhalten oder abwürgen konnte.

Wenn ich die Musik von Billie Holiday und anderen Jazz- und Bluesmusikern höre, erscheint es mir fast als Wunder, dass aus dem Leid, das diese Menschen ertragen haben, so viel wundervolle, erhabene Musik entstanden ist.
Das liegt daran, dass wir es hier mit genialen Musikern zu tun haben. Mit ihren Songs haben sie eine neue Welt erschaffen. Dadurch wurde die Realität, die sie und ihr Publikum jeden Tag aushalten mussten, ein bisschen erträglicher.

Ist das auch Ihr Ziel als Künstlerin – eine neue Welt zu erschaffen?
Ich fühle mich der westafrikanischen Tradition verbunden. Dort gibt es keine Trennung zwischen Kunst und Leben. Der Künstler ist keine isolierte Figur, sondern gehört zu seinem Publikum und seiner Gemeinschaft. Seine Aufgabe besteht darin, von den Dingen zu erzählen, die sich in der Gemeinschaft ereignen, und so ihren Zusammenhalt zu gewährleisten. Eine solche Rolle auszufüllen sehe ich als mein Lebenswerk an.

Es dürfte nicht leicht sein, so eine hehre Vorstellung mit den Zwängen einer Karriere im Musikgeschäft in Einklang zu bringen.
Ja, man hat schon oft versucht, mich in Rollenmuster zu pressen, die mir nicht entsprachen. Vor allem zu Beginn meiner Karriere. Aber irgendwann in deinem Leben kommt der Punkt, ab dem du ehrlich zu dir selbst sein musst. Auch in dieser Hinsicht war Billie Holiday inspirierend für mich. Trotz vieler Hindernisse hat sie ihr Leben zu ihren Bedingungen gelebt.

Über Rassismus im Showbusiness schreibt Billie Holiday in ihrem Buch: »Ich habe gelächelt, um nicht kotzen zu müssen.« Kennen Sie dieses Gefühl?
Nein, das war dann doch eine andere Zeit. Meine Probleme sind längst nicht so schwerwiegend wie bei Billie Holiday – auch dank der Opfer, die sie und die anderen Sängerinnen ihrer Generation gebracht haben. Wir stehen heute auf den Schultern unserer Vorfahren.

Dann haben Sie nie Probleme mit Rassismus gehabt?
Das habe ich nicht gesagt! Aber ich habe eine Wahl, wie ich darauf reagiere, und es hindert mich auch nicht daran, meinen Weg zu gehen.

Sie sind Jahrgang 1955 und in Jackson im US-Bundesstaat Mississippi aufgewachsen, als dort noch strikte Rassentrennung herrschte. Wie hat Sie diese Zeit geprägt?
Dank unserer Eltern führten wir Kinder ein sehr behütetes Leben. Ich hatte alles, was ich brauchte. Heute finden manche sogar, dass es uns besser ging, als wir in unserer eigenen Gemeinschaft lebten. Martin Luther King hat, glaube ich, mal gesagt: »Ich frage mich, ob wir nicht darum kämpfen, ein brennendes Haus zu betreten.«

Im Juni 1963 wurde der Bürgerrechtler Medgar Evers in Jackson von einem Rassisten erschossen. Stimmt es, dass dieser Mord in Ihrer Nachbarschaft geschah?
Ja, nicht weit von uns. In diesem Moment wurde die Schutzhülle, die unsere Eltern errichtet hatten, durchbrochen, und ich fühlte, wie eine schlimme, kranke Energie in unsere Welt eindrang.

Auf Ihrer neuen Platte singen Sie auch Strange Fruit, Billie Holidays bekanntesten Song, der vom Magazin Time zum »Song des Jahrhunderts« gewählt wurde und als eindrucksvollste musikalische Anklage gegen den Rassismus in den USA gilt. Denken Sie da an die Erlebnisse Ihrer Kindheit zurück?
Wenn man Zeuge von solcher Brutalität und Unmenschlichkeit wird, vergisst man das nicht. Allerdings ist der Rassismus in den USA leider keineswegs ein Problem der Vergangenheit. Als ich Strange Fruit aufnahm, musste ich auch an den gewaltsamen Tod von Michael Brown in Ferguson denken und an die vielen anderen Morde an jungen Schwarzen, die es in den vergangenen Monaten gegeben hat. Alle diese Vorfälle haben gezeigt, wie relevant Strange Fruit heute noch ist.

»Wenn du es nicht lebst, kommt es auch nicht aus deinem Saxophon«, hat Charlie Parker mal gesagt. Ich möchte niemandem die Probleme von Billie Holiday an den Hals wünschen, habe aber den Eindruck, dass Jazzmusiker heute weniger ereignisreiche Leben führen als früher und dass der Jazz dadurch langweiliger geworden ist.
Da bin ich ganz anderer Meinung. Solange die Menschen kreativ sind, wird es Jazz geben. Die Kreativität speist sich aus allem, was du im Leben tust – nicht nur aus Drogen, Niederlagen und üblen Ereignissen. Es gibt so viele andere Dinge, die deine Kreativität anregen!

Aber einen wichtigen Unterschied zwischen damals und heute kann man meines Erachtens nicht bestreiten. Billie Holiday beschreibt in ihrem Buch, wo sie zum ersten Mal richtig gute Jazzmusik gehört hat: in einem Bordell. Das ist heute undenkbar, oder?
Ja, da dürften Sie Recht haben.

Ist das nicht der Kern des Problems mit dem heutigen Jazz? Niemand käme mehr auf die Idee, in einem Bordell Jazz zu spielen, weil man so die Leute eher abturnt als in Stimmung bringt.
(Lacht.) Stimmt, der Jazz ist ziemlich akademisch geworden. Wir sitzen im Elfenbeinturm, das Körperliche ist leider verloren gegangen.

Was könnte man dagegen tun?
Der Jazz muss zurück in die Bordelle. So schnell wie möglich.

Cassandra Wilson prägt seit dreißig Jahren den amerikanischen Jazzgesang. Sie gewann zwei Grammys und wurde vom Magazin Time »Amerikas beste Sängerin« genannt. Wilson, geboren 1955, wuchs in den Südstaaten auf, begann ihre Karriere aber Mitte der Achtzigerjahre in New York. Dort gehörten Abbey Lincoln, Steve Coleman und Grachan Moncur III. zu ihren Mentoren. Der kommerzielle Durchbruch gelang Wilson 1993 mit dem Album »Blue Light ’Til Dawn«, das mit Jazzversionen bekannter Blues- und Popsongs überraschte. Am 3. April 2015 erscheint ihr Album Coming Forth By Day mit Songs von Billie Holiday; die legendäre Sängerin hätte am 7. April ihren 100. Geburtstag gefeiert.

Foto: Jesse Frohman

Artikel teilen: