»Ich habe die Seele der Musik gespürt«

Der legendäre Sänger Van Morrison erzählt, wie einst der Blues in ihm erwachte und wie ein Deutschland-Aufenthalt vor über fünfzig Jahren bis heute seine Karriere prägt.

Meine Lieblingsgeschichte, Interviews mit Van Morrison betreffend, spielt im Jahr 1988. Damals versuchte ein Journalist, mit dem Sänger über sein neues Album Irish Hertbeat zu sprechen, doch schon nach der dritten Frage entgegnete ein gelangweilter Morrison: »Ist es ok, wenn ich mich schlafen lege?« Und kurze Zeit später rief er dann entnervt: »Diese Fragen, mein Gott - die kann man nicht beantworten.«

Ob diese Episode, man findet sie in einer Biographie, tatsächlich so stattgefunden hat, weiß ich nicht. Sicher ist aber, dass es nicht leicht ist, mit Van Morrison ins Gespräch zu kommen, und dass er nur selten Interviews gibt. Das gilt besonders für Deutschland: Die Gespräche, die er im Lauf einer über fünfzigjährigen Karriere mit deutschen Medien führte, kann man an einer Hand abzählen, und ein großes Magazin-Interview war, soweit ich weiß, bisher nicht darunter. Umso erfreuter waren wir, als das SZ-Magazin überraschend doch einen Termin bekam und der Fotograf Matthias Ziegler und ich im Spätherbst in die nordirische Stadt Belfast bestellt wurden.

Belfast ist Morrisons Heimatstadt, aber sie ist mehr als das: Von Anfang an hat er die Orte, an denen er aufwuchs, in seinen Liedern mythisch überhöht. Schon auf seinem frühen Meisterwerk Astral Weeks sang er über die nahe seinem Elternhaus gelegene Cyprus Avenue, später über die Hyndford Street, wo er als Kind und Jugendlicher wohnte, oder über den Orangefield Park, an dem seine Schule stand. Am Tag vor dem Interview laufen Ziegler und ich durch Morrisons altes Viertel in Ost-Belfast und besuchen die Orte, wo alles begann: wo Morrison als Teenager zutiefst von amerikanischer Blues- und Soul-Musik berührt wurde; wo er mit anderen Jugendlichen musizierte, Saxofon und Mundharmonika blies; wo er erste Songs schrieb und seine poetische Ader entdeckte; wo der Grundstein für ein einzigartiges, inzwischen rund 50 Alben umfassendes Werk zwischen Blues, Soul und Jazz gelegt wurde, das er bis heute fortschreibt; sein neues Album Versatile erschien Anfang Dezember, nur drei Monate nach dem Vorgänger Roll With The Punches.

Am nächsten Tag sitze ich ihm in einem Hotel nahe Belfast gegenüber. Für Small Talk vor dem Interview ist er nicht zu haben, als es dann aber losgeht, erzählt er sofort lebendig und detailliert. Er spricht über einen prägenden Aufenthalt in Deutschland im Jahr 1963, wo er mit seiner damaligen Band, den Monarchs, Nach für nacht in Bierkellern auftrat und sogar eine Single aufnahm - »als Bezahlung haben wir jeder einen Cognac bekommen«. Er berichtet von der unglaublichen Reaktion eines Bandkollegen, als sie wieder aus Deutschland zurückreisten und Morrison im Zug seinen Plan äußerte, eine Bluesband zu gründen. Er schildert, wie er als Jugendlicher in Leidenschaft für Blues- und Soul-Musik entbrannte - »Ich habe die Seele der Musik gespürt und die Poesie des Blues« -, wie ihn diese Musik durchs Leben trägt und was es ihm bedeutete, später einige der Schöpfer dieser Musik persönlich kennenzulernen. Und er äußert sich sogar zu Astral Weeks und räumt in der ausführlichsten Antwort des Interviews mit einigen Mythen auf, die dieses Album umgeben.

"Deutschland war sehr lehrreich für mich"

In mehr als fünfzig Jahren hat der Sänger Van Morrison ein einzigartiges Werk aus Blues, Soul und Jazz erschaffen. Im Interview schildert er, was er sich von seinen Idolen abgeschaut hat, welche Kämpfe hinter seinem berühmtesten Album stecken - und was ein Bierkeller in Heidelberg damit zu tun hat, dass er immer noch Musik macht.

Foto: Matthias Ziegler

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