In seinen Augen

Bei einer Demo gegen »Stuttgart 21« verlor Dietrich Wagner durch einen Wasserwerferstrahl sein Augenlicht. Wie denken er und andere, die dabei waren, heute über den »schwarzen Donnerstag« vor zehn Jahren, der so vieles verändert hat?

Dietrich Wagner, 76, der am 30. September 2010 von einem Wasserwerfer an beiden Augen schwer verletzt wurde, demons­triert noch heute fast jeden Montag gegen den neuen Bahnhof in seiner Heimatstadt.

Am 30. September 2010 sind, unter Tausenden, drei Männer im Mittleren Schlossgarten von Stuttgart. Dietrich Wagner, Daniel Kartmann und Ralf Perrey.

Ralf Perrey ist damals 46 Jahre, Erster Hauptkommissar, stellvertretender Leiter des Polizeireviers 2, seit zwei Monaten erst. Er hatte lange die Motorradstaffel verantwortet, aber irgendwann kennsch halt den Arafat und Mick Jagger und alle Spieler vom VfB.

Gleich an seinem ersten Arbeitstag im August, morgens um sechs, trat Perrey seinen Dienst aber nicht im Büro in der

Es war ein anstrengender Sommer. Die Einsatzhundertschaften, die Jungen, mussten fast täglich wegen solcher S21-Einsätze aus Göppingen oder Bruchsal anreisen,

Manche Demonstranten sagten, erinnert sich Perrey: Tut uns leid, dass ihr wegen uns Überstunden macht! Es ging gegen die Bahn,

Doch der Tag X musste kommen. Ab 1. Oktober durfte gerodet werden. An jenem 30. September, das war intern seit Tagen klar, sollten sie den Schlossgarten absperren. Ein Großeinsatz, geleitet vom Stuttgarter Polizeipräsidenten Siegfried Stumpf persönlich, einem Mann, den Perrey immer als sehr besonnen erlebt hatte, maßgeblich beteiligt an der »Stuttgarter Linie«, die für Deeskalation stand. Stumpf hatte noch im April, von der Stuttgarter Zeitung gefragt, ob er mit dem Einsatz von Wasserwerfern oder Tränengas rechne, geantwortet, davon halte er gar nichts, »weil das einen starken symbolischen Charakter hat und uns keine Sympathien einbringen würde«.

Ralf Perreys Aufgabe ist es an diesem Tag, dafür zu sorgen, dass die vielen Einheiten, die zur Unterstützung aus Bayern,

Um 10.25 Uhr lösen diese ihren »Alarm« aus, alle Unterstützer werden aufgefordert, sofort in den Schlossgarten zu kommen. Die Ersten

Perrey sieht, wie immer mehr kommen, Alte, Kinder, Brüllende, Weinende, mit Fahrradhelm auf dem Kopf, Plakaten vor dem Bauch, Trommeln,

Ralf Perrey denkt: Warum gehen die nicht weg? Lautsprecherdurchsage nach Lautsprecherdurchsage. Warum bleiben die stehen?

Als er in der

Daniel Kartmann, damals 33,

An diesem Tag aber

Er ruft seine Frau

Kartmann erinnert sich, wie

Er will da raus.

Alles ist dunkel, und

Dietrich Wagner, Jahrgang 1944,

Wagner ist erst einen

Seine Mutter, eine Krankenschwester,

Er machte sich, ohne

Zurück in Stuttgart lernte

Im Park vor zehn

Dietrich Wagner steht in

Er sieht den Knall

Das Bild von dem

Nach diesem tragischen Höhepunkt

Der »schwarze Donnerstag« selbst,

Der Polizeipräsident Siegfried Stumpf bittet im April 2011 um Versetzung in den vorzeitigen Ruhestand, viele Gegner sehen in ihm, der eine Einflussnahme der Politik auf den Einsatz stets bestreitet, ein »Bauern­opfer«. Im März 2015 wird gegen Stumpf wegen fahrlässiger Körperverletzung im Amt in vier Fällen ein Strafbefehl über 120 Tagessätze à 130 Euro erlassen. Im selben Jahr veröffentlicht der Stern Polizeivideos vom 30. September 2010, auf denen zu erkennen ist, dass von den Versammelten keine Aggression ausging, und zu hören, wie ein Polizist Kollegen auffordert, Pfefferspray auf dem Handschuh zu verteilen und Demonstrierenden ins Gesicht zu reiben, und wie im Wasserwerfer (»Jetzt gang a mol dera a bissle auf die Beine«) anvisiert wird. Am 18. November 2015 urteilt das Verwaltungsgericht Stutt­gart, der Polizeieinsatz zur Räumung des Schlossgartens sei rechtswidrig und die ­Härte unverhältnismäßig gewesen, das Land Baden-Württemberg muss in zwei Fällen Entschädigung zahlen: 14 000 Euro an Daniel Kartmann, 120 000 Euro an Dietrich Wagner.

Dietrich Wagner, der auch

Diesen Januar erlitt Dietrich Wagner ­einen Schlaganfall. Morgens trat er zu Erika an den Frühstückstisch, wollte Guten Morgen sagen, konnte aber nicht. Nun kommen die Worte nur noch schleppend aus seinem Mund, er ist, sagt er, ein zweites Mal einer Selbstverständlichkeit beraubt worden. Aber viel mehr plagt ihn, dass nun auch Erika, in all den Jahren sein Auge in die Welt, erblindet. Dem Fernseher können sie nur noch zuhören. Ein Freund liest Dietrich Wagner jede Woche am Telefon den Spiegel vor. Einer von Erikas Söhnen wohnt über ihnen, versorgt sie mit dem Nötigsten. Mit dem, was von dem Geld, das Wagner bekam, noch da ist, kommen sie gerade durch.

Erika ist kürzlich, allein

Im vorigen Jahr gab

In den ersten Jahren

Da er ein Symbol

»Die Leute brauchen immer

Daniel Kartmann sitzt im Juli 2020 in seinem Viertel im Stuttgarter Süden und ärgert sich über Baden-Württembergs Innenminis­ter Thomas Strobl, vor zehn Jahren CDU-Generalsekretär. Damals traf Kartmann Strobl im Fernsehstudio von stern-TV, zu Gast bei Günther Jauch, wo Strobl unbeirrt die Polizei verteidigte. Nach den Ausschreitungen auf der Königstraße, bei denen im Juni 19 Polizisten verletzt wurden, hat Strobl nun von einer »nie dagewesenen Dimension der Gewalt« gesprochen.

»Das klingt in meinen

Eine Freundin fand Daniel

Er hatte gedacht, die

Als beim Mittleren im

Es hat zehn Jahre

Kartmann brauchte Abstand von

Mittlerweile war Kartmann immer

Er sagt, er erinnere

Ralf Perrey sitzt in

Ohnehin gab es, sagt

Und Ralf Perrey? Ihm

Oft wurde Perrey auf

Gut, eines muss man

Nach dem Bürgerentscheid 2012,

Jetzt reicht es, wenn

Manche Protestler fragen Perrey

Und Perrey fragt zurück:

Auf dem Flur vor

Ralf Perrey hat längst

Es geht ihm nur

Daniel Kartmann war 1989,

Dietrich Wagner, er bereut

Ralf Perrey, Daniel Kartmann