Reihe 7 Platz 88

Udo Voigt hat sein Leben in der NPD verbracht. Er verachtet die EU. Doch seit einem Jahr sitzt er im Europaparlament. Wie hält die Demokratie so einen aus? Und hat ihn dieses Amt verändert? Wir haben ihn vom ersten Tag an begleitet.

Udo Voigt ist seit 47 Jahren in der NPD, ein Rechter, ein Staatsfeind, wegen Volksverhetzung und Verherrlichung der Waffen-SS vorbestraft, aber wenn er einen leeren Raum mit weißen Wänden sieht, geht es ihm wie den meisten: Er will ihn bunt, er will ihn gemütlich machen. Bei der Europawahl 2014 haben ihm 301 139 Menschen ihre Stimme gegeben, das hat für einen Sitz im Europaparlament gereicht. Jetzt hat er zwei Büros in Straßburg und Brüssel einzurichten. Was also könnte er aufhängen

Aber noch ist es nicht so weit. In zwölf Stunden wird ein Streichquartett die achte Legislaturperiode des Europaparlaments in Straßburg eröffnen. Dann wird Udo Voigt der erste und einzige Europaabgeordnete der NPD sein. Es ist der Abend des 30. Juni 2014, Voigt sitzt beim Griechen in Ohlsbach an der deutsch-französischen Grenze, im Fernsehen läuft Fußball-WM, Deutschland gegen Algerien. Er hat seine Mitarbeiter um sich geschart, er nennt sie »Kameradinnen und Kameraden«: seinen persönlichen Referenten Karl Richter, Musikwissenschaftler und Historiker, der

Die neue Epoche, das ist ein Einzelabgeordneter ohne Fraktion und Einfluss, der im Parlament gelegentlich sechzig Sekunden am Stück sprechen darf. Der Vertreter einer Partei, die ausgegrenzt wird und gerade mal wieder als verfassungswidrig verboten werden soll. Voigt trägt einen akkuraten Schnauzbart. Wenn er geht, wackelt er leicht hin und her, in Blouson und bequemen Schuhen; wenn er lächelt, sieht er verschmitzt aus. Trotzdem ist er einer der meistgehassten Menschen Deutschlands. In der U-Bahn hat er grundsätzlich eine Zeitung

Heute Abend muss er sich nicht verstecken. Als er am Nachmittag die Schlüssel für sein Büro abgeholt hat, habe man ihn sofort erkannt, sagt er. »Ah, der Herr Voigt aus Deutschland«, habe der Beamte vom Sicherheitsdienst gesagt, »um Sie kümmere ich mich persönlich.« Er ist jetzt Europaabgeordneter, verdient 8020 Euro im Monat, genießt Immunität, hat Anspruch auf Fahrbereitschaft und persönliches Briefpapier. Sein Hausausweis klemmt am Revers, daneben die goldene Parteinadel, die er für dreißig Jahre NPD-Mitgliedschaft überreicht bekam, das war noch im vergangenen Jahrhundert. Heute Abend gibt er sich staatsmännisch, während die anderen blödeln. Sie trinken auf das »deutsche Elsass-Lothringen«, nennen Miroslav Klose »den Oberschlesier«, die neuen Bundesländer »Mitteldeutschland«. Sie machen das absichtlich. Ein Reporter des SZ-Magazins sitzt am Tisch, dann soll er auch die NPD kriegen, die er sich vorgestellt hat. Richter erzählt, dass er im Kinofilm Der Untergang eine Statistenrolle als Adjutant gespielt habe. »In einer Szene«, sagt er, »durfte ich Hitler sogar die Hand geben. Danach hab ich mich eine Woche lang nicht gewaschen.« Alle lachen, Voigt lächelt nicht mal. Dass ausgerechnet Özil in der 119. Minute das erlösende 2:0 schießt, kriegen sie nur noch am Rande mit. Ein Parlamentsmitarbeiter hat die Sitzordnung für den Plenarsaal vorbeigebracht. Jetzt beugen sich alle drüber, suchen Voigt, zitieren Namen, Marine Le Pen, Alessandra Mussolini, Martin Sonneborn, alle sind da, nur Udo nicht. Wo sitzt er bloß? Und neben wem? »Mensch, Udo«, ruft Meenen, »da bist du ja. Ganz rechts außen, das passt.« Und wirklich, Voigt sitzt in der siebten Reihe, Platz 88. Sie lachen. Sie jubeln. Sie können es nicht fassen. 88 – das Symbol für Heil Hitler. Am nächsten Tag schreibt der Titanic-Herausgeber Sonneborn auf Facebook: »Die 700er Plätze sind für die Fraktionslosen und Verhaltensauffälligen reserviert. Udo Voigt sitzt auf Platz 788 – doch ein Spaßparlament.«

Udo Voigt ist es nicht gewohnt, dass sich Journalisten wirklich für ihn interessieren. Linke Zeitungen berichten gelegentlich mit einem Hang zur Hysterie, meistens wird er ignoriert. Er sieht das als Auszeichnung. Über die Idee, ihn ein Jahr zu begleiten, war er überrascht. Das erste Treffen fand im März 2014 im »Bistro Bonjour« des Einkaufszentrums in Berlin-Köpenick statt, wo er eine 40-Quadratmeter-Wohnung besitzt.

»Der grünste Bezirk Berlins«, sagt er stolz, »Ausländeranteil 3,4 Prozent«, außerdem Sitz der NPD-Zentrale, nur ein paar Kilometer

Um in Deutschland gewählt zu werden, stand neulich im Spiegel, müsse ein Politiker sein wie Angela Merkel: verlässlich, berechenbar, vernünftig. Auch wenn es merkwürdig klingt, all das ist Udo Voigt. Er ist extrem höflich und freundlich, definitiv kein Macho und für einen Politiker erträglich narzisstisch. Er ist eitel, aber er ist es still. Er möchte nicht berühmt oder reich werden, er möchte das deutsche Volk vor dem Untergang bewahren. So sieht er das. Er hört gut zu, ist immer, wirklich immer pünktlich. Sitzt der Reporter wie abgemacht um acht Uhr am Frühstückstisch im Hotel, schaut er auf die Armbanduhr, sagt »Punkt acht Uhr, Respekt!« und balanciert sich eine Scheibe Gouda vom Buffet auf den Teller. Man hat nie den Eindruck, dass er sich verstellt oder gefallen möchte. Von 1996 bis 2011 war er Parteivorsitzender einer rechtsextremen Partei, da kann er nicht auf einmal so tun, als wäre er ein bisschen konservativ. Es würde ihm auch nichts nützen. Er weiß, sein Kapital sind seine eindeutigen Ansichten, seine radikalen Ideen und seine Dreistigkeit, beides offen auszusprechen. Im Gegensatz zu allen anderen Politikern verzichtet er auch darauf, seine Zitate in Texten wie diesem vor dem Abdruck gegenzulesen. »Voigt ist ein Kumpeltyp«, sagt der Publizist Toralf Staud, der seinen Werdegang seit Jahren kritisch beobachtet. »Viele können sich nicht vorstellen, dass ein Rechter gern trockenen Rotwein trinkt und gute Manieren hat, aber Voigt ist eben beides: ein umgänglicher Mensch und ein völkischer Rassist.« Michel Friedman, ehemaliger Vizevorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland, sagt: »Als NPD-Funktionär ist er ein gefährlicher und rückwärtsgewandter Menschenfeind und geistiger Brandstifter.«

Voigt lacht selten, ironisch ist er nie. Alles, was er sagt, auch nach Feierabend in der Kneipe, klingt

Als Voigt 1968 in die NPD eintrat, war die Partei in sieben deutschen Landesparlamenten vertreten, heute hält sie

Bei der Bundestagswahl 2013 kam sie auf 1,3 Prozent. Es ist, als wäre die Zeit über die NPD

Voigt sieht das nicht so. Und wenn doch, würde er es nicht zugeben. Voigt ist keiner, der aufgibt.

Was aber hat so einer im Europaparlament verloren? Ein EU-Gegner und Verschwörungstheoretiker, der jeden Widerspruch als Bestätigung empfindet

Die ersten Tage in Straßburg fühlen sich gut an, so viele Termine, so viel Wirbel war lange nicht. Voigt schafft es, in den LIBE-Ausschuss für Menschenrechtsfragen, Asylpolitik und Innere Sicherheit zu kommen, außerdem endlich mal wieder in die Zeitung: Der britische Guardian stellt die merkwürdigsten Europaabgeordneten vor. Ehrensache, dass er dabei ist. Charlotte Knobloch, ehemalige Präsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland, protestiert: Ein Nazi im Ausschuss für Menschenrechte! Voigt kontert: »Genau der richtige Ort für einen Patrioten.« Am ersten Tag läutet sogar einmal das Telefon, und am anderen Ende ist nicht der Sicherheitsdienst: Ein kanadischer Journalist bittet um ein Interview. »I think tomorrow morning it should be possible.« Als Voigt am nächsten Morgen vor seiner Bürotür steht, starrt er auf einen Aufkleber: »Nazis raus!«

Als die Europahymne gespielt wird, steht er nicht auf. Als Martin Schulz von der SPD zum Präsidenten vereidigt

Donnerstag, 3. Juli 2014. Die erste Sitzungswoche ist vorüber. Voigt steht vor der Tiefgarage des Parlaments, der Abendwind

Vier Tage lang ist er jetzt durch diesen Glasbunker gehetzt, dieses Neonlichtlabyrinth aus Gängen und Sälen. Er hat

Da findet er die Atmosphäre in Straßburg schon kollegialer, in Wahrheit ist sie anonymer, technokratischer, gleichgültiger; es macht

Mitte Juli 2014 feiert Voigt seinen ersten Triumph. Es ist wieder ein Donnerstag, 12.30 Uhr, als er sich

Im EU-Parlament sitzen 120 EU-Skeptiker, Rechtspopulisten und Nationalkonservative. So viele wie nie zuvor, eine Fraktion bilden sie nicht.

Wenn Voigt Dinge zu besprechen hat, die niemanden etwas angehen, geht er in den Wald. »Zwischen den Bäumen

»Haben Sie gedient, Herr Haberl?«, die Frage stellt er dem Reporter nach wenigen Tagen. Sie ist ihm wichtig.

Voigt tritt 1968 mit 16 Jahren in die NPD ein und wird ebenfalls Soldat. Er meldet sich als

Als Soldat sind seine Beurteilungen tadellos – bis zu diesem Tag im Jahr 1982, als er nach München

Er studiert dann Politikwissenschaften in München, macht eine Reinigung auf, setzt einen Wohnmobilverleih in den Sand, aber vor

Samstag, 1. August 2014, 17 Uhr. Die Quadriga auf dem Brandenburger Tor leuchtet, die Abendsonne bricht durch die

Jetzt stehen auf dem Pariser Platz: hundert Bereitschaftspolizisten, zweihundert Gegendemonstranten, Antifa, Linke, Grüne, aber nur zwölf NPD-Kader. »Absicht«,

Noch ein paar Minuten bis zu seiner Rede. Voigt wippt auf den Fußsohlen hin und her, mehrmals zieht

Udo Voigt ist 63 Jahre alt. Er stammt aus Viersen am Niederrhein. Mit 16 trat er der NPD bei, später studierte er zwei Semester Luft- und Raumfahrttechnik, dann Politikwissenschaften in München. Seine Diplomarbeit trug den Titel Souveränitätsdefekte der Bundesrepublik Deutschland. Als Parteivorsitzender (1996 bis 2011) führte er die NPD in zwei Landtage, seit 2014 ist er ihr erster und einziger Abgeordneter im Europaparlament. Voigt ist verheiratet, kinderlos und lebt in Moosburg (Bayern) sowie in Berlin-Köpenick.

In Berlin am Brandenburger Tor braucht er zwanzig Minuten, um sein Vermächtnis auszubreiten, sein Weltbild, in das er sich über die vergangenen Jahrzehnte besessen hineingelesen, -gedacht, -gesteigert haben muss. Er scheint nicht oft mit Menschen gesprochen zu haben, die anderer Meinung waren, und wenn doch: hat er sich bestätigt gefühlt. Er ist keiner, der die Mehrheit mit der Wahrheit verwechselt. Auf jeden Fall sei die Bundesrepublik Deutschland kein souveräner Staat, vielmehr fremdbestimmt von den USA, die gemeinsam mit dem internationalen Großkapital an der Zerschlagung und Vermischung der Völker arbeiteten. Ihr Ziel seien multikulturelle Gesellschaften als ideale Ausbeutungsobjekte des Großkapitals. Denn wenn ein Volk seine Identität und Kultur verloren habe, könne sich der Kapitalismus ungebremst ausbreiten. Dann habe das Geld über die Seele, Amerika über Europa und die Gier über den Stolz gesiegt. Dann gebe es keine Völker mehr, nur noch Heere identitätsloser Konsumenten, die nicht wissen, wer ihre Väter, wer ihre Großväter waren. Er hat nicht den geringsten Zweifel an dieser Logik. Und wenn er sie noch mal ausbreitet, abends in der holzvertäfelten Kneipe, einen Hawaii-Toast auf dem Teller, kommt er einem vor wie ein ängstlicher alter Mann, ein sentimentaler Romantiker, der sich damit tröstet und brüstet, stellvertretend für das deutsche Volk eine Kränkung, eine unglaubliche Demütigung mit sich herumzutragen: die verlorenen Weltkriege, die Besatzung durch die Alliierten, der dauernde Souveränitätsverlust, die Reparationszahlungen, überhaupt die EU, Brüssel, Google, NSA und jetzt die vielen Fremden, die zu Hunderttausenden in seine Heimat strömen. Wenn er an seine Kindheit denkt, höre er den Klang von Schalmeien, sagt er. Udo Voigt leidet, weil sein Land, wie er es kennt und liebgewonnen hat, weil seine übersichtliche deutsche Nachkriegswelt verschwindet und weil er ahnt, dass sie nicht wiederkehren wird. Als wären die Flüchtlinge aus Syrien und Eritrea schuld daran, dass deutsche Kinder auf Handys aus Amerika starren statt Volkslieder zu singen.

»Das Land, das die Fremden nicht beschützt, geht bald unter«, heißt es in Goethes West-östlichem Divan. Voigt ist sicher: Es ist andersherum. Integration, das ist für ihn gleichbedeutend mit Völkermord. »Heim wandern statt einwandern« war das Motto von Briefen, die die NPD 2013 an mehrere Bundestagskandidaten mit Migrationshintergrund geschickt hat. Aber weil er weiß, dass es sich nicht gehört, Menschen, die um Hilfe flehen, einfach wegzuschicken, fügt er hinzu: »Wir müssen dafür sorgen, dass diese Menschen gar nicht fliehen. Wir müssen ihnen in ihrer Heimat helfen.« Ganz unrecht hat er nicht, wenn er sagt, dass der Westen die Menschen in der Dritten Welt erst ausbeutet und dann überfordert ist, wenn sie vor der Haustür stehen.

Straßburg, Februar 2015, Montagnachmittag. Voigt ist sauer, vor ein paar Tagen hat er einen Brief vom Direktor seines

Er ist jetzt seit fast einem Jahr Europaabgeordneter. Er hat seinen Rhythmus gefunden: eine Woche Straßburg, eine Woche

Voigt hat den Mann gefunden, den seine Partei in Zeiten wie diesen braucht: Es ist der Udo Voigt,

Udo Voigt ist ein geheimnisloser, kein unangenehmer Mensch. Als Politiker ist er gefährlich, weil er mit seinen Reden

Fotos: Daniel Delang