Heile, heile Segen?

Turbokapitalismus, Totalökonomisierung - die Kirche müsste die Institution sein, die dem Wahnsinn der Gegenwart Werte entgegensetzt. Warum zum Teufel schafft sie das nicht? Eine Brandrede.


Vor rund einem Jahrzehnt schrieb der Medientheoretiker Norbert Bolz: »Das Heilsversprechen der Religion, die Utopie der Politik, das Bildungsideal des Humanismus … In diesen Traditionen stecken keine Modelle für eine postmoderne Lebensführung.« Lässig und mit der Attitüde, dass er ja nichts aufregend Neues mitteilt, schob Bolz die Kirchen, Parteien und Gewerkschaften und mit ihnen auch ihr humanistisches Wertesystem ins Museum für ausgemusterte Ideen und Institutionen. Durch den Zerfall dieser Institutionen seien die Werte obdachlos geworden, sagte Bolz mit ruhiger Gleichgültigkeit – die schon damals viele teilten, und heute sind es noch mehr.

Aber ist den Gleichgültigen auch klar, was es bedeutet, wenn unsere Werte für museumsreif erklärt werden? Arbeit ist dann nicht mehr etwas, was seine eigene Würde hat, sondern eine auf dem Markt frei handelbare Ware, deren Preis beliebig gedrückt werden darf. Der arbeitsfreie Sonntag ist keine soziale und kulturelle Errungenschaft mehr, sondern ein verlorener Arbeitstag, ein Wettbewerbshindernis. Medien sind nicht mehr dazu da, um mündigen Bürgern Aufklärung, Information und Bildung zu vermitteln, sondern um Werbebotschaften möglichst kostengünstig und zielgruppengenau an Konsumenten zu bringen. Wir sind nicht mehr demokratische Staatsbürger, sondern Produzenten und Konsumenten. Wir bewohnen nicht mehr unsere Heimat, sondern hausen an Industriestandorten. Bürger sind wir allenfalls noch in dem Sinn, dass wir für die Schulden der Kasinokapitalisten und abgewirtschafteter Regierungen bürgen. Schulen sollen dann nicht mehr bilden und erziehen, sondern Kindern und Jugendlichen jene marktgängigen Fähigkeiten antrainieren, die sie brauchen, um als Soldaten im Krieg um Marktanteile verheizt werden zu können.

Universitäten sind nicht mehr Stätten der Bildung, sondern Infrastruktureinrichtungen, die marktnahen Technologietransfer und »Humankapital« – oder sagen wir ruhig: Menschenmaterial – für die Schlacht auf den Weltmärkten liefern.

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Wissenschaftler fragen nicht mehr: Was ist wahr?, sondern: Was ist nützlich? Sie fragen nicht mehr: Was zu erforschen wäre wichtig?, sondern: Womit verschaffe ich mir Aufmerksamkeit, Drittmittel, neue Planstellen und viele Studenten?

Soziologen reden noch immer vom Wertewandel. Tatsächlich haben wir es schon längst mit einer gewaltigen Wertezerstörung zu tun. Und nicht islamische Terroristen, sondern wir selbst zerstören jene westlichen Werte, die angeblich am Hindukusch verteidigt werden, mit unserer Art zu wirtschaften viel gründlicher und nachhaltiger, als die Islamisten es je vermögen. Peter Glotz verglich diese in den Neunzigerjahren beginnende Entwicklung mit einem »gottverdammten SA-Sturm«, »der alles in Scherben haut«. Wer könnte diesem Sturm Einhalt gebieten? Regierungen? Parteien? Gewerkschaften? Die Kirche? Ach.

Und trotzdem: Die Kirche müsste es tun. Sie ist die älteste und einzige globale Organisation, die sich der Weltherrschaft des Geldes in den Weg stellen könnte – Global Prayers gegen Global Players, hoffte ich vor rund einem Jahrzehnt. Ich hielt die Kirche für aufgeklärt und geläutert. Gerade weil sie Macht und Einfluss verloren und über ihr Versagen in allen Jahrhunderten reflektiert hat, sei sie auf dem Wege, gütig, weise und für die Welt wichtig zu werden, dachte ich. Sie wäre doch genau die richtige Kraft für den Aufbau einer wirklichen Wertegemeinschaft.

(Welche Rolle die Kirche in seiner Kindheit für Christian Nürnberger gespielt hat, und wie sie sein Vertrauen trotz Enttäuschungen bis heute nicht verloren hat, lesen Sie auf der nächsten Seite.)


Da war viel Nostalgie im Spiel. Ich hatte in meiner Kindheit und Jugend nur gute Erfahrungen gemacht mit beiden Kirchen. Das evangelische Pfarrhaus war der einzige Ort im Dorf, an dem ich mit Büchern, Musik, anspruchsvollen Texten, Kultur in Berührung kam. Ein katholischer Priester machte mich mit moderner Theologie vertraut.

Mit diesen Erinnerungen im Kopf näherte ich mich wieder den Kirchen – und merkte während des Näherkommens: Sie sind zerstritten, mit sich selbst beschäftigt, nur noch um ihren Selbsterhalt besorgt, holen Rat ausgerechnet von McKinsey-Jüngern, den Missionaren der Wertpapiergesellschaft, und befolgen ihn.

Es kann doch nicht so schwer sein, die Bischöfe von diesem Irrweg abzubringen, dachte ich und schrieb ein Buch: Kirche, wo bist du? So naiv war ich halt. Weil das Buch nichts nützte, besuchte ich ein Jahrzehnt lang Gemeinden und kirchliche Gremien beider Konfessionen und warb dort für eine Kirche, die eine weltweit sicht- und lebbare Alternative zum Globalkapitalismus entwickelt. Ich blieb also naiv.

Außerhalb der Kirche outete ich mich in meiner total säkularen Umgebung als Mensch mit kirchlicher Restbindung und nahm das mal offene, mal versteckte mitleidige Lächeln gelassen hin. Gelegentlich passierte es bei
solchen Gesprächen, dass jemand mit großer Verbitterung, ja mit Hass, von seiner Kloster- oder Nonnenschulzeit erzählte, fast immer schreckliche Geschichten – die ich für übertrieben hielt und als seltene Einzelfälle und Ausnahmen abtat.

Wie naiv ich wirklich war, weiß ich erst, seit man erfährt, dass in der Institution des Zölibats und der Keuschheit, wo Homosexualität und sogar das Einnehmen der Verhütungspille als Sünde gilt, massenhaft Päderasten am Werk waren und sadistische Schläger obendrein. Dass diese Institution während der ganzen Zeit, in der sie die schärfste Null-Toleranz-Politik gegen ihre Hasenhüttls, Küngs und Drewermänner betrieb, Lust- und Prügelpriester gewähren ließ, sie vor dem Staatsanwalt schützte, anderen Gemeinden unterschob und geradezu kriminelle Energie darauf verwandte, dass bloß nichts nach draußen dringt – das lag außerhalb meines Vorstellungsvermögens.

Viele treten jetzt aus der Kirche aus. Ich bleibe drin und lasse mir meine Naivität nicht kaputtmachen. Nur wer drin ist, kann etwas ändern, und mag der, der vorn das Evangelium liest, auch ein verlogener Heuchler oder Zyniker sein – er liest immerhin. Als Gefäß, in dem die biblischen Geschichten durch die Jahrhunderte getragen werden, taugt die Kirche trotz allem noch immer. Um dieser Geschichten willen, die wir weiter brauchen, weil ihnen noch immer keine Wirklichkeit entspricht und weil in ihnen das Gegenmittel zur heidnischen Geldreligion steckt, sollte man das brüchige Gefäß nicht noch weiter zerbrechen – und um jener Menschen willen, die ihren Dienst untadelig und engagiert versehen haben und weiter versehen.

Die gibt es ja auch noch. Es ist die Mehrheit. Die Basis.

Die versteht ihre Oberen schon lange nicht mehr, erträgt deren weltfremde Direktiven nur noch unter Seufzen, feiert aus Rücksicht auf empfindliche Bischofsgemüter das Abendmahl nicht mit den evangelischen Minderbrüdern, nimmt Pillenverbot und Zölibat schicksalsergeben hin. Aber jetzt geht die Langmut zur Neige, und der Ökumenische Kirchentag 2010 mit seinem Motto Damit ihr Hoffnung habt wäre ein guter Ort, um dort den Kirchenvolkszorn zu entladen, zumal von dort auch diesmal wieder die üblichen hoffnungslosen Signale ausgesandt werden: Eckhard Nagel und Alois Glück, die obersten »Ausrichter« des Kirchentags, bitten darum, »in Bezug auf Eucharistiefeier und Abendmahl in ökumenischer Sensibilität miteinander umzugehen«. Es wird also kein gemeinsames Abendmahl geben. Abermals nicht.

Vielleicht fragt die Basis jetzt mal, ob die Oberen, die es gegenüber den Opfern sexuellen Missbrauchs und von Gewalt über Jahrzehnte an Sensibilität fehlen ließen, zur Abwechslung mal Sensibilität zeigten gegenüber den Wünschen des Volkes? Wie viele Jahrhunderte sollen sich jene, die die Kirche tragen, von den Gralshütern der reinen Lehre noch sagen lassen: »Wir sind noch nicht so weit«?

Wie lange noch dürfen in der Kirche solche Rambo-Katholiken wie der Mixa-Berater Dirk Hermann Voß tonangebend sein, der mithilfe des Geldes der einfachen Gläubigen über ein katholisches Medienimperium gebietet, welches nur den privaten Machtgelüsten des Herrn Voß dient? In der großen weiten katholischen Welt tummeln sich unzählige Seilschaften und Kleinstklüngel von der Machart des Voß’schen Netzwerks, in denen obskure Kreuzritter-Machiavellis um Macht, Geld und Posten rangeln. Warum sollte deren buntes Treiben immer weiter mit Kirchensteuern finanziert werden?

(Auf der nächsten Seite lesen Sie, was die Kirchte tun könnte, um ihrem Anspruch als Hoffnungsträger wieder gerecht zu werden.)

Draußen fällt ein Schaf nach dem anderen in den Brunnen, und drinnen im Tempel streiten Laien und Kleriker über das richtige Abendmahlsverständnis wie einst die Pharisäer mit Jesus über die rechte Sabbatheiligung. Draußen marschieren die Industriestandort-Kommandanten und hauen die Welt in Scherben, drinnen will der Bischof seinen Schäflein weismachen, das Überleben der Kirche hänge vom Zölibat ab. Und Frauen sollen untauglich fürs Priesteramt sein, nur weil das vor Jahrhunderten ein paar alte Patriarchen so beschlossen haben.

Theologen streiten heute bei fast jedem Jesuswort darüber, ob es sich um ein echtes Wort oder nur um eine »Gemeindebildung« handelt, sie sprechen bei zentralen biblischen Geschichten ganz ungeniert von Märchen, Sagen, Legenden, Mythen, die ganze kirchliche Dogmatik steht also auf tönernen Füßen, und diese Füße stehen in sumpfigem Gelände, aber der Papst und seine Gelehrten ziehen aus diesem Sumpf eher-ne Gesetze für die Ewigkeit und tun so, als seien ihre dogmatischen Blüten mit harten Tatsachen verwurzelt. Es sind aber nur Ableitungen aus zeitbedingten Interpretationen von Interpretationen längst vergangener Fakten, die wir nicht mehr kennen.

Der heutige Papst hat, als er noch der junge Professor Ratzinger war, in seiner Einführung ins Christentum eine Geschichte des französischen Schriftstellers Paul Claudel zitiert. Darin betet ein schiffbrüchiger Jesuitenmissionar, auf dem Balken eines gesunkenen Schiffes im Meer treibend: »Herr, ich danke dir, dass du mich so gefesselt hast. Zuweilen geschah mir, dass ich deine Gebote mühsam fand …Doch heute kann ich enger nicht mehr an dich angebunden sein, als ich es bin, und mag ich auch meine Glieder eines um das andere durchgehen, keines kann sich auch nur ein wenig von dir entfernen. Und so bin ich wirklich ans Kreuz geheftet, das Kreuz aber, an dem ich hänge, ist an nichts mehr geheftet. Es treibt auf dem Meere.«

Der junge Ratzinger sah darin die Situation des Glaubenden von heute. Nur ein über dem Nichts schwankender loser Balken scheint ihn noch zu halten.

Der alte Ratzinger versucht heute, diesem Treibgut des Glaubens als Leuchtturm und Fels in der Brandung zu erscheinen. Aber das Treibgut durchschaut das Leuchtturm-Gebaren des Papstes als Pose und hat nun endgültig das Gefühl: Der schwimmt ja selbst mit verrostetem Kompass durch die Welt und mit ihm seine ganze katholische Kirche.
Daher wäre jetzt der richtige Zeitpunkt für die längst fällige Erneuerung beider Kirchen gekommen.

Die Korrektur der Unterleibsgeschichten wäre noch keine wirkliche Erneuerung, sondern nur deren Voraussetzung. Erst wenn die katholische Kirche aufhörte, ihre Energie für ihre lächerlichen Kämpfe gegen Pille, Kondom und Frauen zu verschleißen, könnte sie anfangen, sich gemeinsam mit den evangelischen Mindergläubigen im Aufbau einer Alternative zum wertevernichtenden Kapitalismus zu erneuern. Erst dann wüchse den Kirchen die Kraft zu für den eigentlichen Auftrag, »Volk Gottes« zu sein und als solches der Welt vorzuleben, wie man leben muss, damit das Leben aller gelingt.

Das Personal, das man dafür bräuchte, gibt es in Rom nicht, auch nicht in
den bischöflichen Ordinariaten, und in den Gemeinden ist es dünn gesät. Daher wird wahrscheinlich nichts geschehen. Allenfalls eine zähe, über Jahre sich hinziehende neue Zölibatsdebatte wird es geben, und die gut organisierten Machtklüngel werden dem Kirchenvolk ihren erbitterten Widerstand entgegensetzen, so lange, bis kein Volk mehr da ist – es sei denn, das Volk rebelliert endlich.

Aber vermutlich sind die meisten potenziellen Rebellen schon ausgetreten und hinterlassen eine Ruine. Vielleicht sprießt daraus irgendwann mal, in Jahrhunderten, eine neue Kirche – falls dann noch Menschen leben. Mehr Hoffnung gibt es zurzeit leider nicht.

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Gäbe es die Rote Liste aussterbender Arten auch für Menschen – Christian Nürnberger, 59, stünde drauf: Er ist seit 25 Jahren mit derselben Frau verheiratet, seit 40 Jahren in der SPD, genauso alt ist sein Bart, aber am ältesten ist seine Mitgliedschaft in der evangelischen Kirche, 2011 werden es 60 Jahre.