Der Kick

Unser Autor trainiert seit Jahren Mixed Martial Arts. Einen richtigen Kampf hat er aber immer gescheut. Bis jetzt.

»Fight!«, ruft der Ringrichter. Die Welt schrumpft auf dreieinhalb mal dreieinhalb Meter. Wird begrenzt von ein paar Seilen. Dahinter verschwinden die Rufe des Publikums. Mit ihnen ihre Gestalten. Nur noch meinen Gegner habe ich vor Augen. Seine Glatze, seinen mit Tattoos zerstochenen Oberkörper. Er stürmt auf mich zu. 77 Kilo Testosteron, Muskeln und Aggression. Obwohl ich wusste, dass er aus diesem Kampf eine Schlägerei machen will, geht alles viel schneller, als ich dachte. Ich kann nur eine Kombination schlagen, bevor er meinen Reichweitenvorteil zunichtemacht. Die erste Faust, die mein Gesicht trifft, spüre ich nicht. Die zweite auch nicht. Das Adrenalin spült den Schmerz fort. Und doch denke ich, dass es irgendwie nicht so läuft, wie ich mir das vorgestellt hatte.

Sechs Wochen vorher. Meine Trainer Patrick und Ben sagen, es finde wieder ein Amateurturnier im Mixed Martial Arts statt, in Reutlingen. Ich sei überfällig, solle endlich teilnehmen. Dreizehn Jahre Kampfkunst und Kampfsport, aber gekämpft habe ich nie. Warum, weiß ich nicht. Vielleicht wegen meiner Nase. Ich mag sie. Frauen mögen sie. Meinen Trainern scheint sie egal zu sein. Zwar sind unter Amateuren – anders als in den Profikämpfen – keine Ellenbogenschläge und keine Schläge am Boden erlaubt. Dafür aber im Stand Kniestöße zum Kopf, Kicks, Faustschläge mit Handschuhen, die nur in etwa ein Drittel so dick sind wie die der Boxer. Am Boden sind Würger, Arm-, Handgelenks-, Fuß-, Bein- und Fersenhebel zugelassen, die schnell mal das Kreuzband zerreißen. Vielleicht wollte ich das auch nie wirklich: Jemandem mein Knie auf das Nasenbein rammen, ihm mit einem Kinnhaken den Kiefer zerschmettern. Sparring und Training sind damit nicht zu vergleichen. Andererseits werde ich nicht mehr so viele Gelegenheiten zum Kämpfen bekommen. Der Jüngste bin ich für einen Kämpfer nicht mehr. All die Jahre Training, ohne einmal zu kämpfen? Hemingway war doch auch Amateurboxer. Und John Irving ein erfolgreicher Ringer. Ich zögere, doch schließlich nicke ich mit dem Kopf – ich werde kämpfen.

Als ich meiner Mutter davon erzähle, schaut sie mich entgeistert an und sagt, ich sei bescheuert. Sie ist Heilpraktikerin für Psychotherapie und absolvierte erst letztens eine Weiterbildung in Gewaltfreier Kommunikation. Sie meint, sie hätte mich nicht 36 Wochen mit sich herumgetragen und jahrelang großgezogen, damit ich mich verprügeln lasse. Ich sei viel zu sensibel für diesen Sport. Ich würde doch lesen und schreiben und Anzüge tragen und ins Theater gehen. Ich antworte, dass das eine dem anderen nicht widerspricht. Dass Platon angeblich zweifacher olympischer Meister in Pankration war, dem Allkampf. Nichtkampfsportler verstehen Kampfsportler nicht. Und manchmal verstehen mich auch Kampfsportler nicht. Wenn sie das Kürzel MMA für Mixed Martial Arts hören, kann ich sehen, wie sie denken: Was soll das sein? Ein Nachtclub? Eine neue Designerdroge?

In den USA hat MMA längst das Boxen als Breitensport verdrängt. In deutschen Medien nennen sie die MMA-Sportler Käfigkämpfer, moderne Gladiatoren. Es ist eine umstrittene Kampfsportart. Jahrelang war ihre Ausstrahlung im deutschen Fernsehen untersagt. Es handle sich nicht um einen Sport, hallte es aus den Ministerien. Auf einen am Boden liegenden Gegner einzuschlagen sei ein inakzeptabler Tabubruch. Erst jetzt kippen die Gesetze langsam. Man munkelt, dass ein Sender wie Sky die Rechte für die Ausstrahlung in nächster Zeit erwerben könnte.

Auch am Boden sind die Kämpfer nicht wehrlos. Der Käfig, auch Oktagon genannt, in dem gekämpft wird, trägt sicherlich seinen Teil zur Inszenierung bei. Allerdings würden die Kontrahenten aus einem gewöhnlichen Ring mit Seilen leicht herausfallen. Die Handschuhe sind im Vergleich relativ dünn, da mit herkömmlichen Boxhandschuhen schlecht bis gar nicht gegriffen werden kann. Da MMA alle Sphären des Kämpfens bedient, ist vieles erlaubt (siehe oben), aber bei Weitem nicht alles. Kleine Gelenke wie Finger und Zehen dürfen nicht angegriffen werden, Tiefschläge, Kopfstöße, direkte Schläge auf den Hals und vieles mehr sind untersagt. Gewinnen kann man durch technischen oder körperlichen K. o., Punktsieg oder Aufgabe des Gegners. Es ist ein hochkomplexer, technisch anspruchsvoller Sport. Der Laie, der sich nicht auskennt, verkennt das leicht, der sieht nur das Blut und die Kämpfer, die auf einen am Boden liegenden Menschen einschlagen.

Aber das heutige MMA ist nichts im Vergleich zu früher. Damals war es noch »vogelwild«, wie Patrick sagt. Mit meinen langen Haaren hätte ich nicht zu kämpfen brauchen, an denen hätte man mich einfach festgehalten. Patrick war von der ersten Minute an dabei. Damals, als es noch keine MMA-Schulen gab, als man noch von Kampfschule zu Kampfschule pilgerte, um sich sein Wissen anzueignen. Jahre nachdem Patrick seine Boxkarriere aufgegeben hatte, weil er fand, mehr von der Gunst irgendwelcher Leute abhängig zu sein als von seinen eigentlichen Fähigkeiten, kursierten seine Boxkämpfe im Internet. Jemand wurde auf ihn aufmerksam und überzeugte ihn, bei dieser »neuen Sache« mitzumachen.

Bald fand Patrick sich in einer russischen Disko in Frankfurt wieder. Über dem Ring thronte eine Glaskabine. Im Zigarrennebel prosteten sich dort Frauen in Stöckelschuhen und Männer mit Champagner zu. Unter ihnen focht Patricks Gegner seinen Vorkampf aus. Er brach seinem Kontrahenten den Arm. Elle und Speiche waren sichtbar. Ins Krankenhaus wollte man den Verletzten nicht bringen – die Veranstaltung war illegal. Patrick war das egal. Eine Krankenversicherung hatte er damals ohnehin nicht. Er gewann den Kampf.

Ich beginne mit der Vorbereitungsphase. Wenn ich es schaffe, trainiere ich drei Stunden täglich, sechs Tage die Woche. Laufen, Krafttraining, Functional Fitness, Yoga, Muay-Thai-Boxen, Brazilian Jiu-Jitsu, Ringen, Judowürfe und spezielle MMA-Techniken. Morgens gehe ich laufen, sprinte Intervall, um die Kampfintensität zu simulieren. Während ich lächelnd an meinem Nachbarn vorbeijogge, schaut er verdutzt – noch nie hat er mich so früh wach gesehen.

Abends gehe ich in meine Kampfsportschule Munich MMA. Bereits im Hausflur hört man das laute Atmen und Stöhnen. Öffnet man die Tür, weht einem Schweißgeruch entgegen. Boxsäcke wippen hin und her. In der Umkleide hängen Bilder der Wettkämpfer mit blauen und blutenden Gesichtern. Wie Ikonen. Auch das Gesicht meines Freundes Sebastian unmittelbar nach einem Unfall im Wettkampftraining blickt von der Wand herab. Kurz vor seinem ersten Profikampf zersplitterte sein Nasenbein. Mir passiert das nicht, rede ich mir ein. Wahrscheinlich macht das jeder Kampfsportler. Muss. Anders geht es nicht. Man kann über den Sport sagen, was man will, ehrlich ist er allemal. Alle sind auf der Matte gleich, egal ob Vorbestrafter, Manager, Journalist oder Professor. Mit Schweiß und, ja, auch Blut wird MMA bemessen, sagt Patrick gerne. Das müsste Sebastian zu einem der Ehrlichsten von uns allen machen.

Auch Frauen trainieren hier. Nicht im Entferntesten ähneln sie dem kurzhaarigen, vulgären, burschikosen Klischee. Doch es bleibt eine Männerdomäne. Plakate mit halbnackten Frauen verzieren die Männerumkleide. Betritt eine hübsche Frau die Halle, bekommt man den Eindruck, man wäre beim Synchronschwimmen: Dann drehen sich zwanzig Männerköpfe um und heißen sie mit einem gleichzeitigen »Hallo« willkommen. Auf einmal schlägt jeder einen Tick fester zu.

Als Patrick noch Schüler war, hätte es solche Undiszipliniertheiten nicht gegeben. Er musste seine Schienbeine mit Hantelstangeneisen abhärten. Musste stundenlang die eigene Spucke schlucken, weil er nichts trinken durfte. Von seinem eigenen Trainer wurde er derart k. o. geschlagen, dass er glaubte, sich von der Decke aus unten im Ring liegen zu sehen. Als Trainer ist Patrick anders. Nur manchmal, wenn einer keine Rücksicht auf einen schwächeren Trainingspartner nimmt, zieht er seine Handschuhe an und macht mit. Im Durchschnitt dauert es fünf bis zehn Sekunden, bis der Grobian von einem Leberhaken getroffen zusammenklappt.

»Wenn die Hölle einfriert, zieh ich mir Schlittschuhe an und kämpfe trotzdem weiter«, sagt Patrick. Er hat den Leberhaken eines Julio César Chávez und die Zunge eines Muhammad Ali. Als Kind zog er aufs Land, wo er wegen seiner dunklen Hautfarbe nicht willkommen war. Er zeigt auf einen Fleck in seinem Gesicht: »Hier haben sie mir eine Zigarette ausgedrückt.« Er wurde mit dem Auto angefahren, mit dem Messer abgestochen, bekam einen Schraubenzieher in den Rücken gebohrt. Dann schlug er zurück, auf der Straße und im Ring. Irgendwann statuierte er Exempel, um seine jüngeren Geschwister zu schützen. Immer wieder, bis ihn sein Vater zu seinen Großeltern schickte, dann ins Heim. Heute sagt er, der Kampfsport habe ihm das Leben gerettet, er habe ihn erzogen in Zeiten, in denen niemand da war.

Wie für die meisten von uns ist Kampfsport für mich nur ein Hobby, nicht wie für Patrick das Leben. Ich war 16, als ich mit Kampfkunst anfing. Es war das typische jugendliche Vom-Karate-Kino-direkt-ins-Dojo. Nur dass ich nie wirklich zurückkam. Denn für mich war es Therapie. Früher hatte ich Stühle durch die Wohnung geworfen, mit einem Taschenmesser meine Matratze durchlöchert, Verweise gesammelt. Meine Mutter schickte mich zum Psychologen. Dann zu einem anderen. Doch erst der Kung-Fu-Unterricht konnte mir helfen. Später kam traditionelles und modernes Tea-Kwon-Do dazu, kurzzeitig Wudang Kung Fu, dann der Kampfsport, Kickboxen, Brazilian Jiu-Jitsu und MMA. Sieht aus wie eine natürliche Evolution.

Der verdutzte Ausdruck erscheint wieder auf dem Gesicht meines Nachbarn. Inzwischen laufe ich mit einer Art Gasmaske, die mir das Atmen erschwert und so mein Lauftraining intensiviert. Ich werde ausdauernder, schneller, stärker, technisch besser. Im Training mache ich mir Notizen auf einem Schreibblock, zu Hause analysiere ich andere Kämpfe im Internet. Die Tiefkühlpizza weicht Gemüse und Fisch, der Alkohol frisch gepresstem Saft. Ich gehe jetzt selten aus. Es gibt nur noch Kampfsport und Arbeit und mehr Kampfsport. Ich kämpfe immerzu, selbst wenn ich nicht kämpfe, kämpfe ich. Nachts in meinen Träumen, tags in meiner Fantasie. Ich sehe die kleine, pummelige Kassiererin im Supermarkt und denke mir, dass ich gegen sie auf Distanz boxen würde. Ich sehe meinen zwei Meter großen Nachbarn und stelle mir vor, mit welchem Takedown ich ihn am besten zu Boden bringe.

Obwohl ich mich fitter fühle, steht mein Körper unter ständiger Anspannung. Mittlerweile hatte ich schon jede Art Schmerz: Ellbogen-, Knie-, Zehen-, Nacken-, Finger- und Oberschenkelschmerzen vom Training, Magenschmerzen von den Nahrungsergänzungsmitteln. Ich wusste nicht, dass so viele Blautöne in meinem Körper stecken. Dunkelblau, mitternachtsblau, violett. Dann die Schrammen und Kratzer. Arbeitskollegen beäugen diese Verwandlung skeptisch. Ein echter Kämpfer hat keine Wahl: Er muss kämpfen, bis das Paracetamol aus ist.

Ich ringe mehr mit meinem eigenen Körper als mit irgendeinem Gegner. Zu Hause habe ich mir eine kleine Privatapotheke aufgebaut. Proteine für das Training und danach, basische Mineralien zur Nahrungsergänzung, Enzyme als Verletzungsprophylaxe, Tape für die Finger, Pferdesalbe für die Prellungen. Ich bin mir nicht sicher, ob das alles etwas hilft. Zumindest glaube ich an den Placebo-Effekt. Nur bei meinem Ellenbogen hilft erst mal gar nichts. Durch das intensive Training plagen mich chronische Schmerzen. Tennisellenbogen, sagt mein Arzt und will mir Kortison spritzen. Auf der Tour der France sei das gang und gäbe. Ich erwidere, dass Fahrradfahrer seit einiger Zeit nicht mehr meine Vorbilder seien. Bevor ich mir sicher bin, ob mir der Kampf das wirklich wert ist, steckt eine Nadel in meinem Arm.

Es sind noch zwei Wochen bis zum Kampf. Ich schaue mir die Teilnehmer der vorherigen Amateurveranstaltung im Internet an. Viele sind tätowiert, haben schiefe Nasen, fiese Gesichter. Ich habe Bedenken, ob das wirklich eine weise Entscheidung war. Die Sparringseinheiten werden härter. Gegen Ende eines Trainings sparre ich mit Yusuf, einem jungen, talentierten Kämpfer, der ebenfalls antreten wird. Ich habe kaum noch Luft, meine Deckung fällt, und er trifft mich mit einem festen Haken auf das Kinn. Glücklicherweise besteht mein Frühstück aus einem trinkbaren Obst-Müsli-Shake – die nächsten Tage kann ich kaum kauen.

Zum ersten Mal spüre ich so etwas wie Angst. Ich schlafe schlecht, wache verschwitzt auf. Auch das Audio-Mentaltraining, das mir Sebastian gegeben hat, hilft nicht – der Schweizer Akzent des Sprechers ist irritierend. Meine Mutter spricht nicht mehr allzu viel mit mir. Vielleicht hat sie recht. Vielleicht erkennt man einen wirklich Bescheuerten daran, dass er weiß, dass er bescheuert ist, und trotzdem nicht aufhört.

Im Training unterlaufen mir leichtsinnige Fehler. Was für einen Scheiß ich mache, schreit Patrick mich an, ob ich wisse, dass ich in zwei Wochen kämpfe? Nach dem Training nimmt er mich zur Seite und sagt, dass ich in den Zwischenstunden nicht mehr meine Romane lesen, sondern mich auf meinen Kampf konzentrieren solle. Dass ich mit meinem Kopf immer woanders sei. Und der sei es, mit dem man einen Kampf gewinne. Nach all den Trainingseinheiten, in denen er wie ein Punchingball von der einen Seite der Halle zur anderen geschlagen wurde, weiß ich nicht mehr, ob er dazu noch in der Lage ist. Mir wird bewusst, dass kämpfen am wenigsten kämpfen gegen einen Gegner heißt, eher gegen den eigenen Körper, aber vor allem gegen den eigenen Geist. Und ich bin dabei, den Kampf zu verlieren.

»Ich kann nichts daran ändern, dass du bescheuert bist«, sagt meine Mutter ein paar Tage vor dem Kampf. »Aber deswegen will ich noch lange nicht, dass du zusammengeschlagen wirst.« Sie unterstützt mich mit halbhypnotischen Therapien und kinesiologischen Übungen. Damit ich das Wichtigste wieder lerne: an mich zu glauben. Sie mischt mir ätherische Öle aus Zitrone, Sandelholz und Lorbeer für den Sieger, den Helden. Es hilft. Oder der Glaube daran. Das ist ganz egal. Ich stelle mich halbnackt vor den Spiegel und hebe meine Arme. Das Spiegelbild spricht mir ein Mantra zu: Du wirst gewinnen, du wirst gewinnen.

Diesmal schaue ich mir meinen Gegner im Internet nicht an. Auch während des Kampfes werde ich es kaum tun. Auf sein Brustbein werde ich blicken und mich an Patricks Philosophie halten: »Mir ist egal, wer du bist, wo du herkommst oder hinwillst, was deine Scheißprobleme sind. Alles, was zählt, ist, dass du in meinem Weg bist. Und ich werde dich wegmachen.« In den letzten Trainingseinheiten härten wir uns weiter ab. Mit Kicks, Knien und Faustschlägen in den Bauch, auf die Brust und manchmal, wenn es schlecht läuft, auch in den Solarplexus. »Wir sind nicht beim Murmeln«, sagt Patrick.

Nur noch wenige Tage bis zum Kampf. Das Wichtigste ist jetzt, auf mein Kampf-gewicht zu kommen: 77 Kilo, bei 1,89 Meter Größe. Das heißt, ich muss in kurzer Zeit mindestens fünf Kilo verlieren. Jemand bietet mir eine Lasix-Tablette an, ein stark harntreibendes Medikament. Ich verzichte, stattdessen esse ich weniger. Nachts träume ich von fliegenden Chicken Wings und Flüssen fließender Schokolade. Die letzten 24 Stunden vor dem Kampf trinke ich nichts und esse kaum etwas. Als wir am Kampftag in Reutlingen ankommen, stimmt mein Gewicht. Yusufs allerdings nicht. Er muss innerhalb von 45 Minuten 800 Gramm loswerden. Er wird in Mülltüten gehüllt, darin muss er seilspringen. Unter einem Berg aus unseren Jacken schwitzt er danach weiter. Bevor er sich noch einmal wiegt, sagt ihm Ben, er müsse einen Handstand machen, um noch mehr Gewicht zu verlieren. Es scheint zu funktionieren. Yusufs Gewicht stimmt auf das Gramm genau.

Der Austragungsort in Reutlingen ist spartanisch. Hier gibt es keinen Käfig, keine Inszenierung, nur 26 Männer und Jungs, die kämpfen, um Erfahrung zu sammeln. Oder irgendetwas anderes. Auf der Teilnahmebestätigung steht, dass für bleibende Schäden oder den möglichen Tod nicht gehaftet wird.

Sebastian bandagiert meine Hände in Mullbinde und Tape ein. Das »Knockout-Tape« nennt er es. Ich weiß, dass er am liebsten selbst in den Ring steigen würde.

Mittlerweile beginnen die ersten Kämpfe. Zwei Schwergewichte dreschen unkoordiniert aufeinander ein. Die Menge seufzt öfter, als dass sie jubelt. Am Ende liegt einer am Boden und bewegt sich einige Zeit nicht mehr. Ja, vielleicht hat meine Mutter wirklich recht.

Trotzdem breitet sich mit jeder Sekunde, mit der sich der Kampf nähert, immer mehr eine ungeahnte Ruhe und Selbstsicherheit in mir aus. Sogar als es so weit ist und Ben mir Vaseline ins Gesicht schmiert, damit die Haut nicht so leicht aufplatzt: Ich weiß, dass ich gewinnen werde. Die innere Stimme sagt es mir. Du kannst den Kampf nicht verlieren, wenn du machst, was wir dir sagen, haben meine Trainer gesagt. Und ich folge ihren Worten. Auch wenn mich mein Gegner anfangs überrennt.

Er ist stürmisch, dadurch aber auch übermütig. Er will mich werfen. Es gelingt ihm jedoch nicht, und ich lande auf ihm in der Mount-Position, der dominantesten Position, die man im Bodenkampf einnehmen kann. Fast schaffe ich es, ihn sogar in eine Reverse Triangle zu bringen, eine Beinklammer um den Kopf des Gegners, die ihm die Blutzufuhr zum Gehirn abdrückt und so zum Aufgeben zwingt. Doch er befreit sich. Wir stehen erneut. Mit spektakulären Sprungkicks zum Kopf attackiert er mich nun. Aber ich bleibe ruhig, wehre ab, gehe in den Clinch und treffe ihn mit zwei wirkungsvollen Knien. Erschöpft, getroffen steht er schnaufend vor mir, lässt seine Deckung fallen. Ich weiß, dass ich ihn jetzt mit meinem High-Kick ausknocken könnte.

Im Training traf ich diesen Kick schon so oft. Aber aus irgendeinem Grund wiegt mein Bein jetzt tausende Kilo, es bewegt sich keinen Zentimeter. Ich zögere zu lange, wieder liegen wir am Boden. Diesmal versucht er, mein Fußgelenk anzugreifen. Doch ich verteidige frühzeitig und gelange so wieder in die Mount-Position. Ich kontrolliere ihn einige Zeit auf dem Boden, entschleunige den Kampf und warte den richtigen Moment ab. Dann isoliere ich seinen rechten Arm und setze eine Arm-Bar an, einen Griff, der das Ellenbogen- und Schultergelenk überdehnt. Mein Gegner gibt auf. Es ist vorbei. Dreizehn Jahre für diese 2 Minuten und 19 Sekunden. Die Last der ganzen Welt fällt von meinen Schultern. Als hätte ich mit dem Tod gerungen und ihn besiegt. Nie war ich mehr im Hier und Jetzt als in diesem Ring.

Fotos: Daniel Delang

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