»Ich bin ein Geheimnis«

Als Backgroundsängerin sang sie auf Hits von Elvis und Sinatra, und Phil Spector inszenierte mit ihr einen der größten Schwindel der Popgeschichte – Darlene Love über die Höhen und Tiefen des Musikgeschäfts.

Es hat lange gedauert, aber dann wurde Darlene Love doch noch ein würdiges Denkmal gesetzt: die Oscar-prämierte Musik-Doku 20 Feet From Stardom von 2011. In dem Film geht es um Backgroundsängerinnen, die auf berühmten Hits gesungen haben, deren Namen aber keiner kennt. Zu dieser Riege gehört auch Love, die vor allem in den Sechzigern in L.A. aktiv war und alleine oder mit ihrer Gruppe The Blossoms auf Hits von Elvis, Frank Sinatra, Tom Jones und vielen anderen sang. Eine besonders enge Bindung hatte sie zu Phil Spector, der sie oft einsetzte und mit ihr auch einen der größten Schwindel der Popgeschichte inszenierte - "He's A Rebel", den Nummer-eins-Hit der Crystals von 1962, singt tatsächlich Darlene Love.

Ihre Karriere verlief wechselhaft, nahm in den letzten Jahren aber wieder Fahrt auf: Seit 2011 ist sie Mitglied der Rock and Roll Hall of Fame, im April trat sie im Weißen Haus auf, nun kommt ihr von Little Steven produziertes Album Introducing Darlene Love (Sony Music) heraus, mit Songs von Bruce Springsteen, Elvis Costello, Jimmy Webb und Barry Mann & Cynthia Weil. Einige Songs adaptieren erfolgreich Spectors Girl-Group-Sound, es sind aber auch Popnummern dabei, die für mein Empfinden eher konturlos bleiben. Mein persönlicher Höhepunkt sind die beiden letzten Stücke: eine Gospelballade und eine energiegeladene Nummer mit dem Titel »Jesus Is The Rock (That Keeps Me Rolling)«. Vor kurzem hatte ich Gelegenheit, mit Darlene Love zu telefonieren.

Darlene Love, Ihr neues Album heißt Introducing Darlene Love – dabei sind Sie 74 Jahre alt und seit über fünfzig Jahren im Musikgeschäft. Warum muss man Sie immer noch vorstellen?
Es stimmt, ich bin schon seit einer ganzen Weile dabei. Ich habe auf vielen Platten gesungen, in Musicals und in den Lethal Weapon-Filmen mitgespielt, aber mein Name ist doch eher Kennern bekannt als dem großen Publikum. Nach all den Jahren bin ich immer noch so etwas wie ein Geheimnis. Deswegen ist Steven auf den Titel gekommen.

Sie meinen Bruce Springsteens Gitarristen Little Steven Van Zandt, der Ihr Album produziert hat.
Ja. Ich weiß noch, wie er mir gesagt hat, dass er einen tollen Titel für mein Album habe. Welchen, habe ich gefragt. Verrate ich nicht, hat er gesagt. Ich habe den Titel erst erfahren, als er mir das komplette Album zum ersten Mal vorgespielt hat.

Etliche Titel sind an den Girl-Group-Sound angelehnt, für den man Sie kennt, mir gefällt jedoch der Gospelsong am besten, der das Album beschließt.
Den stammt von Little Steven! Es war der letzte Song, den wir für das Album aufgenommen haben. Seine Frau und ich sind gut befreundet, und sie hat mir erzählt, dass er die ganze Nacht aufgeblieben ist, um den Song fertig zu bekommen. Als ich ins Studio kam, hatte die Band den Song schon gelernt. Er gab mir den Text und schon beim Titel »Jesus is the Rock (That Keeps Me Rolling)« dachte ich nur, wow, was für großartiger Song!

Der Song passt auch deshalb so gut zu Ihnen, weil Ihre Wurzeln in der Kirche liegen, in der Gospelmusik.

Ja, mein Vater war Pfarrer und ich habe als Kind jeden Sonntag in der Kirche gesungen. Oft waren wir sogar in mehreren Kirchen. Auch zu Hause gab es bei uns nur Gospelmusik - Rock'n'Roll und Rhythm&Blues waren streng verboten.

Haben Sie aus diesen Anfangsjahren in der Kirche etwas mitgenommen, dass Ihnen in Ihrer späteren Karriere geholfen hat?
Auf jeden Fall. In der Kirche singt man, um Gott zu preisen. Man legt alles, was man hat in den Gesang und versucht, dieses hohe Gefühl zu erreichen. Als ich dann später weltliche Musik gesungen habe, habe ich mich nicht mehr an Gott gerichtet, sondern an mein Publikum, aber dieses Gefühl ist geblieben. Ich lege immer noch alles, was ich habe, in die Performance und versuche, etwas Erhebendes zu schaffen. Deshalb mag ich es auch nicht, traurige Lieder zu singen.

Für mich sind die Fünfziger die Goldene Ära der Gospelmusik.
Für mich auch. Da gab es so viele tolle Gruppen. Ich war großer Fan von den Caravans und den Davis Sisters. Und auch von Marian Anderson und Sam Cooke.

Haben Sie Sam Cooke live gesehen, als er noch mit den Soul Stirrers aufgetreten ist?
Na klar, oft. Ich sage Ihnen, das waren unglaubliche Auftritte. Sam war ein unvergleichlicher Sänger. Ich bin bis heute froh, dass ich das erleben durfte.

Später haben Sie ihn dann persönlich kennengelernt.
Wir haben als Backgroundsängerinnen zwei Songs mit ihm aufgenommen, »Chain Gang« und »Everybody likes to Chachacha«. Also ganz unterschiedliche Lieder. Er wusste genau, was er wollte, aber er hatte eine angenehme, entspannte Art, die Sessions zu leiten. Sein Vater war ebenfalls Pfarrer, genau wie meiner, und er hat zur gleichen Zeit wie ich den Schritt von der geistlichen in die weltliche Musik gemacht. Das hat eine Verbindung zwischen uns geschaffen. Ich habe ihn als sehr großzügigen, warmherzigen Menschen in Erinnerung.

Ihre größten Erfolge haben Sie unter der Ägide des Produzenten Phil Spector gefeiert. Wie sind Sie mit ihm zusammengekommen?
Über seinen Partner Lester Sill. Phil kam nach L.A. um ein Lied aufzunehmen, und Lester hat uns empfohlen - die Blossoms, wir waren damals schon sehr bekannt als Background- und Studiosängerinnen. Phil wollte einen neuen Song für die Crystals aufnehmen, aber die echten Crystals konnten nicht, deshalb hat er uns genommen. Er hat uns sehr gut bezahlt und der Song, »He's A Rebel«, wurde dann ein Nummer-Eins-Hit.

Alle dachten, die Crystals sind auf diesem Hit zu hören – stattdessen waren Sie die Leadsängerin. Waren Sie sehr enttäuscht darüber, dass das damals kaum jemand wusste?
Nein. Phil hatte mit offenen Karten gespielt, es war von Anfang an klar, dass der Song unter anderem Namen erscheinen wurde. Ich denke, für die Crystals war es härter als für uns. Die mussten im Fernsehen zu einem Song die Lippen bewegen, den sie gar nicht gesungen haben. Soweit ich weiß, haben sie es gehasst.


Damals galt Phil Spector als Wunderkind der Popbranche. Wie haben Sie ihn erlebt?

Er hatte auf jeden Fall etwas Geniales. Und er war ein großer Innovator. Viele Studiotechniken, die bald darauf normal wurden, hat er als erster eingesetzt.

Jetzt sitzt er im Gefängnis, weil er eine Frau erschossen hat.
Ist das nicht traurig? All die tolle Musik, die er gemacht hat, ist nahezu vergessen. Man erinnert sich an ihn als einen Verbrecher.

Neben Little Steven hat Sie auf dem neuen Album auch Bruce Springsteen unterstützt. Sie kennen die beiden schon ziemlich lange, oder?
Ja, seit 1980. Das war eine schwere Zeit für mich, ich habe damals keine Arbeit mehr in der Musikbranche gefunden und mich und meine Kinder mit Gelegenheitsjobs über Wasser gehalten. Die Wende kam mit einer Show in einem Club in LA. Lou Adler hat sie veranstaltet und die beiden eingeladen. Ich habe einen Song von Bruce gecovert, nämlich »Hungry Heart«, und das hat alle sehr beeindruckt. Little Steven meinte danach, ich solle unbedingt nach New York kommen, er könne mir Arbeit besorgen und wir würden auch ein Album zusammen machen. Er hat Wort gehalten - bloß dass das mit dem Album dann nochmal über dreißig Jahre gedauert hat.

Es gibt ein Video, in dem Bruce Springsteen Sie als »one woman wall of sound« bezeichnet.
Diese Bezeichnung mag ich sehr!


Überhaupt ist es beeindruckend, dass Ihre Stimme immer noch so kraftvoll ist.
Ich pflege sie aber auch gut. Ich achte sehr darauf, dass meine Stimme genug Ruhe bekommt und dass ich mich nach jedem Konzert erstmal ausruhen kann.

Hat Ihre Stimme Sie je im Stich gelassen?
In all den Jahren nur ein Mal. Das war am Broadway, wo ich lange in Hairspray aufgetreten bin, als Motormouth Maybelle. Wir hatten acht Vorstellungen pro Woche. Die Leute haben mir schon gesagt, dass ich nicht so kräftig singen soll, weil ich mir sonst die Stimme kaputtmache. Aber ich kann irgendwie nicht anders. So kam es, dass meine Stimme eines Abends einfach zugemacht hat. Nach der ersten Strophe konnte ich keinen Ton mehr herausbringen.

Gruselig.
Ja, das war schlimm. Mein Arzt hat mir eine Woche absolutes Schweigen verordnet, in der Zeit habe ich mich nur mit Händen und Füßen verständigt. Aber danach ging es mir wieder gut. Also, wenn irgendjemand von euch Probleme mit der Stimme hat – fragt Darlene Love, ich kenne mich aus.

Foto: Christopher Logan/Sony Music

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