»Ich bin kein alter Bluesmann«

Erst war sie Opernsängerin, jetzt ist Rhiannon Giddens der neue Star der US-Folkszene. Im Interview spricht sie über die anhaltende Kraft der alten Lieder und die Gemeinsamkeiten zwischen Oper und Blues.

Seit einigen Jahren verfolge ich die Karriere der Carolina Chocolate Drops, einer Gruppe aus North Carolina, die sich vorgennommen haben, die Tradition der schwarzen Stringbands wiederzubeleben. Bis in die Fünfzigerjahre gab es im US-Süden etliche schwarze Bands, die mit akustischen Instrumenten wie Banjo, Mandoline und Fiddle musizierten - die bekannteste waren wohl die Mississippi Sheiks -, doch als der elektrische R&B zu dominieren begann, ging diese Tradition zu Ende.

Die Caroline Chocolate Drops gewannen 2010 für Ihr Album Genuine Negro Jig sogar einen Grammy, besonders bekannt wurden sie bisher jedoch nicht. Insofern war es schon ein Schritt nach vorne, als ihre Sängerin Rhiannon Giddens auf dem von T-Bone Burnett produzierten Soundtrack des Coen-Brüder-Films Inside Llewyn Davis auftauchte; und beim Konzert Another Day, Another Time in der New Yorker Town Hall, das die Performer aus dem Film mit anderen Folkmusikern zusammenbrachte, hatte sie einen aufsehenerregenden Kurzauftritt. Im Frühjahr erschien ihr exzellentes, ebenfalls von T-Bone Burnett produziertes Album Tomorrow Is My Turn, gerade ist sie in Deutschland auf Tour.

Rhiannon Giddens, Ihre neue Platte beginnt mit einer Coverversion des »Last Kind Words Blues«. Diese Wahl finde ich sehr mutig, denn das Original von Geeshie Wiley, 1930 aufgenommen, gehört ohne Zweifel zu den eindrucksvollsten Stücken der Pre-War-Blues-Ära. Wie geht man so eine Coverversion an?
Rhiannon Giddens: Man muss sich von dem Gedanken freimachen, dass es von irgendeinem Song die eine, definitive Version gibt. Gäbe es so etwas, wäre die Musik meiner Meinung nach tot. Wenn man einen Song covert, muss man entscheiden, wie nah oder fern vom Original die eigene Version sein soll. Mir war klar, dass wir uns nicht zu sehr an Geeshie Wiley anlehnen sollten, weil deren Version in der Tat nicht zu toppen ist. Andererseits ist der Song so stark, dass wir auch nicht zu sehr auf die Tube drücken und ihn irgendwie neu verpacken wollten. Deshalb haben wir bei keiner anderen Aufnahme auf der Platte weniger Instrumente benutzt. Denk nicht an Geeshie, hat T-Bone Burnett mir schließlich geraten, denk an den Song und das, was du ausdrücken willst. Wenn der Geist derer, die den Song vor dir gesungen haben, im Studio immer über dir schwebt, wirst du scheitern.

Für mich ist Ihr Album ein Statement, mit der Botschaft: Leute, vergesst die alten Songs nicht, denn darin stecken Themen und Gefühle, die ihr in moderner Musik nicht so leicht finden werdet.
Ja, mir ist der Gedanke wichtig, dass wir in einem historischen Kontinuum existieren. Was früher passiert ist, beeinflusst uns immer noch. Es ist wichtig, Verbindungen, historische Muster und Gemeinsamkeiten zwischen gestern und heute zu erkennen. »Last Kind Words Blues«, was darin steckt, ist immer noch relevant. Wenn man die Möglichkeit hat, auf solche Verbindungen hinzuweisen, sollte man es machen, das ist meines Erachtens immer ein Thema für Folkmusiker gewesen.

Neben Geeshie Wiley covern Sie auch Künstlerinnen wie Dolly Parton, Patsy Cline, Elisabeth Cotton und Odetta. Interessieren Sie sich nur für deren Musik, oder auch für deren Lebensgeschichten?
Ich habe sehr viel über diese Frauen gelesen - Biographien von Dolly Parton, Jean Ritchie, Nina Simone, solche Sachen. Fast mehr als die einzelnen Charaktere interessiert mich die jeweilige künstlerische und soziale Umgebung, der diese Frauen entstammen. Wie konnte sich eine Performerin wie Sister Rosetta Tharpe entwickeln? Wo kam sie her? Was hat sie geprägt? Für mich ist es sehr wichtig zu wissen, wo die Musik herkommt, weil ich sie dann besser begreifen kann.

Diese Künstlerinnen haben alle sehr ungewöhnliche Leben gelebt, die sich stark von unserem heutigen Alltag unterscheiden. Ich frage mich oft, ob unser gegenwärtiges kulturelles Klima immer noch so individuelle Künstler hervorbringen kann.
Gelegentlich fragen mich Leute, wie sie Blues oder Spirituals singen können. Das wichtige, sage ich dann, ist, nicht so zu tun, als sei man diese Person von früher, dieser alte Bluesmann aus den Zwanzigerjahren. Ich bin kein alter Bluesmann, ich lebe heute. Ich bin, wer ich bin, und ich versuche, den emotionalen Kern dieser Songs zu finden und mit meinem Leben in Beziehung zu setzen.

Mehr Leute als früher beschäftigen sich mit der Musik der Vergangenheit, die akustische Musik erlebt gerade ein Revival. Erleben wir eine Trendwende im Pop?
Ich denke, dass ist eine zyklische Bewegung. In den Sechzigern hat man sich sehr für alte Musik interessiert, der Film O Brother Where Art Thou hat das wiederbelebt. Ob Bands wie die Avett Brothers und Mumford & Sons auch ohne den Film so erfolgreich geworden wären - wer weiß? Vielleicht ist es auch eine Gegenbewegung zu unserer digitalen Welt. Aber es stimmt, wir befinden uns gerade in einer Periode, wo die Leute wieder mehr zurückblicken. Die große Frage ist, wie tief sie dabei graben. Denn ein wichtiger Faktor im Folk war immer das politische Engagement. Und das kann ich momentan nicht entdecken.

Heute ist es kinderleicht, im Internet alte Musik zu entdecken. Ist das gut? Oder hat man eine tiefere Verbindung zur Musik entwickelt, als man sie, wie früher üblich, noch aufwändig suchen musste?
Ich finde es prima, dass jetzt alles so leicht verfügbar ist. Nichts gegen Leute, die alte Schellackplatten sammeln - aber die haben auch keine drei Jobs und zwei Kinder. Durch moderne Technik hat auch jemand wie ich die Möglichkeit, tief in die alte Musik einzusteigen, für den das früher schwierig gewesen wäre. Auf der anderen Seite glaube ich, dass die Art, wie wir heute Musik konsumieren, oft dazu führt, dass unser Verhältnis zur Musik oberflächlicher geworden ist.

Wie sind Sie selbst denn mit Old Time Stringband Music und dem Blues in Kontakt gekommen?
Durchs Tanzen - Contra Dance und Square Dance. Ich komme aus Greensboro, North Carolina, da wird diese Tradition noch gepflegt. Mir haben die Bands gefallen, die bei den Tanzveranstaltungen gespielt haben, und so habe ich angefangen, mich mit dieser Musik und ihrer Geschichte zu beschäftigen. Ich bin da richtig eingetaucht und immer noch nicht wieder rausgekommen.

Dennoch haben Sie zunächst Operngesang studiert.
Ich liebe Opern, ich liebe klassische Musik und sowas zu lernen, ist generell ungemein hilfreich fürs Leben. Ich weiß nicht, ob ich ohne weiteres hätte Banjo lernen können, wenn ich nicht vorher auf dem Konservatorium erfahren hätte, wie wichtig Disziplin in der Musik ist.

Oper und Blues - das sind aber schon ganz verschiedene Gesangsstile.
Ja, wobei ich das Handwerkszeug, das ich dort mitbekommen habe, auch jetzt manchmal anwenden kann - wie ich atme, wie ich meinen Hals öffne ... Aber oft muss ich auch genau das Gegenteil von dem tun, was ich am Konservatorium gelernt habe.

Hegen Sie noch den Wunsch, als Operndiva die großen Arien zu singen?
Ich bin mir sicher, dass meine Beziehung zur Oper und zur klassischen Musik noch lange nicht vorbei ist. Ich frage mich vor allem: Wie könnte man die Oper Leuten schmackhaft machen, die keine klassische Musik hören? Diese Musik ist so schön, dass sie nicht nur einer kleinen, elitären Gruppe vorbehalten sein sollte. Leider ist es ja soweit gekommen, dass Operngesang für eine Art Cartoonmusik gehalten wird. Schade.

Bedeutet Ihre Soloplatte das Ende der Carolina Chocolate Drops?
Oh nein, keinesfalls. Ich habe ehrlich gesagt schon am neuen Chocolate-Drops-Album gearbeitet, als T-Bone Burnett auf mich zukam. Und so eine Gelegenheit lehnt man natürlich nicht ab. Aber wir werden auf jeden Fall eine neue Platte machen und ich bin sicher, dass sie aufgrund all dieser Erfahrungen noch besser werden wird.

Das freut mich zu hören. Ich fand nicht nur Ihre Platten immer gut, sondern überhaupt Ihr Anliegen, die Tradition der schwarzen Stringbands wiederzubeleben.
Ja, es lohnt sich wirklich, sich mit dieser Musik zu beschäftigen. Es ist eine reiche und vielfältige Tradition.

Ich habe kürzlich die Stringband Martin, Bogan & Armstrong entdeckt, die in den Siebzigern ein paar Platten auf Rounder und Sonet veröffentlicht hat.
Ah, gut.

Stimmt es, dass der Name Carolina Chocolate Drops von deren altem Namen Tennessee Chocolate Drops inspiriert ist?
Ja, wobei es, glaube ich, Howard Armstrongs Brüder waren, die eine Band dieses Namens hatten. Martin, Bogan & Armstrong haben wir durch den Film Louie Bluie kennengelernt. Kennen Sie den?

Klar - ein fantastischer Film!
Der hat uns sehr beeinflusst. Howard Armstrong war einzigartig: Er spielte country fiddle, aber auch Jazz, Blues, alles. Das hat uns gezeigt, was man als Stringband alles machen kann. Wir haben mal einen guten Freund von ihm getroffen und auch seine Witwe kennengelernt – jetzt besitze ich eines seiner Hemden!

Foto: Dan Winters

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