Neil Youngs großer Irrtum

Seit Neil Young 1966 mit einem alten Leichenwagen von Kanada nach Kalifornien fuhr, sind Autos ein zentraler Bestandteil seines Themenrepertoires. Nun schwinden die Ölvorräte, der Benzinpreis steigt und die Ära des Straßenkreuzers neigt sich dem Ende zu. Fast schon logisch, dass diese Entwicklung Neil Young nicht unberührt lässt. In einer ziemlich einzigartigen Mischung aus künstlerischem und realem Aktivismus widmet er sich seit Jahren der Konstruktion und Popularisierung eines Öko-Autos; um diesen Wagen geht es auf Fork In the Road (Warner). Es ist ein Lincon Continental, Baujahr 1959, der auf Neil Youngs Farm vor sich hin rostete, bis der Sänger beschloss, den Schlitten zum Öko-Mobil umzufunktionieren. Seit Jahren schraubt ein Team von Mechanikern am Wagen herum, baut Batterien für einen Hybridantrieb ein, experimentiert mit Kraftstoffen wie Gas und Biodiesel. Das Ziel: mit dem Auto quer durch die USA nach Washington zu fahren.

Es gibt eine Website, auf der das Vorhaben minutiuös dokumentiert wird, und in Interviews hat Young schon viel über sein Gefährt geredet, zum Beispiel in diesem sehr lesenswerten Gespräch, das der SZ-Kollege Willi Winkler vor zwei Jahren führte.

Natürlich tauchte dabei immer wieder die Frage auf, ob es nicht absoluter Schwachsinn sei, ein riesiges, tonnenschweres Blechmonstrum zum Öko-Auto umzubauen, denn je mehr Gewicht bewegt werden muss, desto mehr Energie wird benötigt. Young antwortete stets sinngemäß, dass das Gewicht schon ein Problem sei, aber um die Leute für Öko-Autos zu begeistern, müssten diese cool aussehen – deshalb sein alter Schlitten aus der goldenen Ära der amerikanischen Mobilität.

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Nach reiflicher Überlegung bin ich zu folgender Überzeugung gelangt: Neil Young hat Unrecht, seine Idee ist tatsächlich Schwachsinn! Sein Lincoln wird es nie nach Washington schaffen, und statt Geld und Energie in den antiquierten Straßenkreuzer zu stecken, hätte er lieber nach einem kleinen, federleichten, zeitgemäßen Umweltauto forschen sollen, für das es tatsächlich großen Bedarf gibt. Aber irgendwie lieben wir die Stars für ihre irren Ideen, und auch wenn Neil Youngs Öko-Auto nicht unsere Mobilitätsprobleme lösen kann, so hat es jetzt immerhin zu einer guten Plate geführt.



Fork In the Road
hat den Charme des Flüchtigen, die Songs scheint Neil Young mal eben so rausgerotzt zu haben, und auch die Produktion ist durchaus unaufwendig. Das Album enthält ziemlich derben Garagenrock (im wahrsten Sinne des Wortes): heftig verzerrte Gitarren, bollernde Drums, schöne Chorusse und kurze, knackige Songs mit Titeln wie "Off the Road", "Hit The Road" und "Get Behind The Wheel".

Am sympathischisten aber: Die Platte ist trotz des ernsten Anliegens stellenweise ziemlich witzig, auf topaktuelle Weise. "There's a bailout coming, but it's not for me", singt Neil Young im Titelstück. Dort taucht auch eine Zeile auf, die ich mir besonders zu Herzen nehmen werde: "Keep on blogging until the power goes out". Mache ich.

Fotos: AP, Promo

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