»Wir haben wie Dämonen gespielt«

Rocklegende Jimmy Page, Gitarrist von Led Zeppelin, im Interview über Plattenaufnahmen in München, die besondere Energie seiner früheren Band und einen peinlichen TV-Moment, der ihn seit über fünfzig Jahren verfolgt.

Led Zeppelin in ikonischer Pose: Robert Plant und Jimmy Page 1975 auf der Bühne in Los Angeles. Hinten ist auch noch Bassist John Paul Jones zu sehen.

Vor einem Jahr begann die große Kampagne von Led-Zeppelin-Wiederveröffentlichungen, nun geht sie zu Ende, mit den letzten drei Alben Presence, In Through The Out Door und Coda. Eine fast unübersehbare Flut von Deluxe- und Super-Deluxe-Versionen auf Vinyl und CD brach über die Hörer herein, und es erschien jede Menge Material, das bisher in den Tiefen von Jimmy Pages Archiv verborgen oder allenfalls Bootleg-Sammlern bekannt war. Das Ende der Band liegt ja nun schon 35 Jahre zurück und manch einem mag der große Aufwand, der hier betrieben wurde, etwas übertrieben scheinen. Andererseits waren Led Zeppelin nun einmal die größte Band der Siebzigerjahre, und ihr Sound und ihr gesamter Habitus werden bis heute kopiert.

Wieviel sie immer noch zählen, kann man auch an der irren Aufregung ablesen, die 2007 anläßlich ihres Konzerts in der Londoner O2 Arena entstand. Für einen kurzen Moment schien es, als könne die längst abgeschlossene Geschichte dieser Band eine neue Wendung nehmen, vor allem Jimmy Page schien daran interessiert - doch dann hatte Robert Plant keine Lust, und alles war wieder vorbei, noch ehe es begonnen hatte. So muss Jimmy Page weiterhin in erster Linie retrospektiv arbeiten, statt neue Musik zu machen, der nun zu Ende gehenden Wiederveröffentlichungskampagne hat er sich mit der Energie eines Mannes gewidmet, der sein Lebenswerk der Nachwelt bestmöglich übergeben möchte. Vor kurzem hatte ich Gelegenheit, mit ihm zu sprechen.

Jimmy Page, wenn ich hier in München aus meinem Bürofenster blicke, sehe ich in der Ferne das Arabella-Haus, in dessen Keller sich das Musicland-Studio befand, wo Led Zeppelin im Herbst 1975 das Album Presence aufgenommen haben.
Cool, dann ist der Geist des Musicland-Studios ja heute irgendwie bei uns.

Warum haben Sie sich damals für dieses Studio entschieden?
Es hatte einen exzellenten Ruf. Es galt als sehr gepflegtes Studio, in dem alle Geräte gut gewartet wurden und alles zuverlässig funktionierte. Das war wichtig für mich, weil ich unser Album damals schnell aufnehmen wollte - anders als der Vorgänger Physical Graffitti, dessen Material über einen längeren Zeitraum hinweg entstanden war. Diesmal wollte ich eine injection of energy.

Im Jahr 1975 waren Led Zeppelin nach etlichen Nummer-Eins-Alben die größte Band der Welt. Dennoch war es keine einfache Zeit für Sie.
Im Mai hatten wir Konzerte in Earls Court in London gegeben, danach wollten wir eigentlich auf Tour gehen, vielleicht einen Film drehen, aber dann hatte Robert im Urlaub auf Rhodos einen Autounfall, bei dem er sich das Bein brach. Es war ein komplizierter Bruch und eine ganz schön ernste Sache. Deshalb mussten wir alle Tourpläne vertagen, aber ein Album wollten wir trotzdem machen. Für die Proben haben wir uns in Los Angeles getroffen, die Aufnahmen fanden dann in München statt. Robert hatte immer noch ein Gipsbein und saß im Rollstuhl, als wir in München eintrafen. Es war noch nicht klar, ob er wieder richtig laufen können würde. Die Stimmung war ziemlich gereizt. Aber er hat um sein Leben gesungen und wir haben alle wie Dämonen gespielt.

Der Plan, das Album zügig aufzunehmen, hat dann ja auch geklappt ...
Ja, alles hat insgesamt nur drei Wochen gedauert. Es war eine sehr intensive Zeit. Die Band war anderthalb Wochen da, vielleicht ein bisschen länger. Den Rest der Zeit habe ich für Gitarren-Overdubs gebraucht und fürs Mischen. Am Ende wurde es ziemlich eng, so dass ich Mick Jagger anrufen musste. Direkt nach uns hatten nämlich die Stones das Musicland-Studio gebucht. Ich habe ihn gefragt, ob ich zwei Tage ihrer Zeit haben könnte. Das hat gereicht.

Von München haben Sie während dieser drei Wochen wahrscheinlich nicht so viel gesehen.
Nein, nichts. Ich war fest entschlossen, das Album fertig zu kriegen. Ich war auf einer Mission. So ist es doch generell im Leben: Du hast nur eine begrenzte Zeit – und musst versuchen, das beste daraus zu machen.

Kann man sagen, dass das nur gelingen konnte, weil Led Zeppelin eine gut eingespielte Band waren?
Ich weiß nicht genau, was Sie mit »gut eingespielt« meinen. Wir haben bis zu einem Punkt geprobt, an dem wir den Song draufhatten – an dem in seinem Bauch aber weiterhin das Feuer loderte. Weil damals analog aufgenommen wurde, ging es darum, die Dynamik dieser Performance aufs Band zu bekommen; das war die Kunst. Heute hat man viel mehr Korrekturmöglichkeiten und kann alles verändern und nachträglich verbessern. Damals musste man wissen was man tut. Und manchmal konnte es gut sein, nicht zu viel zu proben, weil das die Spontanität gefährden kann. Alles musste ein gewissen Dringlichkeit haben – deshalb haben wir so schnell aufgenommen. Von den Songs auf Presence haben wir immer nur eine Handvoll Takes eingespielt. Vielleicht drei komplette, da wusste man sofort, welches der beste war. Und dann kam die nächste Nummer.

Viele Menschen finden, dass die alten analogen Aufnahmen besser klingen als das, was heute mit digitaler Technik produziert wird. Wie sehen Sie das?
Ich denke ebenfalls, dass digitalen Aufnahmen etwas fehlt im Vergleich zu analogen. Sie haben weniger Tiefe und scheinen die Menschen weniger zu berühren. Diese ganze Kampagne mit Led-Zeppelin-Reissues, die jetzt zu Ende geht, ist im Prinzip ein Resultat davon, dass ich mir Led-Zeppelin-Musik auf MP3 angehört habe. Das klang so furchtbar, dass ich etwas dagegen tun musste. Ich wollte sicherstellen, dass die Musik von Led Zeppelin in allen Formaten in bester Qualität verfügbar ist – damit die Menschen auch in Zukunft die musikalischen Landschaften erleben können, die wir damals geschaffen haben

Im Zuge dieser Kampagne erscheint auch eine Menge Musik, die ursprünglich nicht zur Veröffentlichung vorgesehen war. Sind darunter Sachen, die Sie selbst schon vergessen hatten?
Witzigerweise waren die Bänder von Presence die einzigen, bei denen ich nicht mehr genau wusste, was drauf war. Sie lagerten zwar in meinem Archiv, ich hatte sie mir aber nach Ende dieser drei Wochen nie wieder angehört, was ganz schön erstaunlich ist, wenn man bedenkt, wie toll sie sind. Auf der Begleit-CD ist jetzt zum Beispiel ein Song namens »Pod«, eine Piano-Nummer von John Paul Jones. Die ist ein Sketch geblieben, zwar mit einigen Overdubs, aber ohne Gesang. Eine sehr interessante Nummer, die viel über die schwierige Zeit aussagt, die wir damals durchgemacht haben.

Mir hat auf Presence immer »Nobody's Fault But Mine« gefallen. Sehr eindrücklich, wie Sie den gleichnamigen Bluesklassiker von Blind Willie Johnson verarbeiten.
Wir waren inspiriert vom Blues. Blues und Rockabilly. Aber immer wenn Led Zeppelin einen Blues gespielt haben, wurde es zu etwas anderem, das sich dann doch ganz anders anhörte. Dennoch würde ich eine Verbindung zum Chicago Blues der Fünfziger sehen, wo viele Riffs gespielt wurden, die eine tranceartige, hypnotische Atmosphäre entstehen ließen.

Zum Abschluss möchte ich noch kurz auf eines meiner Lieblingsvideos bei Youtube zu sprechen kommen: Ihren Auftritt bei einer Talentshow des britischen Fernsehens im Jahr 1957. Was denken Sie heute, wenn Sie den dreizehnjährigen Jimmy mit seiner Skiffleband sehen?
Ich finde das peinlich!

Wirklich?
Ja. Schauen Sie sich etwa Ihre alten Kinderfilme an? Dieser Auftritt verfolgt mich! Dennoch muss ich sagen, dass das mein Einstiegspunkt in die Musikwelt war war. Ich konnte zwar nur zwei Akkorde, aber damit kam man im Skiffle schon ziemlich weit.

Soll ich unsere Leser also nicht dazu ermuntern, diesen Film anzuschauen?
Diese Entscheidung möchte ich Ihnen überlassen.

Foto: Warner Music

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