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Wild Wild West: Amerikakolumne 10. Februar 2017

Kuscheliger Weltuntergang im Luxus-Bunker

Von Michaela Haas  Foto: Getty Images/Hulton Archive

Um für die Apokalypse gerüstet zu sein, bauen sich US-Milliardäre Bunker mit Fünf-Sterne-Komfort – teils am Ende der Welt, teils gerade da, wo man es nicht vermuten würde.

Unterm Rasen ein gemütlicher Bunker – so trotzte man in den Sechzigerjahren der Apokalypse.
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Bekanntlich haben die Atomwissenschaftlicher die Doomsday Clock, also die Weltuntergangsuhr, gerade auf zweieinhalb Minuten vor Mitternacht gestellt. So schlimm stand es zuletzt 1953, mitten im Kalten Krieg. Uns bleibt also nicht mehr viel Zeit, hier das Wichtigste zu besprechen. Und das Wichtigste ist natürlich: Was machen wir jetzt? Wie kommen wir aus diesem Schlammassel wieder lebendig raus, nun da ein größenwahnsinniger Fernsehstar mit seinen kleinen Fingern nicht mehr nur Pussys, sondern auch den Nuklearcode begrabscht?

In Amerika wendet man sich da am besten hilfesuchend an die Stars des Silicon Valley, das sind schließlich die Innovativsten, Kreativsten, Reichsten und Zukunftsweisesten (jaja, ich weiß, dass letzteres kein Wort ist, aber der neue Präsident der Superlative färbt eben auch sprachlich auf mich ab). Der New Yorker, das Branchenblatt der amerikanischen Intellektuellen, bietet dazu einige ungewöhnliche (und besorgniserregende) Anregungen: Demzufolge schlagen derzeit mehr als die Hälfte der megareichen Silicon-Valley-Jungs und Hedge-Fund-Manager exklusive Fluchtschneisen in den Großstadt-Dschungel. Besonders beliebt ist ein unterirdischer Fünf-Sterne-Bunker in Kansas mitten in der Wüste. Wo genau? Pssst, das darf ich hier nicht verraten, denn das Ding soll ja nicht von Millionen Lesern der Süddeutschen überrannt werden, schließlich bietet es nur Platz für 75 Personen. Das Silo nennt sich »Survival Condo«, Überlebens-Apartment, und wenn man den Werbespot des Betreibers mit der furchterregenden Musik und den lodernden Flammen sieht, will man wirklich sofort in das nächste Erdloch springen.

Von außen erkennt man nur eine graue Betonhaube, bewacht von bis an die Zähne bewaffneten Söldnern in Tarnuniformen, aber dahinter tut sich eine Welt auf, die es in sich hat: Edel-Appartements graben sich 15 Stockwerke tief in den Untergrund, komplett mit unterirdischem Schwimmbad, Spa, Bar, Kino, Bibliothek, Schießanlage, Klassenzimmer, Fitness-Studio, Hundespielplatz, Krankenbett, Zahnarztstuhl, Konserven für fünf Jahre und was man eben sonst noch so braucht. Mit den unterirdischen Fischfarmen und von künstlichem Licht beleuchteten Gemüsegärten kann man hier theoretisch auch unbegrenzt überleben. Damit man sich da unten nicht fühlt wie versehentlich lebendig begraben, bieten die LED-»Fenster« der Apartments einen Panoramablick auf die Landschaft der Wahl: Live-Kameras aus der Wüsten-Umgebung, unberührte Pinienwälder oder auch der heimische Central Park komplett mit Taxi-Hupen und Sirenen. Da bekommt das Wort Eskapismus eine ganz neue Bedeutung. Militärpanzer, das ist Teil des Vertrags, holen jeden Mieter im Umkreis von 600 Kilometern ab, wenn das Ende naht. Sozusagen Uber für Armageddon.
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Das Survival Condo in Kansas ist so ungefähr das sicherste Örtchen, das man im Fall eines Nuklearschlags aufsuchen kann: Es wurde von der US-Armee in den Sechzigerjahren als Bunker für atomare Waffen gebaut, also zu der Zeit, als sich die Amis vor einem Nuklearschlag der Sowjets fürchteten. »Hier können sich die Ultrareichen wirklich entspannen«, sagt CEO Larry Hall, der das alte Silo für Armageddon aufgerüstet hat. »Sie werden rund um die Uhr von bewaffneten Wachleuten geschützt.«

Hall kaufte das leere Silo vor acht Jahren für knapp 300.000 Dollar (die Regierung war froh, es loszuwerden) und investierte dann 20 Millionen, um die Apokalypse möglichst komfortabel zu gestalten. Das Problem, also jedenfalls meines, ist erstens der Kaufpreis: Eine ganze Etage mit Designerküche, Billardtisch und gemütlichem Kamin kostet 4,5 Millionen Dollar, das billigste Apartment, eine Viertel-Etage, immerhin noch eineinhalb Millionen. Zweitens ist das Silo bereits ausverkauft, weshalb Hall inzwischen schon an seinem zweiten baut, das dreimal so groß werden soll wie das erste. Hall, der einmal Businessmanagement studiert hat und anschließend als Datenexperte für ein Verteidigungsunternehmen arbeitete, ist auf eine Goldgrube gestoßen. Sein schärfster Konkurrent ist Robert Vicino, ein Geschäftsmann aus San Diego, der vergleichbare Bunker in Indiana baut und sogar eine Filiale in einem alten Kriegsbunker in Deutschland unterhält.

Über die Preppers, die Menschen, die sich auf den Weltuntergang vorbereiten, wurde ja schon öfters berichtet – zuletzt auch in Deutschland, als der Innenminister die Bevölkerung zu Hamsterkäufen aufrief. Aber bisher dachte ich dabei eher an kauzige Waldschrate, die sich Waffen- und Dosenvorräte in Höhlen anlegen, als an smarte New-Economy-Milliardäre.

Für letztere gab es ganz offensichtlich eine Marktlücke. Wer sich ein Apartment mit Blick auf den Central Park in New York oder eine Zehn-Zimmer-Villa im Silicon Valley leisten kann, will schließlich auch nach dem Weltuntergang nicht auf das tägliche Dampfbad verzichten. Schon jetzt gehören bombensichere Panikräume zur Grundausstattung vieler Luxus-Villen, aber wenn das Ende der Welt naht, im Prepper-Jargon TEOTWAWKI (The End of the World As We Know It) oder wenn die Kacke wirklich am Dampfen ist – WTSHTF (When the Shit Hits the Fan) –, braucht man natürlich mehr Platz als ein Zimmer. Der Nachwuchs und die Nanny sollen ja auch mitkommen. Für den Ernstfall lohnt es sich, in eine Endzeit-Immobilie zu investieren. Deshalb der Doom Boom.

Mehr als fünf Millionen Amerikaner sollen bereits zu den Preppern gehören. Genau weiß es keiner, weil absolute Verschwiegenheit Teil des Sicherheitskonzeptes ist: Die Nachbarn sollen schließlich nicht wissen, dass Sie mit Ihren Tütensuppen im Zweifel die halbe Stadt vor dem Hungertod bewahren könnten.

Das Problem beginnt ja schon damit, dass wir nicht genau wissen, auf welche Art von Katastrophe wir uns vorbereiten müssen: Wird es ein Nuklearkrieg? Ein Meteoriten-Einschlag? Ein verheerendes Erdbeben? Tornados? IS-Terror? Eine Pandemie? Die Trumpocalypse? Reicht es, sich eine Oase außerhalb Amerikas zu suchen und den sichersten Fluchtort vor dem ansteigenden Meeresspiegel zu recherchieren, oder wird der ganze Planet verwüstet? Klar ist nur, dass Waffen, Wasserkanister und Insider-Wissen auf jeden Fall sinnvoll sind.

Laut des New Yorker bereiten sich Mega-Reiche mit den verschiedensten Methoden auf die Endzeit vor: Steve Huffman, der 35 Jahre alte CEO von Reddit, ließ sich seine Kurzsichtigkeit weglasern – nicht etwa aus Eitelkeit, sondern weil man nach dem Weltuntergang keine Brillen und Kontaktlinsen mehr bekommt. Antonia Garcia Martinez, ein 45 Jahre alter Facebook-Manager, kaufte sich zwei Hektar auf einer pazifischen Insel und stattete sie mit Generatoren, Solarenergie und Tausenden Runden Munition aus. Sobald er seinen Buddys von seinem Plan erzählte, eine kleine Militäreinheit zu formen, »kamen sie alle angelaufen«. Der Chef einer Investmentfirma lässt seinen Hubschrauber immer startklar halten, damit er jederzeit seinen unterirdischen Bunker erreichen kann. Andere kaufen sich speziell geschützte Anlagen am anderen Ende der Welt, also in Neuseeland: Angeblich schnellten direkt nach Donald Trumps Sieg die Auswanderungsanträge in die Höhe – die Neuseeländer verzeichneten 17 Mal mehr Interesse als davor. Weil Neuseeland ja irgendwie eine bessere Version von Amerika ist: Man spricht englisch, die Natur ist noch weitgehend intakt, die Wirtschaft funktioniert, das Rechtssystem auch, und der letzte Terrorakt ist 30 Jahre her.

Reid Hoffman, der Mitgründer von LinkedIn, schätzt, dass mehr als fünfzig Prozent der Silicon-Valley-Milliardäre eine »Apokalypse-Versicherung« abgeschlossen haben, d.h. sich irgendwo einen Untergrundbunker oder eine Schutzzone auf einem anderen Kontinent gekauft haben. »Das läuft wie die Entscheidung für ein Ferienhaus«, sagt Hoffman dem New Yorker. »Die Leute können dann sagen: Ich habe ein Sicherheitsnetz für das, was mir Angst einjagt.«

Für Schlchterverdienende gibt es Do-it-Yourself-Versionen wie die ehemalige Hitshow Doomsday Preppers auf dem National-Geographic-Kana, in der Lektionen übers Einmachen von Gurken und für den Ankauf der richtigen Wasserfilter gegeben werden. Man muss sich nur einige alte Folgen der einmal sehr erfolgreichen Reality-Show anschauen, um sofort das Zittern zu kriegen: die zwei Flaschen Wasser, sechs Flaschen Wein und fünf Dosensuppen, die ich im Keller habe, werden im Zweifel höchstens eine Woche fürs Überleben reichen und ich muss dann auf die Termiten ausweichen, die am Balkonholz knabbern. Beim Online-Test, bei dem ich meinen »Preppers Score« überprüfen kann, versage ich gnadenlos.

Nicht, dass ich eine vernünftige Katastrophenvorsorge nicht für sinnvoll halten würde, aber mir fehlt zum Einkochen das Talent und zum Maden-Essen der Appetit.

Für das Aufkaufen von Nuklearbunkern wiederum habe ich die Kohle nicht, mache mir aber große Hoffnungen, dass sie mich in Kansas im Ernstfall trotzdem reinlassen: Irgendjemand muss ja schließlich vom Ende der Welt berichten.
Michaela Haas

deutsche Journalistin und Autorin in der Nähe von Los Angeles, wird ständig gefragt: »Was ist denn bloß in Amerika los?« Seit ein politisch völlig unerfahrener Egomane mit wilden Sprüchen in das höchste Amt der Welt aufgestiegen ist, wundern sich viele Deutsche über die Weltmacht. Aber dass sich Milliardär Donald Trump mit seinem Gorilla-Gehabe in das Weiße Haus gerüpelt hat, ist ja nur möglich, weil Amerika tief gespalten ist und viele Verrücktheiten zum Alltag gehören, die in Deutschland undenkbar wären. Deshalb schreibt Michaela Haas in der Kolumne »Wild Wild West« über die Macken und Tücken, die Amerika einzigartig machen.

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