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Liebe Lieblingsfrau: Die Singlekolumne 15. Februar 2017

Das Schlagloch im Herzen

Von Michalis Pantelouris  Foto: Stephanie Pfaender

Jede Liebe reißt Lücken, wenn sie zu Ende geht, auch im Wohnzimmer und in der Besteckschublade. Soll man warten, bis sie sich von allein füllen, oder für Ersatz sorgen?

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Liebe zukünftige Lieblingsfrau,

ich weiß nicht, in welcher Situation deines Lebens du eigentlich gerade steckst. Hast du eine lange Beziehung hinter dir, wie ich? Es ist nicht so richtig einfach, an sich selbst zu sehen, welche Löcher das eigentlich gerissen hat, oder? Manche sieht man auf den ersten Blick: Eben stand da noch ein Sessel, und da hing ein Bild, und eines Nachmittags findet man sich plötzlich in einen Laden und überlegt, was für ein Bestecktyp man eigentlich ist. Es ist so furchtbar. Ich habe zwei Töchter, die jede zweite Woche mit mir wohnen, ich brauche sehr dringend Besteck, aber schönes Besteck ist – was ich mir nie bewusst gemacht hatte – irrwitzig teuer, und billiges Besteck ist irrwitzig hässlich. Irgendwann wollte ich in diesem Laden mit dem ganzen Besteck werfen, und zwar so, dass es in der Wand steckenbleiben würde, sogar die Löffel. Es fühlt sich wahnsinnig ungerecht an, wenn man das Gefühl hat, man müsste sich genau in dem Moment, in dem einem das Leben entgleitet, entscheiden, wie es denn sonst sein soll. Als würde mitten über dem Atlantik der Pilot aus dem Cockpit kommen und sagen: So, dieses Flugzeug fliegt leider nicht mehr, das ist kaputt, wir brauchen eine Alternative – ich bin aber nur zum Fliegen hier, für alles andere bin ich nicht zuständig, denken Sie sich mal was aus!

Ich weiß nicht, ob du das Gefühl kennst. Es dauert ein bisschen, bis man sich klar macht, dass man nicht jede Lücke sofort schließen muss. Dass es auch mal eine Zeit lang egal ist, welches Besteck man benutzt. Oder dass man einfach den alten Sessel aus dem Keller holen kann, den die Katzen schon so lange bearbeitet haben, dass er sich anfühlt wie ein Flokati. Und dass man ein Loch im Herz nicht auffüllen kann wie ein Schlagloch in der Straße, und deshalb lernen muss damit zu leben, dass das Herz eine Landschaft ist, mit tiefen Tälern neben den hohen Gipfeln. Mit der Zeit erlebt man alles, jede Ebene ist endlich, nur stehenbleiben darf man nicht.

Oder bist du seit langem Single und hast dich darin eingerichtet, und wenn du mir irgendwann begegnest, muss ich dich erst überzeugen, dass es sich lohnt, wieder Lücken zu schaffen in deiner Welt? Lücken für mich? Denn genauso, wie man die Löcher nicht sofort stopfen muss, die das Leben reißt, darf man auch nicht immer alles immer so lassen, wie es immer war, sonst bleibt man ja immer nur der, der man schon ist.

Ich hab den alten Sessel nie gemocht. Es tut mir fast weh, das zu sagen, weil ich ihn trotzdem vermisse, aber er war nur schön und nicht bequem. Jetzt ist es raus. Und jetzt ist er weg. Es wird ein bisschen dauern, vielleicht mehr als ein bisschen, aber ich glaube, es gibt einen Sessel für diese Ecke im Wohnzimmer, der schön und bequem gleichzeitig ist, und irgendwann werde ich ihn entdecken. Oder er mich. Und wahrscheinlich wird der Sessel die völlig falsche Größe haben, und ich werde alles umräumen müssen, und ich werde beim Reinschleppen einen Türrahmen kaputtmachen und mir den Rücken verheben und was weiß ich alles, aber dann ist er da. Und ich werde glücklich sein, wenn auch ganz anders, als ich es mir gerade vorstelle, und das ist übrigens eine verdammte Metapher.

Liebe zukünftige Lieblingsfrau, ich glaube, was ich sagen will ist nur: Ich freu mich auf dich. Ich weiß, du wirst auftauchen, wenn es gerade gar nicht passt, und du wirst alles durcheinanderbringen, gerade wenn ich ein bisschen Ordnung gemacht habe, und ich werde Panik kriegen und ich habe nur schreckliches Besteck anzubieten. Aber dann werde ich lernen, ein Flugzeug zu fliegen, mitten über dem Atlantik.

Schnall dich schonmal an.

Sehen Sie hier die besten Reaktionen auf die Single-Kolumne, gelesen von Michalis Pantelouris



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Michalis Pantelouris

Der deutsch-griechische Journalist lebt in Hamburg, und die Hälfte seiner Zeit verbringt er mit sehr jungen Frauen: Seine Töchter sind, seitdem seine Frau sich von ihm getrennt hat, nur noch jede zweite Woche bei ihm. In den anderen Wochen hat er begonnen, sich auch wieder mit etwas älteren Frauen zu beschäftigen – was zwölf Jahre nach dem letzten Date gar nicht so einfach ist, wie es sein sollte. »Es ist genau wie Fahrradfahren«, sagt er, »wahnsinnig wackelig, wenn jemand anderes mit dabei ist.«