Wird der rote Teppich grün?

Joaquin Phoenix trägt denselben Smoking zu mehreren Preisverleihungen, Jennifer Aniston ein Vintage-Kleid und Saoirse Ronan recyceltes Satin. Nachhaltig werden Film-Events dadurch nicht. Nur Brad Pitt zeigt, wie das gelingen könnte.

Fotos: Getty Images

Bekanntes Social Media Phänomen: Dinge posten, die eigentlich nur so halb durchdacht sind, einfach weil man mal wieder dringend etwas zu melden haben wollte. Passiert ständig, jetzt auch Stella McCartney: Die Designerin hatte Joaquin Phoenix nach den Golden Globes per Instagram gratuliert, allerdings nicht nur zum Gewinn des »Best Actor«, sondern vor allem zur Wahl eines (sicher vorbildlich produzierten) Smokings ihrer Marke und dazu, dass er denselben Tuxedo bei allen derzeit anstehenden Preisverleihungen tragen wolle. Der Mann sei ein echter »Winner« und tue etwas für den Planeten, schwärmte McCartney.

Dass sehr viele andere Männer da draußen für Hochzeiten andauernd den gleichen Smoking hervorkramen, manche sogar jahrelang die gleichen Boxershorts tragen, und das abgesehen von ein paar Waschgängen keine große Leistung ist – weiß McCartney bestimmt. Sicher meinte sie, »Auftragen« sei für normale Menschen eine Kleinigkeit, aber ein gigantischer Schritt für Hollywood. Nur gesagt hat sie das leider nicht, weshalb ihr – anderes Social Media Phänomen – bitterböse Häme entgegenschlug. Ein Feuerwehrmann aus Australien schrieb, er trage tatsächlich jeden Tag den gleichen Anzug im Kampf gegen die Waldbrände. Ein anderer User twitterte »Ghandi, Mutter Theresa, Nelson Mandela, rutscht rüber – ein neuer Held ist in der Stadt!«

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Außer Kate Middleton, die brav ein Kleid trug, das sie schon einmal auf einer Malaysia-Reise anhatte, kamen die Schauspielerinnen wie üblich in extra für diesen, und nur für diesen, Anlass angefertigten Designerroben

Halten wir fest: Nachhaltigkeit auf dem Roten Teppich – heikles Thema. Womöglich auch deshalb, weil es erst seit kurzem überhaupt eines ist. Für die britischen Filmpreise Baftas, die am vergangenen Wochenende stattfanden, hatte das London College of Fashion sogar erstmals einen »sustainability guide« für Gäste ausgearbeitet. Beispielsweise könne man, statt zu etwas Neuem, zu einer Robe aus dem vorhandenen Bestand greifen. Auch keine wirklich revolutionäre Idee, gelesen hat den Leitfaden aber offensichtlich ohnehin niemand. Außer Kate Middleton, die brav ein Kleid trug, das sie schon einmal auf einer Malaysia-Reise anhatte, kamen die Schauspielerinnen wie üblich in extra für diesen, und nur für diesen, Anlass angefertigten Designerroben.

Der Rote Teppich ist nun mal – abgesehen von einer irgendwie notwendigen Einflugschneise zu Galaevents – ein riesiges Werbespektakel für Luxusmarken. Und dass es hier eben nicht um normale Verhältnisse geht, ist Teil der Faszination, sich diese Veranstaltungen überhaupt anzugucken.

Natürlich kann man die Vorbildfunktion von Stars dort trotzdem nutzen. Insofern ist es absolut lobenswert, dass Jennifer Aniston bei den Golden Globes eine Vintage-Robe von John Galliano für Dior trug. Besondere Altkleider sind schon seit Jahren ein probates Mittel für extra Aufmerksamkeit, jetzt ist Vintage auch noch nachhaltig, also doppelt gut. Ein gutes Signal wären außerdem mehr Kleider aus umweltfreundlichen Materialien wie etwa die schwarze Gucci-Robe von Saoirse Ronan aus recyceltem Satin bei den Baftas.

Das gleiche Outfit mehrmals zu tragen, weil es nach einer Gala sonst meist schnurstracks ins Archiv eines Designers wandert, mag theoretisch gar keine so doofe Idee sein. Allerdings fällt es bei einem Smoking kaum auf, ob der nun ein bisschen schmaler oder breiter am Revers ist. Man stelle sich dagegen vor, eine Schauspielerin trage die ganze Saison das gleiche Kleid, oder ein und dieselbe Designerrobe würde an mehreren Events von wechselnden Schauspielerinnen getragen – mal gucken, ob die dann auch als »Winner« abgefeiert werden. Kann Stella McCartney ja demnächst mal ausprobieren.

Der eigentliche Held dieser Award-Season ist sowieso Brad Pitt. Nicht nur, weil er gerade alle Preise abräumt, die besten Witze auf eigene Kosten reißt und Dankesreden seiner Ex-Frau vollständig anschaut. Bei den Baftas kreuzte er aus familiären Gründen gar nicht erst auf, seinen Preis als bester Nebendarsteller nahm Kollegin Margot Robbie entgegen. Kein neuer Smoking, keine Flugmeilen, keine Plastikchampagnerflöte. Am Ende die einzig wirklich nachhaltige Lösung.

Typischer Instagram-Kommentar: »Ist das neu? Oder mit Perwoll gewaschen?«
Passender Film: »Second Act«
Wahrscheinlicher Hashtag für diesen Sonntag: #oscarssonotreworn