Zu den Sternen

Noch nie war eine deutsche Frau im All. Seit Jahren kämpft eine Raumfahrt-Ingenieurin darum, dass sich das endlich ändert. Über eine Welt, die für Frauen ganz und gar nicht schwerelos ist.

Meteorologin, Klimaforscherin, Astronautin: Insa Thiele­ Eich möchte 2021 zur ISS fliegen.

So, die Verbindung steht. Über Video, wackelig, fast so, als wäre sie tatsächlich auf ihrer Raumstation. Schmales Gesicht, Tiroler Holzbrille, lange Haare. Dr. Insa Thiele-Eich, geboren 1983, Meteorologin, bekannt als die erste Deutsche, die ins All fliegen wird. Vielleicht. Wieder mal wurde sehr leise der Countdown verschoben, der schon 2019 und 2020 kommen sollte, nun gut, jetzt halt hoffentlich im Sommer 2021. Das Zeit­fenster auf der Raumstation ist reserviert. Ihr US-amerikanischer Partner, Axiom Space, ist so nett, sie auf der

Wie es ihr jetzt geht, Ende August 2020? Insa Thiele-Eich zögert. »Es ist gerade nicht nur draußen vor meinem Fenster der Herbst, der anbricht«, sagt sie. Ungewöhnlich langsam, leise, so ganz anders als in den vergangenen beiden Jahren. »Change is coming«, fährt sie fort. »Wie bei Frozen II. Da merkt man auch am Herbstwind, dass Veränderung kommt. So fühlt es sich an.«

Ein Disney-Film. Als Mutter dreier Kinder kennt sie sich aus mit Märchen. Und als Wissenschaftlerin weiß sie

Stellen Sie sich vor, Sie blicken von der Internationalen Raumstation auf unsere Erde. Was sehen Sie? Was beeindruckt Sie? Gibt es Unterschiede, ob ein Mann oder eine Frau auf unseren Planeten schaut?
Bislang haben 11 deutsche Männer diesen Blick beschrieben. []
Wir wollen nicht weitere Jahrzehnte warten, bis die erste deutsche Astronautin ins All fliegt. Deshalb werden wir ein unübersehbares Zeichen setzen, indem wir im ersten Schritt die Auswahl und das Training für zwei deutsche Astronautinnen durch professionelles Sponsoring finanzieren. []
Die Planungen der Mission und der Finanzierung durch Sponsoren und Crowdfunding sollen bis zum Herbst 2016 abgeschlossen sein. Aus­bildungsbeginn ist für 2017 geplant. Das »Ticket to Space« befindet sich bereits in der Reservierung.

Ich will da hoch, sagte sich Thiele-Eich. Schon einmal hatte sie das gedacht, 2008, als die Europäische Weltraumorganisation, die ESA, ihre bis dahin letzte Ausschreibung für Astronauten gestartet hatte.­ Insa gestoppt hatte ausgerechnet ihr Vater, Gerhard Thiele, einer der elf Deutschen, die im All waren, elf Tage im Februar 2000, der ein Papa ist, sagt Thiele-Eich, wie ihn sich ein Mädchen nur wünschen kann, der ihr die Welt und die Sterne erklärte und diesen Satz einimpfte, den er auch auf seine Autogrammkarten schrieb: Your dreams are your wings. »Dich bewerben? Vergiss es«, sagte er, als sie von ihrem geflügelten Traum erzählte.

Er sagte es nicht, weil er die Auswahl leitete, es nicht geht, dass ein Vater die eigene

Acht Jahre später war Thiele-Eich Meteorologin, verheiratet und Mutter, also erfahren in Beruf, Teamarbeit und in Konflikten. Sie wollte dieses Ticket! Das Nebenthema der Anzeige – Gibt es Unterschiede, ob ein Mann oder eine Frau auf unseren Planeten schaut? – berührte sie wenig. »Ich war sehr skeptisch über diese ganze Erste-deutsche-Frau-Nummer. Ich fand ein bisschen: Hm, muss das 2017 wirklich noch sein?« Und so hielt sie zur Initiatorin der Mission, Claudia Kessler, für die diese Nummer der Sinn des Ganzen war, während der Bewerbung erst einmal Distanz.

Claudia Kessler sitzt in einem Bremer Büro.

»Zum Glück hatte ich keinen älteren Bruder.

Kessler ging in die kommerzielle Raumfahrt, die

2004 wechselte Kessler zu einer Firma, die

Und dann, 2014, kam

Es gibt, neben der

Warum schickt ihr nicht

Kann man sagen. Ist

In Claudia Kessler reifte

Sie gründete die Stiftung

»Trink am Vorabend keinen Alkohol und geh früh schlafen«, hatte­ ihr Vater Insa geraten. Sie hielt sich dran, erzählt sie, die 0,1 Liter Weißwein an der Hotelbar mal abgerundet. Tests, Mathe, Physik, 600 Fragen zur Psyche. Ich fluche nie beim Autofahren – ja oder nein. Natürlich nicht. Dann Übungen im Dreierteam, in dem jeder seine Ziele erreichen muss, was aber unmöglich ist. Schließlich das Gespräch. Füße auf den Boden stellen, durchatmen, aufrecht sitzen. Die Konkurrentinnen waren nicht nur wahnsinnig schlau und tatsächlich ausgestattet mit Pilotenscheinen, sondern auch Tiefseetaucherinnen und Arktis-Überwinterinnen. Sie, äh, geht laufen. Ob sie, fragte eine Psychologin, für den Job auf Gehalt verzichten würde? Für die Sache? Niemals! Genau das, was die Astronauten der ESA verdienen! Letzte Frage, als Thiele-Eich schon auf dem Weg nach draußen war: Sie haben zwei Punkte in Flensburg? Nun ja: Mit zwei Kindern nach Hause gefahren, die hatten Hunger, Bibi Blocksberg-CD half auch nicht mehr, Baustelle vorm Haus, am Steuer Handy ans Ohr: Daniel, kannst du schnell beim Reintragen helfen? Erwischt. »Habe ich wohl unter Stress eine falsche Entscheidung getroffen.«

Sie konnte kaum glauben,

»Insa hatte Ausstrahlung«, sagt

Kesslers Initiative steht offenbar

Thiele-Eichs Training begann im

Dann die ersten Interviews:

Oder diese Talkshow. Frage

nur könne es sein,

Dazu die Zoten und

Kessler hatte mit eigenen

Die ESA wahrte ihre

Der ESA-Chef Wörner sagt,

Auch bei der Geldsuche

gewinnt. Schnell stellte sie

Die Politik zögerte. Brigitte

»Es wurde nicht so

Nein, 2018 war kein

Große Ängste hatte Thiele-Eich

Kesslers Antwort veränderte ihre

Von nun an trug

Thiele-Eich arbeitete bis kurz

Am 16. Oktober kam Thiele-Eichs Sohn zur Welt, Ende November beantwortete sie wieder E-Mails, im Dezember erste Termine, im Januar 2019 ging es voll los. Daniel reiste hinterher, weil der Kleine die Flasche ver­weigerte, im Februar waren sie in Bremen, Training bei Airbus, Stillen auf dem Gelände nicht erlaubt, im Vier-Stunden-Takt, zwischen Prozeduren-Training und Live-Schalte zur ISS, die über Australien schwebte, rannte sie zum Empfang, Kind an die Brust, dabei den Töchtern bei den Schulauf­gaben helfen, die ganze Woche ging das so, nebenbei im Laufschritt Gespräche mit dem SZ-Magazin. Kessler kümmerte sich derweil um die Töchter, Hühner-Gucken in ihrem Garten.

Tauchtraining. Da die ESAsie

ein Sechstel Schwerkraft, es

Das Jahr 2019 sollte nicht viel besser werden als 2018. Sicher, Claudia Kessler bekam den renommierten Preis der Frauenvereinigung Soroptimist Interna­tional, die in Gremien der Vereinten Nationen und dem Europarat sitzt. Sicher, sie gab hoffnungsfrohe Interviews, und strahlende Politiker empfingen sie: Christian Lindner, Olaf Scholz, im Kanzleramt Dorothee Bär, die danach auf einer Bühne vor 150 Mädchen über die Mission sagte, sie hoffe auf eine »im nächsten Jahr erfolgreiche Mondgeschichte«. Mond? Da wollten sie gar nicht hin. Geschenkt. Aber was wehtat, war dieser Stillstand. »Wir werden immer wieder vertröstet und im Kreis geschickt«, schrieb sie im Juni in einer Mail an Insa Thiele-Eich. Über eineinhalb DIN-A4-Seiten hatte sie ihre Wut in die Tasten gehämmert, darüber der Hinweis, vorm Lesen Not Ready to Make Nice von den Dixie Chicks zu hören.

»Wir werden aktiv diskriminiert«,

Kessler listete Schuldige und

Und dann schien sich

Insa, Suzanna, Claudia, das

Die Grünen forderten »die

danken auf einmal ernst.

Alles schien sich für

Es bewegt sich was,

Als Claudia Kessler Anfang

In den Telefonaten in

Wie soll es weitergehen?

Die letzten Trainingsmodule im

Im Team hatten sie

Die NASA unterstützte Musks

Die Raumfahrtbehörde, sagt Johann-Dietrich

Chancen der Astronautinnen wären,

Einige Wochen ist die

Thiele-Eich weiß, dass der