Süddeutsche Zeitung Magazin

Sport | Heft 31/2008

Wir sind alle Chinesen

Neun deutsche Sportler zeigen Haltung und erinnern an die Opfer chinesischer Staatswillkür

Von Julia Rothhaas und Mauritius Much;



Hu Jia engagiert sich für Aids-Waisen, Umweltschutzprojekte und Korruptionsopfer. Mehrfach kritisierte er die Menschenrechtslage in China. Im April 2008 wurde er zu dreieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt.



Petra Dallmann ist Schwimmerin und nimmt zum zweiten Mal an den Olympischen Spielen teil.


»China hatte versprochen, sich vermehrt um die Einhaltung der Menschenrechte zu bemühen, als es die Ausrichtung der Spiele zugesprochen bekam. Stattdessen wurden Kritiker wie Hu Jia schon im Vorfeld zu Gefängnisstrafen verurteilt, um Nachahmer einzuschüchtern. Ich hoffe, dass dieses Thema auch dann nicht in Vergessenheit gerät, wenn die Olympischen Spiele vorbei sind.«



Yang Tongyan ist Schriftsteller und bereits zum zweiten Mal für zwölf Jahre in Haft. Er hatte in zahlreichen Artikeln einen politischen und demokratischen Wandel in China gefordert.



Sabine Spitz ist Mountainbikerin und nimmt zum dritten Mal an den Olympischen Spielen teil.


»Als ich zu den Spielen nach Sydney und Athen gefahren bin, habe ich mich darauf gefreut. Das kann ich jetzt nicht sagen. Ich weiß nicht, was ich von einem Land halten soll, in dem sich seine Bürger nicht frei äußern dürfen. Uns Sportlern sind vom Internationalen Olympischen Komitee politische Äußerungen vor Ort untersagt – auch eine Art, Menschenrechte zu beschneiden.«



Gao Zhisheng hat sich als Rechtsanwalt überwiegend Menschenrechtsfragen gewidmet; über die Situation in China schrieb er im vergangenen Herbst einen offenen Brief an den US-Kongress. Neun Tage später war er nicht mehr aufzufinden, über seinen Verbleib ist bis heute nichts bekannt.



Imke Duplitzer ist Fechterin und nimmt zum vierten Mal an den Olympischen Spielen teil.


»Wir kämpfen beide: Ich als Sportlerin um Medaillen, er als Anwalt für Gerechtigkeit. Doch was ist wichtiger?«



Mao Hengfeng wurde genötigt, ihr Kind abzutreiben, und klagte gegen die Ein-Kind-Doktrin Chinas. Im Dezember 2006 wurde sie zu zweieinhalb Jahren verurteilt, weil sie während des Polizeigewahrsams zwei Lampen zerstörte.



Ute Höpfner, Ulrike Schümann und Julia Bleck (v. l.) sind Seglerinnen und nehmen zum ersten Mal an den Olympischen Spielen teil.


»Dass Mao Hengfeng für so etwas inhaftiert wurde, ist in unserer Gesellschaft nicht vorstellbar. Und eine Geburtenregelung ist genauso unsinnig wie ein Verhütungsverbot. Menschen sind doch keine Maschinen.«



Shi Tao berichtete einer amerikanischen Organisation via E-Mail von einer Regierungsverfügung: In dieser erhielten chinesische Journalisten Anweisungen zur Berichterstattung über den 15. Jahrestag des Tiananmen-Massakers. Dafür sitzt er seit 2005 für zehn Jahre im Gefängnis.



Eva Trautmann (links) und Steffen Gebhardt sind Moderne Fünfkämpfer und nehmen zum ersten bzw. zweiten Mal an den Olympischen Spielen teil.


»Sport hat zwar eindeutig kein politisches Mandat, doch wir
halten es für unangemessen, ein unbekümmertes Sportfest losgelöst vom Alltag der Menschen im Gastgeberland zu feiern.«




Ye Guozhu wollte für eine Entschädigung seines Restaurants
in Peking demonstrieren – es war für den Neubau einer Olympia-Sportstätte abgerissen worden. Dafür bekam er vier Jahre.



Sören Mackeben ist Wasserballer und nimmt mit seinem Team zum zweiten Mal an den Olympischen Spielen teil.


»Wir alle sollten dafür eintreten, dass jeder seine Meinung sagen kann, ohne dafür benachteiligt zu werden. In China und auch sonst überall auf der Welt. Der Fall von Ye Guozhu ist für mich unvorstellbar ungerecht und unvereinbar mit dem Geist der Olympischen Spiele.«


Fotoassistenz: Victor Staaf

Quelle: http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/25844