Süddeutsche Zeitung Magazin

Mann und Frau | Heft 07/2013

»Frauen wünschen sich Männer, die es nicht gibt«

Männer sagen gern, sie hätten es schwer - und machen es sich oft zu leicht. Die Frage ist doch: Wie sieht richtiges Verhalten gegenüber Frauen aus? Und was lernen wir aus dem Fall Brüderle? Brief eines Vaters an seinen Sohn.

Von Christian Ankowitsch




Lieber Sohn, Du junger Mann,

wenn Väter ihren Söhnen Briefe schreiben, die mit »Lieber Sohn« beginnen, dann wollen sie wesentlich werden und ein paar väterliche Hinweise loswerden. Genauso ist es auch jetzt. In diesem Brief soll es um uns Männer gehen und unsere Beziehung zu den Frauen – wobei ich Dich bereits an dieser Stelle fragen höre: »Es soll um ›uns Männer‹ gehen? Wen meinst du denn damit? Dich? Mich? Rapper, Manager, Mitschüler, Vergewaltiger, Einser-Abiturienten, Aussteiger, Feuerwehrleute, Friedensnobelpreisträger? Oder um die alten Männer, die den jungen Frauen nachts an der Bar auf die Brüste starren und sagen, diese Brüste samt Frau dran würden sehr gut ein Dirndl ausfüllen? Meinst Du die? Och, hast Du es nicht eine Nummer kleiner, Papi? Und präziser? Und vor allem – was habe ich mit solchen ›Männern‹ zu tun?«

Klug, wie Du bist, gehst Du mit Deinem Einwand direkt auf die zentrale Frage los: Was hast Du, was habe ich mit »den Männern« zu tun, jener Hälfte der Menschheit, die in den vergangenen Jahrzehnten eine ziemlich miese Presse hatte, und das aus sehr vielen und sehr guten Gründen? Sollte ich mich als Briefschreiber nicht besser beschränken? Auf Dich, auf mich?

Tja, naheliegend wäre es, einfacher und überschaubarer auch. Aber ich fürchte, es geht nicht. Denn wir sind ja immer vieles gleichzeitig, ohne genau sagen zu können, was, wie sehr, zu welcher Zeit, warum. Zum einen gehören wir zum Tross der Männer, die durch ihre Gene (mit-)bestimmt werden, ihre Gesetze, Riten, Geschichten, Privilegien, Krankheiten und Verfehlungen. Und zum anderen sind wir autonome Individuen: Wir können uns absetzen von unseresgleichen, von »den Männern«, unseren eigenen Weg finden. Aber wir werden, ob wir wollen oder nicht, im nächsten Moment wieder eingeholt von den Männern, den Frauen, der Gesellschaft, dem Großen und dem Ganzen. Sich für eine der Seiten entscheiden zu wollen ist ebenso unmöglich wie vermessen. Wir hängen immer mit drin. Und stehen immer halb draußen. Eine mitunter ungemütliche Lage. Wir teilen sie mit der anderen Hälfte der Menschheit, das nur nebenbei.

Das klingt verwirrend und unentschieden, ich weiß. Willst Du es eindeutiger haben, dann müssen wir uns ein paar Jahrzehnte zurückbeamen, in die Zeit, als Dein Opa noch ein junger Mann und Dein Vater noch ein kleiner Junge war. Damals schlingerten wir zwar ebenfalls durchs Leben, der entscheidende Unterschied aber war, dass kaum einer darüber nachdachte und die meisten einfach taten, was sie glaubten tun zu müssen. Männer? Sie waren, wie das eine Kindergartenfreundin von Dir einmal genannt hat, die »Bestimmer«. Sie gingen arbeiten, kauften Autos, bauten Häuser, spielten den Familien-Außenminister und den Urlaubsorganisator, regierten das Land, die Wirtschaft, die Welt. Frauen? Innenministerium. Waren zu Hause, bekamen Taschengeld, kümmerten sich um die Kinder, duckten sich unter den Bestimmern weg, ließen viel mit sich machen, schwiegen.

Lachst Du? Schüttelst Du den Kopf? So war das mal, wirklich. Schwer vorzustellen, ich weiß. Als Dein Opa nach dem Studium einen Job bekam, der ihn dazu zwang, weit weg zu ziehen von Eltern und Freunden, nahm er Deine Oma einfach mit. Große Debatten? Gab es nicht, soweit ich weiß. Wir gehen hier weg, sagte er. Was sie wollte, war nicht so wichtig. Es war eine pure Männer-außenwelt, in der diese bestimmten, was geschah. Und wie das so ist mit Gesetzen, die eine bestimmte Gruppe macht: Sie waren in der Regel zum Vorteil ihrer Erfinder. Doch was dabei gern übersehen wurde und immer noch wird: Es waren zwar Männergesetze, aber diese Gesetze butterten die Männer ebenso unter wie die Frauen. So erzählte mir Dein Opa, über sich selbst den Kopf schüttelnd, dass es sein Professor gewesen sei, der ihm besagten Job gleichsam befohlen hatte. Dort gehen Sie jetzt hin, sagte der. Und Dein Opa ging. Was er wollte, war nicht so wichtig.

Wenn ich mir etwas wünschen darf, dann, dass Du Dir dieses Wackelbild gut einprägst: dass Du ein Regelwerk von deinesgleichen übergestülpt bekommen kannst, das Dir Vorteile verschafft – Dir aber gleichzeitig schadet, Dich behindert, verbiegt, sodass Du nicht recht weißt, ob Du nun eine Art Opfer oder Täter bist. Diese eigenartige Lage ist schwer zu erkennen, weil wir ja mit drinhängen. Am intensivsten habe ich das in Männergruppen empfunden, Sportvereinen zum Beispiel (beim Militär war ich nicht, aus genau diesem Grund): Jungs unter sich, das gilt vielen als höchste Form der Freiheit und ist dann oft doch nichts anderes als eine Zusammenballung verschwitzter, homophober, latent gewaltbereiter Schwachköpfe.

Naturgemäß fiel und fällt es den Frauen leichter zu erkennen, welchen Männergesetzen sie (und wir) da ständig unterworfen waren und sind. (Nicht so leicht erkennen sie, welchen Anteil sie an deren Entstehung hatten und haben, aber das würde nun endgültig zu weit führen.) Irgendwann hatten sie jedenfalls keine Lust mehr darauf. Dass sich das Selbstverständnis der Frauen radikal zu ändern begann, habe ich zum ersten Mal erkannt, als ich in den späten Sechzigern eines Sonntagmorgens ins Wohnzimmer kam und dort meine Mutter traf. Sie saß in der Sonne, auf dem Lehnsessel mit dem weißen Lammfell – und rauchte! Meine Mutter rauchte! Für mich war das schockierend und faszinierend zugleich, denn rauchende Frauen waren Wesen, die ich aus Kinofilmen kannte; da saßen sie in fremden Ländern, selbstbewusst und autonom, und erlebten eigene Abenteuer. Irgendwann besorgte meine Mutter ungewohnte Schallplatten. Eine davon hieß »Haare« und war, wie unschwer zu erkennen, die deutsche Version von Hair. Noch heute durchrieselt mich das Gefühl großer Freiheit, wenn ich einen der Songs höre (ich fürchte, einmal musst Du sie mit mir gemeinsam anhören). Deine Oma war ohnehin, im Vergleich zu den Müttern meiner Freunde, eine Ausnahme. Sie arbeitete, war Lehrerin und auch nachmittags nicht zu Hause, verdiente eigenes Geld, ließ uns viel Freiheit, hatte eigene Freunde – und nahm dann eines Tages ihr Schicksal endgültig selber in die Hand und trennte sich von Opa.


(Foto:dpa)
Mein Brief soll nicht zur Geschichtsstunde werden, obwohl … Du weißt ja, was dann kam: Emanzipation, Demos, »Ich habe abgetrieben«-Cover, »Alle Männer sind Vergewaltiger« etc.; und wenn Du es nicht weißt, wirst Du es in der Schule noch zu hören bekommen. Es war die groß angelegte Dekonstruktion all jener Regeln, Umgangsformen und Rollenzuschreibungen, die das Zusammenleben von Männern und Frauen bis dahin bestimmt und recht übersichtlich gemacht hatten, wenn auch auf Kosten der Frauen. Die Reaktionen der Männer und der Frauen auf diese Umwälzungen waren vielfältig und widersprüchlich, eine schlüssige neue Haltung haben wir, so empfinde ich es, bis heute nicht gefunden. Genauso ambivalent muss daher die Antwort auf die Frage ausfallen, wie man denn nun als Mann gut mit einer Frau zusammenleben kann, wie wir Männer uns im Alltag angemessen zu verhalten haben (und wie die Frauen), was wir voneinander erwarten dürfen und was nicht.

Für Dich ist das schwierig, sehr schwierig. Vor allem deshalb, weil Du so viel weißt und weil man Dich mit einem Wust widersprüchlicher Erwartungen zuschüttet – im Unterschied zu Deinem Opa und auch Deinem Vater. Du weißt zum Beispiel, was Männer Frauen alles angetan haben und immer noch antun, und lebst daher mit einem latent schlechten Gewissen, obwohl Du an dem Schlamassel keine Schuld trägst. Du weißt, dass sich Frauen Männer wünschen, die es nicht gibt: Viril sollen sie sein, autonom, einfühlsam, schön, kinderlieb, abenteuerlustig, potent, feminin, verständnisvoll, rücksichtslos im richtigen Augenblick. Du weißt, dass Frauen in manchen Situationen die besseren Karten haben, weil die Gesellschaft sich dazu entschlossen hat, jetzt mal die Mädchen zu fördern und weniger die Jungs. Du weißt, dass das ungerecht sein kann. Und Du weißt, dass es gerecht sein kann. Du weißt, dass der Feminismus wichtig war, es aber versäumt hat, die Männer mit auf die Reise zu nehmen, vielmehr hat er sie ratlos zurückgelassen und wundert sich jetzt über die zurückgebliebenen Männer. Du spürst, dass Du ein Mann bist, der auch von seinen Genen bestimmt wird. (Muss ich Dir noch einmal erzählen, wie Du, als Kleinkind, mit Holzhammer, Schraubenzieher, Puppe und Kleidchen konfrontiert, das gesamte testosterongetriebene Standardprogramm abgespult hast? Wie Du alles kleingehämmert hast? Die Klimperaugen der Puppe mit dem Schraubenzieher demontiert? Und das, ich schwöre!, ganz ohne geschlechtsspezifische Anleitung durch Deine Mutter oder mich. Nein, muss ich nicht, oft genug hast Du es gehört.)

Viel Zeug, keine Frage. Wie sollt Ihr beide nun zueinanderfinden? Du, der Mann, und sie, Dein weibliches Gegenüber?

Hier ein paar Ideen dazu. Sie sind eine Mischung aus Antworten und Fragen, fürchte ich. Die erste Idee lautet: Weil Du ohnehin schon so viel weißt und verstanden hast, pack einfach noch eine weitere Erkenntnis dazu – Deinem Gegenüber, der jungen Frau, geht es wahrscheinlich wie Dir. Sie muss mit derselben Mischung inkompatibler Erwartungen, ambivalenter Forderungen und diffuser Befürchtungen umgehen wie Du und ist im Zweifel genauso ratlos.

Die zweite: Du bist weder Opfer noch Täter, sondern irgendwas dazwischen. Du hast es in der Hand, Dein Verhalten zu ändern, auch wenn Du immer wieder damit rechnen musst, dass Dich etwas Unvorhergesehenes stolpern lässt. Dabei hilft es, den Mund aufzumachen. Reden hilft, sagt Deine Mutter gern. Fragen auch. Ich weiß, es wird schon viel zu viel geredet, ständig, über alles. Doch die wirklich wichtigen Dinge kommen paradoxerweise selten zur Sprache. Daher, fürchte ich, führt kein Weg daran vorbei, dass Du sprichst. Über Dich, über sie. Sag einfache Dinge, naheliegende, wahrhaftige. Sag ihr, dass Du sie magst. Sag ihr, dass Du sie jetzt gern in den Arm nehmen würdest. Frag sie, ob es so gut ist … okay, okay, ich höre schon auf damit. Ich weiß, es gibt nichts Peinlicheres als Eltern, die über solche Dinge sprechen. Du dürftest verstanden haben, worauf ich hinauswill.

Die dritte: Geh den Videoclips nicht auf den Leim, den Buchtiteln, den Magazincovern, den Songtexten, den Pornoseiten im Web, mit ihren Bildern von uns Männern. Sie alle formulieren wenige, eindeutige Botschaften; die eine lautet, dass wir Männer uns die Frauen nur zu nehmen brauchen, wie brutal wir uns dabei auch anstellen mögen. Die andere lautet, dass das Leben junger Frauen und Männer heute daraus besteht, ihr Innerstes nach außen zu kehren und allen alles zu zeigen. Diese Botschaften sind keine Erzählungen vom Zusammenleben eines Mannes und einer Frau. Es sind fremde Fantasien, verkaufsfördernde Provokationen oder zweifelhafte Versuche, ein wenig von der wichtigsten Ressource der Gegenwart abzubekommen: Aufmerksamkeit.

Das Wichtigste: Ich fürchte, Du musst akzeptieren, dass es ohne Risiko nicht geht. Wer auch immer versucht, mit einem anderen Menschen in Kontakt zu kommen, der »stört« dessen Kreise – und sei es, indem er ihn freundlich grüßt. Indem Du jemanden ansprichst, verlässt Du Deine selbstbestimmte Welt – und greifst in die des anderen ein. Es kann also im Nachdenken darüber, wie Du Dich einer Frau näherst, wie Du mit ihr zusammenlebst, nicht darum gehen, ob Du sie störst. Das wirst Du in jedem Fall tun. Es geht vielmehr darum, wie Du sie störst. Das ist doch schon mal was, oder?

Wie nun diese Störung aussieht und wie die Frau diese Störung empfindet, das hängt von sehr vielem ab (und kann daher schnell schiefgehen): Wie sie geprägt ist, ob Männer sie verletzt haben, was sie von Dir erwartet, wie sicher sie sich ihrer selbst ist … Du weißt, auf welchen Endlossatz das jetzt hinausläuft. Gesellschaftliche Anleitungen kannst Du vergessen, längst schon haben sie ihre Verbindlichkeit verloren. Wenn Du mir nicht glaubst, versuche einfach mal, einer jungen Frau in den Mantel zu helfen, was früher (einmal muss ich es verwenden, dieses Zauberwort von Eltern) einmal zum guten Ton gehörte. Es ist nicht vorhersehbar, ob sie das als Geste der Zuwendung oder als Ausdruck opahafter Bevormundung begreifen wird. Vergiss es, das klären zu wollen. Es gilt, was sie aus dieser Geste macht. Das ist der Preis, den wir für eine offene Gesellschaft zahlen. Er ist verkraftbar, würde ich sagen.

Doch es führt kein Weg daran vorbei, dass Du etwas riskierst. Dass Du etwas von Dir preisgibst. Dass Du etwas sagst. Und dass Du dabei aufs Wie achtest. Im Grunde habe ich das Gefühl, dass es einfacher ist, als es scheint. Solange Du respektvoll bleibst, freundlich, witzig, kann nicht allzu viel schiefgehen. Viel Glück, mein Sohn! Sei im Zweifel dann doch eher vorsichtig und defensiv, respektvoll immer. Aber das sind Ratschläge, die Väter zur eigenen Beruhigung geben und weniger, weil sie glauben, ihre Söhne hielten sich daran.

Du wirst es richtig machen, da bin ich ganz sicher.

Dein Papi




Quelle: http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/39513