aus Heft 25/2006 Außenpolitik Noch keine Kommentare
»Es ist unmoralisch, Geld von den Reichen zu nehmen, um es den Armen zu geben«
Ein Interview mit dem Ökonom Milton Friedman
Von Alain Zucker
SZ-Magazin: Herr Friedman, Sie haben schon manchen US-Präsidenten kommen und gehen sehen. Vor kurzem trafen Sie auch George W. Bush. Finden Sie, dass er gute Arbeit leistet? Milton Friedman: Das kommt drauf an. Seine Steuersenkungen waren richtig. Weniger begeistert bin ich vom Anstieg der Staatsausgaben. Sie gerieten besonders in den ersten drei Jahren seiner Administration außer Kontrolle. Die Republikaner nutzten die Gelegenheit, um alles zu finanzieren, was sie schon immer wollten. Heute sind wir in der kuriosen Situation, dass das Gute das Schlechte ausbalanciert: Die niedrigeren Steuern haben zumindest dazu beigetragen, dass die US-Wirtschaft schnell wuchs. Deshalb sind die Steuereinnahmen gestiegen und es hat sich im vergangenen Jahr nicht im Defizit niedergeschlagen, dass der Staat immer mehr ausgibt.
Sie sind 93 Jahre alt. Regen Sie sich eigentlich noch darüber auf, was auf der Welt im Allgemeinen passiert? Es ist zwar völlig irrational, aber: ja, ich kann mich noch darüber aufregen.
Stimmt Sie der Gang der Welt optimistisch? Ich denke schon. Der Fall der Sowjetunion und der Wandel in China haben zu einem Freiheitsschub geführt. Die Zahl der Menschen, die in einer Art Marktwirtschaft leben und deren Chancen nutzen können, hat zugenommen wie nie zuvor. Mich erstaunt deshalb auch die öffentliche Wahrnehmung in meinem Land: Wir sind in den Vereinigten Staaten auf dem Höhepunkt des Wohlstandes. Auch wir hatten noch nie eine Periode wie die vergangenen zwanzig Jahre, mit derart stabilem Wachstum und nur zwei milden Rezessionen. Es war wirklich eine außerordentliche Zeit, mit hohem Lebensstandard und niedriger Arbeitslosigkeit. Trotzdem sind die Leute in Meinungsumfragen unzufrieden mit der Wirtschaftslage.
Wie erklären Sie sich das? Ich denke, es hat mit dem Irakkrieg zu tun. Die Umfragen spiegeln das allgemeine Unbehagen über die Lage im Irak, was offensichtlich auch die Einschätzung der Wirtschaftslage beeinflusst. Zu welchem Lager gehören Sie, zu den Kriegsgegnern oder den Kriegsbefürwortern? Wir hätten nicht in den Irakkrieg ziehen sollen. Es war richtig, nach Afghanistan zu gehen, denn die Lage dort hatte direkt mit dem Angriff auf uns am 11. September zu tun. Nicht so im Irak. Ich glaube, dass wir als Nation prinzipiell nicht im Aggressionsgeschäft tätig sein sollten. Doch inzwischen ist die Frage eigentlich irrelevant geworden. Nun zählt nur noch, was wir jetzt tun werden. Ich halte es für extrem wichtig, dass wir dieses Abenteuer mit Erfolg abschließen und der Irak zu einem Land wird, das man besuchen kann, ohne dass auf einen geschossen wird.
Welches sind die mächtigsten Antriebskräfte des Menschen? Zweifellos die Gier …Gier, Hass und Liebe.
Sie wurden berühmt als Hohepriester des Markts und haben den Menschen immer als rationalen Nutzenmaximierer skizziert, der im Wettbewerb mit anderen unermüdlich um seinen Vorteil ringt. Hat ein solcher Mensch Platz für Hass und Liebe? Natürlich. Wir Ökonomen kümmern uns nur darum, wie die Leute ihr Leben organisieren und wie sie ihre Ressourcen einsetzen, um ihre Bedürfnisse zu erfüllen. Wir beurteilen diese Bedürfnisse jedoch nicht. Sie können individuell sehr unterschiedlich sein, von Hass, Liebe oder sonst einem Gefühl gesteuert. Die Macht des Hasses lässt sich ja kaum leugnen, sie treibt auch die islamischen Fundamentalisten von al-Qaida an. Wir können jetzt einfach hoffen, dass Leute mit anderen Werten wirksamer organisiert sind als sie und fähig, sie zu eliminieren. Doch die Zivilisation war immer ein riskantes und vorläufiges Unterfangen, ohne jede Garantie.
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