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bedeckt München
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aus Heft 26/2006 Tiere/Pflanzen

Saatfeind Nummer eins

Bastian Obermayer und Franziska Storz  Ein ausländisches Kraut überwuchert deutsche Wiesen. Radikale Naturschützer reagieren fremdenfeindlich.
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Wundern Sie sich nicht, wenn Sie in den nächsten Wochen immer wieder Trupps von Naturschützern, Rentnern oder Schülern mit Sensen und Harken über die Wiesen ziehen sehen. Diese Menschen bekämpfen eine Pflanze: das Indische Springkraut, Impatiens glandulifera, auch Drüsiges Springkraut genannt. Das ist die hohe Staude mit den rosavioletten Blüten, die jetzt oft zuhauf an Flüssen oder Wäldern steht. Früher wuchs sie nicht hier, sondern im westlichen Himalaja, und wenn es nach den wütenden Naturfreunden geht, soll sie dahin, bitte schön, auch wieder verschwinden. Das Indische Springkraut ist fremd. Das ist der Punkt. Deswegen darf es hier nicht blühen. Deswegen trat im vergangenen Jahr sogar ein ganzes Feldjägerbataillon an, um das Indische Springkraut aus dem Erdinger Viehlassmoos zu vertreiben, und auch dieses Jahr wird es wieder groß angelegte Aktionen geben. Die praktischen Schweizer bekämpfen das Fremde übrigens einfach mit Fremden: Dort müssen Asylbewerber das Indische Springkraut ausreißen. Das umstrittene Kraut wurde 1839 als Zierpflanze nach Europa gebracht und entkam irgendwann aus den Gärten, mit einem raffinierten Trick: Die Samenkapseln springen bei Berührung mit einem Knall auf und schleudern ihren Inhalt hinaus. Ohne Wind können die Samen bis zu sieben Meter fliegen, mit Wind noch viel weiter. Aber es kommt noch besser: Jede einzelne Pflanze produziert 4000 Samen im Jahr, denn im westlichen Himalaja ist es nicht besonders wirtlich. Weil das Indische Springkraut auch noch sehr schnell und dicht wächst und alle seine natürlichen Feinde noch immer im westlichen Himalaja sitzen, hat es sich in einigen Gegenden rasend schnell ausgebreitet, oft in riesigen »natürlichen Monokultu-ren«. »Die gigantisch wuchernden Springkraut-Massen machen in ihrem Schatten und zwischen ihren aggressiven Wurzeln alle heimischen Kräuter und Stauden nieder, wie eine erbarmungslose feindliche Armee«, warnt Tropenmediziner Rüdiger Disko pathe-tisch. »Die Pflanzen erobern Landstrich um Landstrich, um auf Dauer zu halten, was sie einmal in Besitz genommen haben.« Das Indische Springkraut gilt als Paradebeispiel für invasive Neophyten: aggressive fremde Pflanzen, die mit einer überlegenen Strategie schwächere Arten an den Rand der Existenz bringen. Wie der aus dem Kaukasus importierte Riesenbärenklau, den rund um Hamburg Ein-Euro-Jobber ausrupfen, oder der ursprünglich in Ostasien beheimatete Staudenknöterich, gegen den in Ostsachsen aus EU-Töpfen bezahlte Hartz-IV-Empfänger ins Feld geschickt werden. Diese bösartigen Fremdlinge bedrohen unsere einheimische Natur, deswegen muss der Mensch einschreiten. Das denken die Naturschützer jedenfalls. Tatsächlich tobt rund um das Thema Neophyten unter Naturschutzaktivisten, Botanikern, Wissenschaftlern, Bauern und Förstern ein regelrechter Glaubenskrieg darüber, wie mit den Pflanzen umgegangen werden soll. Auf der einen Seite warnen vor allem Naturschützer vor der Überfremdung unserer Flora und fordern sofortige Maßnahmen überall dort, wo sich Neophyten blicken lassen. Auf der anderen Seite des Grabens mahnen meist Wissenschaftler zur Toleranz und erinnern daran, dass viele Arten, die jetzt als typisch gelten, die Fremden von früher sind. Denn Neophyten werden nur die Pflanzen genannt, die nach der Entdeckung Amerikas 1492 bei uns Fuß fassten, mit diesem Jahr beginnt in der Botanik die Globalisierung. Alles, was zuvor einwanderte, wurde eingebürgert. Was zu spät kam, bleibt fremd. An solche Kategorien dachte Johann Waldschütz nicht, als er das Indische Springkraut erstmals hinter seinem Hof bei Irschenberg fand: Die anmutige Pflanze mit den grünen, innen leicht rosa verfärbten Blättern und den rosavioletten Blüten, die schüchtern hinter der Odelgrube stand, gefiel dem Bauern, eine solche hatte er noch nie gesehen. »Die rührt mir keiner an, die bleibt da!«, befahl er seiner Familie. Zwanzig Jahre nach seiner ersten Begegnung mit der fremden Art steht Waldschütz etwas ratlos vor einer größeren Lichtung in seinem Wald. Dort sollten eigentlich Bäume heranwachsen. Tatsächlich sieht man nur einen mannshohen rosa-grünen Teppich aus tausenden von Springkrautpflanzen. Die einstige Lieblingsblume des Bauern legte ziemlich schnell ihre anfängliche Schüchternheit ab und verbreitete sich Jahr für Jahr stärker. Inzwischen schießt sie überall empor, wo sich ein bisschen Licht und feuchter, nahrhafter Boden bietet. Jäten ist sinnlos. »So ein zäher Hund, dieses Kraut! Wo man hinschaut, wächst das und ich krieg es nicht mehr weg«, sagt Waldschütz. Irgendwo im Springkrautmeer sprießen wohl ein paar Birken, Eichen und Fichten, aber zu ihnen kommt kaum Licht durch, weil das Springkraut so dicht steht. Fast sieht es so aus, als würden die Pflanzen ihre Köpfe zusammenstecken und über die lahme Konkurrenz tuscheln, die immer noch nur ein paar Zentimeter hoch ist.
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