aus Heft 49/2006 Literatur Noch keine Kommentare
Heilige Schrift
Bisher standen Bücher in Regalen. Jetzt hat Google begonnen, die Weltliteratur ins Internet zu stellen. Bedeutet dieses Mammutprojekt das Ende des Buches?
Von Tobias Kniebe
Wenn die Kompressoren zischen und die Vakuumpumpen ihre Luft einziehen, klingt die Maschine wie ein schlafendes, vorzeitliches Ungetüm. Doch das Monster schläft nie. Wochen- und monatelang kann es die immergleiche Bewegung ausführen: ansaugen, hoch-heben, umdrehen, flach drücken. Es braucht nichts weiter als Strom – und Futter. Seine Nahrung sind alte Bücher, die es sensorgesteuert umblättert, vorsichtig, fast zärtlich, und einscannt in eine neue, digitale, universale Bibliothek des Wissens. Zwei Kameras saugen den Inhalt der Buchseiten auf – bis zu 3000 pro Stunde, 72 000 pro Tag, 26 Millionen im Jahr. Ivo Iossiger, 39, wirkt klein neben diesem gewaltigen Apparat, den er erfunden und konstruiert hat. Durchs Fenster seiner Firma 4DigitalBooks im schweizerischen Ecublens sieht man malerische Kuhweiden, aber Iossiger blickt lieber in die Zukunft. »Dies ist der Beginn einer neuen Ära«, sagt er. »Und wohl das Ende des Buches, wie wir es kennen.«
Iossiger ist nur einer von unzähligen Technikern, Bibliothekaren und Unternehmern auf der ganzen Welt, die ihre Arbeit derzeit in den Dienst einer großen Vision stellen: Alle wichtigen Informatio-nen, die bisher nur auf Papier gedruckt vorliegen, möglichst bald in körperlose, digitale Daten zu verwandeln. Dahinter steht ein Traum, der bis ins Altertum zurückreicht: Alle schriftlichen Zeugnisse der Menschheit an einem einzigen Ort zu versammeln, für jeden zugänglich zu machen – und für alle Zeiten zu bewahren. Die Große Bibliothek von Alexandria, 288 v. Chr. gegründet, war der erste umfassende Versuch in dieser Richtung – und, nach ihrer Zerstörung ein paar Jahrhunderte später, vorerst auch der letzte. Zu schnell ist die menschliche Textproduktion seitdem voran-geschritten, zu hoch schienen die Kosten, alle bisher gedruckten Bücher – man schätzt, dass das etwa 32 Millionen sind – an einem einzigen Ort zu lagern. Bis jetzt.
Denn unbezwingbar sind eigentlich nur die Berge von Papier, die bisher als Datenträger dienen. Computerprogramme, die Tausende von Buchseiten in wenige digitale Kilobytes verwandeln, sind seit Jahren vorhanden, das Internet dient längst als virtueller, rund um die Uhr geöffneter Lesesaal – und Informationen, die sich einmal von ihren physischen Trägern gelöst haben, lassen sich in nahezu unendlichen Mengen elektronisch verarbeiten, katalogisieren und innerhalb von Millisekunden wieder abrufen. Gleichzeitig finden selbst Studenten und Wissenschaftler immer seltener den Weg in jene ehrwürdigen Hallen der Bildung, die tatsächlich echte Bücher beherbergen. »Unsere Zeit ist schon heute zu kostbar für Bibliotheken«, sagt die amtierende Bachmann-Preisträgerin und Internet-Autorin Kathrin Passig. »Bücher, die nicht per Mausklick verfügbar sind, werden für uns bald genauso wenig existieren wie Bücher, die nur auf Aramäisch ohne Übersetzung vorliegen.«
Sie bringt den Gedanken auf den Punkt, der derzeit Konstrukteure wie Ivo Iossiger bewegt, Funktionäre wie Jean-Noël Jeanneney, den Leiter der Bibliothèque Nationale in Paris, und Internet-Zukunftsforscher wie Larry Page und Sergey Brin, die mit ihrer marktbeherrschenden Suchmaschine Google wie nebenbei zwei der reichsten und mächtigsten Unternehmer der Welt geworden sind. Sie alle arbeiten nicht unbedingt zusammen, momentan teilweise sogar gegeneinander – und dennoch glauben sie an dieselbe Idee einer umfassenden Digitalisierungsinitiative, die verhindern soll, dass große Teile des menschlichen Wissens schon bald vom Radar der vernetzen Gesellschaft verschwinden. Google fiel dabei die Aufgabe zu, den ersten gewaltigen Schritt Richtung Praxis zu tun: Seit Dezember 2004 läuft das »Google Bibliotheksprojekt« mit dem ehrgeizigen Ziel, die Millionenbestände von einigen der weltgrößten Bibliotheken einzuscannen – darunter jene der New York Public Library und der Universitätsbibliotheken von Stanford, Harvard, Michigan und Oxford.
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