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aus Heft 50/2006 Gesellschaft/Leben Noch keine Kommentare

Punk’s Not Dead

Mods, Hippies und Raver sind irgendwann einfach verschwunden. Warum aber haben ausgerechnet jene Karriere gemacht, die einst von »no future« sprachen? Von Lorenz Schröter (Text), Peter Langer (Fotos) 



»Ich bin sehr dick«, hatte Daniel Richter als Erkennungsmerkmal genannt, mit einer winzigen dramatischen Pause vor »dick«. Oh. Ein typischer Daniel-Richter-Kunstgriff. Er ist überhaupt nicht dick. Sondern schlank, gut aussehend, ziemlich schlau und als Maler wahnsinnig erfolgreich. Das macht Daniel Richter gern. Durch Verwirrung gleich das Heft in die Hand nehmen. Einst besetzte er Häuser in Hamburg, schlug sich mit Polizisten und entwarf Cover für Punkplatten. Mit dreißig besuchte der Schulabbrecher die Kunstakademie in Hamburg. »Ich wollte nicht um acht Uhr ins Büro gehen. Also dachte ich, Kunst wäre das Richtige.« Nach seiner abstrakten Phase tummeln sich derzeit zerfließende Märchenfiguren mit kindlichem Touch vor bruchstückhafter Natur auf seinen Bildern. Als wäre Chagall böse geworden. Sie tragen Wortspiel-Namen wie Tuanus oder Eine Stadt namens Authan und sind in Ausstellungen zu sehen, die 17 Jahre Nasenbluten heißen. Manche Zeichnungen könnte man fast als naiv bezeichnen. Doch Vorsicht! Wenn man ihn ansticht – und eigentlich auch ohne das –, sprudelt es aus Richter heraus: Dann referiert er über assyrische Kunst, über seinen Martin-Kippenberger-Komplex, über die Ess-gewohnheiten Kafkas, der jeden Bissen angeblich dreißig Mal kaute und damit den Zorn seines Vaters herausforderte, und sagt Sätze wie: »Es gibt keinen Künstler, der die Kunstgeschichte nicht kennt« (falls doch, kann er sich der Verachtung Daniel Richters sicher sein). Der Daniel-Richter-Kosmos hat den Kunstmarkt ganz schön beeindruckt. Die Werke des Berliner Kunstprofessors, Jahrgang 62, kosten mittlerweile eine Viertelmillion Euro. Hat er sich eigentlich seit Punkrockzeiten verändert? »Früher war ich gegen alles.« Daniel Richter lächelt sardonisch. »Heute bin ich nur noch gegen das meiste.« Zum Beispiel? »Dummheit!« Bei Daniel Richter kommt man sich leicht ein wenig dumm vor. Sein Trick: Er lenkt das Gespräch schnell auf seine eigenen Themen. Nach so einer Daniel-Richter-Dosis rennt man in die nächste Buchhandlung und will sofort Kunstgeschichte studieren. Ein Teil der geburtenstarken Jahrgänge war zur richtigen Zeit – zwischen 1977 und 1984 – an den richtigen Orten: Markthalle (Hamburg), Lipstick (München), Ratinger Hof (Düsseldorf), Risiko (Berlin). In diesen ersten deutschen Punk-Läden ging es nicht nur, wie der Mythos der frühen Punk-Geschichte besagt, um die allabendliche Verwirklichung der »No Future«-Philosophie, um Komatrinken, Sicherheitsnadeln im Zahnfleisch und die krude Feier der Selbstzerstörung. Eine ganze Reihe von Leuten dort wurde offensichtlich auch mit einer Art Zauberstab berührt und merkte: Musik machen, malen oder schreiben ist gar nicht so schwer – man muss es einfach machen, dann passiert auch was. Viele der frühesten Punks verweigerten sich auch nach der Zerstreuung der Bewegung den bestehenden Verhältnissen; der Marsch durch die Institutionen, wie die verhassten 68er ihren Hang zum Eigenheim bemäntelten, kam nicht in Frage. Sie gingen den harten Weg, und die, die überlebten, werden nun, gut zwanzig Jahre später, vom etablierten Kulturbetrieb dafür geliebt.
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