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aus Heft 51/2006 Gesundheit 4 Kommentare

Hurra, ich lebe noch!

Sieben Monate lang lag unsere Textchefin im Krankenhaus. Erinnerungen an eine Zeit zwischen Licht und Schatten.

Von Susanne Schneider, Myrzik & Jarisch (Fotos) 



SCHÖNES FREI
Wer möglichst unbemerkt auf einer deutschen Intensivstation sterben will, sollte dies gegen 14 Uhr tun. Da sitzen die Schwestern und Pfleger der Frühschicht noch eine halbe Stunde am Tisch mit jenen der Spätschicht, sie reden und sie lachen laut. Ich lag gleich nebenan, hinter und neben meinem Bett fiepten und klingelten und pfiffen die Maschinen und Computer, an die ich angeschlossen war. Aber kein Pfleger kam, um mir zu helfen. Sie schienen es nebenan richtig nett zu haben, wünschten sich überschwänglich »Schönes Frei«. Ich begriff gar nichts und hatte nur Angst. Rufen konnte ich nicht, denn ich hatte ein Loch im Hals, in dem eine Kanüle steckte, an der eine Beatmungsmaschine hing, und klingeln ging nicht, denn ich hatte keine Klingel. Selbst wenn, damals wäre ich zu schwach gewesen, um den Knopf zu drücken. So war ich oft sicher, bald sterben zu müssen, unbemerkt von all den lachenden Menschen um mich herum. Und draußen klopfte der Frühling an. Inzwischen weiß ich, dass im »Stützpunkt«, wie das Schwesternzimmer heute heißt, und im Ärztezimmer Monitore zur Überwachung stehen, die Alarm schlagen, wenn es knapp wird. Inzwischen weiß ich natürlich auch, was »Schönes Frei« bedeutet. Das wünschen sich Schwestern und Pfleger, wenn sie durch Überstunden und Wochenenddienste freie Tage angesammelt haben. Doch gesagt hat mir das zu der Zeit keiner. Damals lag ich ja erst 30 oder 40 Tage auf der Intensivstation. 210 sollten es werden.
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DER AUFWACHRAUM KOMMT
Ich hatte ein Schwannom, einen Tumor des Nervensystems. Normalerweise besteht die Aufgabe der sogenannten Schwann-Zellen darin, die Nerven zu umhüllen. Aber manchmal machen sie sich selbstständig und finden sich zu einem Klumpen zusammen. Am Tag, als ich ins Krankenhaus kam, war der Tumor groß wie ein Handball und drückte meinen linken Lungenflügel zusammen und mein Herz nach rechts. Wochenlang war ich schon kurzatmig, konnte kaum noch über die Straße gehen, ohne stehen bleiben und Luft holen zu müssen; jedes einzelne Stockwerk im Büro fuhr ich mit dem Lift. Ich versuchte, so gut es eben ging, den Zustand vor meinen Kollegen zu verbergen. Meine Lippen waren fast ständig blau, schlafen konnte ich schon viele Monate kaum mehr. Nur: Weh tat mir nichts. Ich nahm immer mehr zu und dann, im Februar, stauten sich schließlich zwanzig Kilo Wasser in meinem Körper. »Es ist das Herz«, sagte ein Arzt und gab mir entwässernde Tabletten. »Es ist nicht das Herz«, sagte ein anderer. »Leberzirrhose«, diagnostizierte ein Dritter. Als ich nicht mehr vom Sofa hochkam, weil ich wegen des gestauten Wassers meine Knie nicht mehr abwinkeln konnte, ging ich zur Notaufnahme ins Klinikum München-Großhadern. Das war Ende Februar. Die Computertomografie brachte die Wahrheit ans Licht. »Noch zwei, drei Wochen, und Sie wären gestorben«, sagte der Professor, der mich zwei Tage später operierte. Und nachdem mich die Anästhesistin über alle Risiken der bevorstehenden Operation aufgeklärt hatte, meinte sie im Rausgehen: »Das wird knapp. Sehr knapp.« Die erste Operation musste nach sechs Stunden beendet werden, weil ich zu viel Blut verloren hatte, bei der zweiten, zwei Tage später, stand mein Herz zweimal still. Da packte der Professor das Herz mit seinen Händen und drückte es zusammen und ließ los und drückte zusammen, bis es wieder von allein schlug. Nun begann die Zeit, in der niemand wusste, ob ich leben oder sterben würde – ein Lungenflügel kaputt, das Herz vielleicht inzwischen zu schwach, und würden die Nieren bei diesen starken Medikamenten durchhalten? Und die Leber? Es gab Tage, da klangen die Ärzte morgens ziemlich hoffnungsfroh und abends ziemlich hoffnungslos. Und manchmal war es umgekehrt. Ich habe davon nichts mitbekommen: Drei Wochen lag ich im künstlichen Koma. Dann holten sie mich langsam zurück. »Wissen Sie, wo Sie sind?«, ist die erste Frage, an die ich mich erinnere. Die zweite: »Wissen Sie, wie Sie heißen?« Ich sollte sie während des nächsten halben Jahres noch oft hören. Die Fragen werden von den Pflegern und Schwestern immer gestellt, wenn ein Patient aus dem Koma erwacht oder wenn »der Aufwachraum kommt«, wie sie es nennen, wenn also ein Patient auf die Intensivstation geschoben wird, der aus der Narkose aufwacht. Diese Fragen dienen dazu, sich zu vergewissern, ob der Patient verwirrt oder bei Sinnen ist. Ob ich bei Sinnen war, weiß ich nicht. Später erzählte mir eine Freundin, dass ich ziemlich bald gefragt hätte, ob Rudi Carrell noch lebe. Ich weiß davon zwar auch nichts mehr, aber so eine Frage zu stellen würde ich mir zutrauen. Ja, damals, Ende März, lebte er noch. Und ich war erst mal über den Berg. Und der Tumor gutartig – welch ein Glück.

Kommentare

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  • Gert Kaczmarek (0) Hallo Frau Schneider,
    also... es berührt einen schon sehr eine so dramatische, aber relistische und wirklich erlebte Geschichte zu lesen.
    Ich komme selber aus dem Rettungsdienst und sehe ein klein wenig mehr hinter das Gesicht einer schwerstkranken Patientin.
    Leider habe auch ich bei den Krankheiten 3-mal "hier" gerufen und habe schon einiges an Krankheiten hinter und vieles durch chronische Erkrankungen noch vor mir... und ich hoffe das ich auch ein "geduldiger Patient" sein werde... oder wenigstens es lerne einer zu sein :-(
    Frau Schneider, glauben Sie mir bitte, ich kann nachempfinden wie schwer es ist erst einmal zu akzeptieren das man krank ist und wie viel schwerer es ausserdem ist kleinste Schritte vorwärts in Richtung Gesundheit zu gehen und das als FORTSCHRITT ZU SEHEN... alles eine Sache von Geduld... und die haben wir "Balina" wahrlich nicht in vielen Dingen... ausser in meinem Berufsleben... aber, Sie haben schon so vieles geschafft und...
    Sie haben die besten Voraussetzungen wieder gesund zu werden bzw. viel, viel besser zu lernen mit Ihrer wohl doch für immer bleibenden Krankheit zu leben.
    Und zu den besten Voraussetzungen gehört was ganz entscheidendes, wichtiges:
    eine gesunde zu Ihnen haltende Familie, ihr Mann und ihre Kinder... und diese haben Sie
    Auch ich konnte mich auf meine Mutter und auf meine äusserst fürsorgliche Frau lange Zeit und ausdauernd verlassen... und das obwohl meine Frau sonst nie in ein Krankanhaus ging... sie war fast jeden Tag trotz Arbeit und weiter Wegstrecke an meinem Krankenbett und hat mich in meiner Unmut und in meinem Trotz und Kummer ertragen... ja, ich muß es wirklich "ertragen" nennen, denn die Krankheit verändert einen Menschen vollends. Ich kann wirklich nur immer wieder DANKE sagen... der Medizin...
    und vor allem meiner Familie... so wie sie bestimmt auch ihrer Familie danken werden
    Alles, alles Liebe und Gute Ihnen und Ihrer Familie
    Viele liebe Grüsse aus Balin [Berlin]
    Gert Kaczmarek
  • Wolfgang Vogt (0) ergreifend
  • Thomas M. Paul (1) Der Artikel hat mich stark beeindruckt und bewegt. Ich muss weinen. Welch ein Lebensmut; ich glaube, den hätte ich nicht. Oder kommt der einfach?
  • Susanne Pfaffenzeller (1) sehr realistisch!! Starke Leistung, dass es Ihnen, nach "dem Alptraum Intensivstation" wieder so gut geht! Leistung von Ihnen und natürlich auch vom Stations-Personal!!!!!!!
    (hab selber viele Jahre auf diversen Intensiv- Stationen gearbeit!)