Gesellschaft/Leben | Heft 19/2008

Egotrips ins Elend

Von Florian Töpfl 

Die Schleusentore, durch die diese Millionen ins Land fluten, sieht, wer in Phnom Penh im Stadtviertel Boeung Keng Kang die 294. Straße entlangläuft. Die Hilfe wird aus kolonialen Villen verteilt, vor denen bullige Geländewägen parken. An nahezu jeder Gartenmauer klebt die Plakette einer NGO. Hausnummer 13: Welthungerhilfe, zwei SUVs. Hausnummer 61: Humanitarian Mine Action MAG, drei SUVs. Hausnummer 69: Japan Team of Young Human Power, zwei SUVs.

Im Haus mit der Nummer 27, einer etwas bescheideneren Villa, sitzt der glatzköpfige Australier Chris Minko auf einer Gartenbank aus verrosteten Kalaschnikows und ist stolz darauf, seit zwölf Jahren eine NGO ohne SUV zu betreiben. Der durchtrainierte Kettenraucher, 52, baute eine nationale Volleyball-Liga für behinderte Sportler auf, um vor allem Landminenopfer und Polio-geschädigte Menschen wieder in die Gesellschaft einzugliedern. Für diese Leistung zeichneten die Vereinten Nationen seine NGO als »Best-Practice«-Beispiel aus. Von der Hilfe junger Freiwilliger allerdings hält Minko wenig.

»Da wird doch gerade ein ganzer Industriezweig aufgebaut, der junge Leute rund um die Welt schickt«, schimpft Minko. So bringe der amerikanische Dienst Peace Corps seit letztem Jahr Freiwillige nach Kambodscha, die Spanier und die Deutschen hätten dieses Jahr damit angefangen. Und die australischen Freiwilligen, die landeten hier sowieso in Flugzeugladungen. Minko: »Dieses Land wird von Freiwilligen überflutet!«
Helfen können die Jugendlichen in Kambodscha wenig, davon ist auch Minko überzeugt. Seine NGO verzichtet seit Anfang des Jahres vollkommen auf Freiwillige. »Die Probleme in Entwicklungsländern sind so verdammt komplex – die kann niemand in zwölf Monaten kapieren«, sagt er. Als Bei-spiel erzählt Minko von der jungen Deutschen Romy, die am »Mutter-Teresa-Syndrom« litt. Am Ende verschenkte sie sogar ihren Laptop an einen der Mitarbeiter, was den Neid aller anderen Helfer provozierte – und schließlich Minkos ganzes Büro in Aufruhr versetzte.

Ein anderer junger Freiwilliger, der Australier Andrew, sei Tag und Nacht mit einem Khmer-Sprachführer herumgelaufen. Schließlich schnauzte er sogar Minko an, weil der sich mit seinen kambodschanischen Mitarbeitern auf Englisch unterhält. Zwar spricht Minko fließend Khmer. »Aber meine Leute sollen doch Englisch lernen!«, ereifert er sich. Viele seiner Freiwilligen seien zudem in ein Leben aus Sex, Drogen und Rock ’n’ Roll abgerutscht. Minko: »Die konntest du in der Gluthitze hier oft tagelang zu nichts gebrauchen.«

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