Gesellschaft/Leben | Heft 20/2008

Ein Land auf der Couch

Die Politiker: hilflos. Die Medien: verlogen. Die Menschen: verstört. Bringt der Fall Amstetten Österreich um den Verstand? Der Wiener Philosoph Franz Schuh erklärt die Seelenlage seiner Heimat.

Von Franz Schuh 


Das Österreichische am Fall Amstetten

Ernsthafte Menschen, die versuchen, etwas über ihre Genossenschaft herauszufinden, können mit solchen Vokabeln wie »das Österreichische« nicht operieren. Ich operiere, auch aus Mangel an Ernst, gern mit solchen Vokabeln, weil man literarisch einiges rausholen kann und weil es eine geradezu heilige Tradition gibt, in der »das Österreichische« beschrieben und durch die Beschreibung überhaupt erst erfunden wird.

Aber schon allein die Abstraktion »das Österreichische« übergeht – und das ist auch eine Stärke, diese Schwäche –, sie übergeht eine unendliche Anzahl von Differenzierungen. Aber wenn »das Österreichische« so viel ausblenden muss, damit es umso schriller wirken kann, dann wird es zu einer Art Kampfbegriff.
Und der Kampfbegriff hat, wie alles im Leben, wenigstens zwei Seiten. Die eine Seite ist: Wir lieben Österreich! Oh, wunderbar! Und die andere, »dem Österreichischen« hingegebene Seite sagt, das ist das größte Arschland auf der ganzen Erde! Also mit solchen Abstrakta wie »österreichisch«, »das Österreichische« umzugehen, ist wirklich eine Kunst.

Ich bin der Meinung, dass es für beide Behauptungen – Diese Tat hat nichts Österreichisches! Oder: Diese Tat ist typisch österreichisch! – keine Beweise gibt. Erstens: Dies hat nichts Österreichisches. Diese Behauptung kann man sehr leicht belegen. Indem man darauf hinweist, anderswo passieren ähnliche Taten immer wieder.

Ich fand es sehr charakteristisch, dass bei einer Fernsehsendung der österreichische Kriminalpsychologe vom Dienst einen Schweizer Journalisten belehrt hat. Der Journalist hatte bestimmte Zusammenhänge zwischen österreichischem Autoritarismus, Nationalsozialismus und dieser Tat hergestellt. Der Kriminalpsychologe jedenfalls sagte: Hören Sie mal, in der Schweiz rennen auch ein paar mörderische Leute herum – und der Kriminalpsychologe zählt die Schweizer Fälle auf.

Umgekehrt aber, dieser Fall ist in Österreich passiert und die Tatsache, dass er hier passiert ist, dass hier dieser Zufall eingetreten ist, bedeutet, dass verschiedene Dinge mit diesem Zufall zusammenhängen. Also etwa ein bestimmtes Agieren der Behörden. Auch ein bestimmtes Akzeptieren von autoritärem Gehabe.

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Die Angst des Bundeskanzlers um das Image des Landes)

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