aus Heft 20/2008 Das Prinzip 3 Kommentare
Popsong
Hip-Hop heißt das neue Gift der Popbranche, selbst Madonna ist danach süchtig.
Von Tobias Kniebe
Allmählich muss doch mal die Frage gestellt werden, warum offenbar keine aktuelle Popnummer aus Amerika mehr ohne diese kurze, zwischengeschaltete Hip-Hop-Einlage auskommen kann. Nichts gegen Hip-Hop im Allgemeinen, aber es ist nun doch nicht die einzige Musik auf der Welt, die man gern hören möchte.
Man sieht es gerade wieder an der aktuellen Nummer eins, an Madonna und ihrem Song 4 Minutes: Bevor es richtig losgeht, schaltet sich erst einmal diese träge Männerstimme ein und murmelt etwas darüber, dass die Zeit unaufhaltsam davonlaufe. Im Video sieht man auch, wer da spricht: ein dicklicher Afroamerikaner mit Sonnenbrille, der relativ lustlos mit seinen Händen herumfuchtelt, die mit Schmuck behängt sind. Was soll das? Jeder große Madonna-Song, von Like A Virgin bis hin zu Hung Up, ließe sich mit einem solchen Vorspann problemlos ruinieren – mal ganz abgesehen von dieser eher mittelmäßigen Nummer.
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Hip-Hop sei in der Gegenwart nun einmal das wichtigste Musikgenre der USA und vielleicht der Welt, hören wir die Experten sagen, wer im Pop noch Erfolg haben wolle, müsse sich halt darauf einlassen. Das erklärt aber im Grunde noch gar nichts. Denn der dickliche Mann, der bei Madonna und sonst überall mitmurmeln darf, bei Justin Timberlake, Nelly Furtado, ist gar kein richtiger Hip-Hopper. Die Kunst des Rappens, die scharfzüngige Poesie der Straße, beherrscht er nicht, und den Sexappeal eines Stars hat ihm auch noch niemand vorgeworfen.
Was Leute wie Madonna wirklich brauchen, sind Beats und Melodien, denen der quasi schamanische Ruf vorauseilt, unfehlbar zu sein: Was immer er schreibt, heißt es, werde zum Hit, zu Gold und Platin. Der Mann – Timothy Mosley alias Timbaland ist sein Name – verkörpert zusammen mit Kollegen wie Pharrell Williams und anderen jenen neuen Typus des Hitproduzenten,
die aus dem Hip-Hop kommen und den Gesamtpop inzwischen in Geiselhaft genommen haben.
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19 Uhr 16
Immerhin haben wir Timberland und den Neptunes einige der interessantesten und besten Pop sowie HipHop Produktionen der letzten Jahre zu verdanken - auch wenn diese tatsächlich in letzter Zeit etwas inflationär wurden.
Zum Thema Pop versus HipHop oder dem ewigen Thema Undergound versus Mainstream kann ich nur sagen, dass es auch im Underground HipHop kaum mehr musikalisch interessante Produktionen gibt (meine subjektive Meinung). Die Goldenen Zeiten des HipHop (ca. 1992 - 1995 R.I.P.) sind für mich eh vorbei...
Im Gegensatz dazu wünsche ich mir die düstere Seite der Neunziger (Vinalla Ice, Mc Hammer, Dj Bobo..... ) nicht zurück. Da höre ich doch lieber Justin Timberlake, Kelis, Snoop, Nelly etc...
17 Uhr 06
Nun zum Thema: Es ist schon sehr auffallend wie sich diese bipolaren Musikwelten (Pop u. Rap) mittlerweile annähern und sich gegenseitig verwässern.
Dass der Pop - wie bereits erwähnt - von jeher versucht, andere Stilrichtungen zu adaptieren, ist nicht neu und gewissermaßen ja auch seine Aufgabe im Sinne einer aktuellen, POPulären Musik. Das eigentliche Wesen der kurzzeitig aufgesaugten (Sub)kultur wird dabei natürlich nicht einmal annähernd transportiert, geschweigedenn reflektiert.
Was ich persönlich viel schlimmer finde ist, dass sich Hip Hop immer häufiger dem Pop anbiedert. Das Paradebeispiel hierfür sind sicherlich die Black Eyed Peas. Die haben ja soweit ich weiß auch diese unsägliche "featuring Justin Tiberlake"-Manie ins Leben gerufen.
Plötzlich werden sämtliche "Grundsätze" über Bord geworfen und es geht nur noch um Chartplatzierung, Verkaufszahlen, Geld, Parties, Lifestyle, etc.
Ich hätte dies so auch nie für möglich gehalten, aber Fakt ist, dass sich Hip Hop in immer stärkerem Maße prostituiert.
Da wünscht man sich doch die guten 90er zurück. Klar gabs da Vanilla Ice und MC Hammer, aber die haben wenigstens nie für sich beansprucht Rap Musik zu machen.
11 Uhr 53
Er vermengt die Hip-Hop-Kultur (die zugehörige Musik bezeichnet man nach wie vor als Rap!) mit der Pop-Kultur.
Dieses konturlose Mischmasch erweist sich aus diversen Gründen als nicht attraktiv:
So war Pop als Mainstream-Kultur schon immer vampiresk, d.h. saugte sich, was er brauchte, von wo auch immer zusammen, um allen etwas bieten zu können, ohne die genuinen Gegebenheiten zu respektieren.
Hip Hop (ohne Bindestrich) entstand hingegen gerade als Gegenkultur zur Dominanz, als Ausdrucksform der Vergessenen und Underdogs. Wie andere Subkulturen (wie z.B. Punk), die gerade aus der Nicht-Angepasstheit an die Masse hervorgingen, verliert folglich drastisch an Authentizität, sobald ihn die Masse vereinnahmt (was ja, wie auch korrekt festgestellt, täglich zu beobachten ist).
Was bleibt ist eine leere Hülle, ein Etikett für die Massenkultur. Dies wird in der allgemeinen Wahrnehmung zunehmend (und zu Recht) als inhaltsleer und aufgesetzt erkannt. Schließlich wird es abgelöst oder durch etwas Neues ersetzt werden. Das ist das Prinzip der Mode. Die Hip-Hop-Kultur als solche wird das nicht tangieren. Sie existiert weiterhin als Subkultur, wenig beachtet von der Mehrheit.
Der Pop hingegen macht damit einen weiteren Schritt in die Universalität der eigenen Bedeutungslosigkeit. Denn etwas, dass alles zugleich sein und es allen recht machen will, ist nicht mehr abgrenzbar, verliert damit seinen identifikatorischen Charakter und endet als belangloses Hintergrundgeräusch im allgemeinen Medienrauschen.