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aus Heft 21/2008 Gesellschaft/Leben 3 Kommentare

Zugzwang

Seit zehn Jahren kämpft ein schwäbischer Bauunternehmer gegen die Deutsche Bahn: Er fordert von ihr Millionen. Obwohl die Gerichte dem Mann recht geben, hat er bis heute keinen Cent gesehen. Statt zu zahlen, versucht der Konzern den Gläubiger aus der Provinz mit aller Macht in die Knie zu zwingen.

Von Rainer Stadler 



Im Januar 2005 ist die berufliche Existenz von Karl-Heinz Rietz zerstört. Zwei Firmen mit insgesamt 36 Angestellten hat er verloren, zwei Mietshäuser und eine Penthousewohnung, die einmal als Altersvorsorge gedacht waren. Die Bank, bei der Rietz noch mit 90 000 Euro im Minus steht, droht nun, das Haus zu pfänden, das Rietz und seine Frau bewohnen.

Ein schönes Haus nahe der schwäbischen Kleinstadt Hechingen; das Glasdach eröffnet einen Postkarten-Blick auf die zehn Kilometer entfernte Burg Hohenzollern. Rietz hat das Haus vor sieben Jahren gekauft und sofort komplett bezahlt.
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Im Januar 2005 steht alles auf dem Spiel, was sich der 51-jährige Schwabe mit Fleiß und harter Arbeit geschaffen hat, geschaffen aus dem Nichts. Als er mit 18 zu Hause auszog, hatte er lediglich einen Koffer in der Hand.

Rietz hat die schwierige Aufgabe, dem Gerichtsvollzieher zu erklären, dass er pleite ist, aber eigentlich Millionär. Seit sieben Jahren nämlich schuldet ihm die Deutsche Bahn Geld, sagt der Bauberater Karl-Heinz Rietz, zu diesem Zeitpunkt gut drei Millionen Euro. 1997 hat seine Firma im Auftrag der Bahn einen Straßendamm beseitigt, um Platz zu schaffen für die neue ICE-Strecke von Karlsruhe nach Basel. Aber die Bahn will nicht zahlen, weil sie die Angelegenheit anders sieht. Und das Verfahren, das Rietz am Landgericht Karlsruhe angestoßen hat, um die offene Rechnung einzutreiben, schleppt sich dahin.

Seine Frau nimmt der Streit so mit, dass sie zwischenzeitlich von 60 auf 38 Kilogramm abmagert. Wie lange kann Rietz den Druck noch aushalten? Nicht nur seinen Freund Torsten Wolz quält der Gedanke, »dass sich der Carlos etwas antun könnte«.

Die Sorge ist unbegründet. Es gab Zeiten, da überlegte Rietz tatsächlich, mit dem Auto gegen die Wand zu donnern. Seine Frau und die beiden Töchter hätten dann wenigstens das Geld aus seiner Lebensversicherung kassiert. Aber 2002 pfändete die Bank die Versicherung. »Warum soll ich mich jetzt noch umbringen?«, fragt Rietz.

Karl-Heinz Rietz lebt, auch im Frühjahr 2008, das ist an sich schon ein Erfolg. An ein Wunder grenzt, dass der bankrotte Mittelständler ebenso lang bestehen konnte im Duell mit dem Milliardenkonzern Deutsche Bahn. Seit zehn Jahren kämpft er gegen einen Moloch, der sich seine eigenen Gesetze geschaffen hat, dessen Mitarbeiter nach Belieben verbindliche Abmachungen ignorieren und dessen Juristen ein ganz besonderes Verhältnis zur Wahrheit kennzeichnet.

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Die Geschichte des Karl-Heinz Rietz muss alle verstören, die darauf vertrauen, dass unser Rechtssystem die Schwachen vor den Starken schützt.)

Kommentare

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  • Gerd Bergmann (2) "Zugzwang": 1. Kompliment an das SZ-Magazin: 1.1 Das Thema aufgegriffen zu haben 1.2 Zu recherchieren 1.3 Zu publizieren 1.4. Mit einem so schönen Foto zu versehen. 2. Es ist ungeheuerlich, wie ein öffentliches Milliardenunternehmen, ein Unternehmen, das den Bürgern gehört und von ihnen bezahlt wird, seit Jahren und Jahrzehnten agiert.
    Wer sind namentlich die, welche die Ziele des Unternehmens bestimmen, die Leitenden, und die der Aufsicht Verpflichteten?
    Diese Geschwindigkeitsfanatiker! Die sich erfolgreichen Konzepten anderer Eisenbahngesellschaften verschließen. Die meilenweit davon entfernt sind, die Kundenzufriedenheit wirklich in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen zu stellen? Die Mitbewerber auf den Gleisen kujonieren?
    GERD BERGMANN
  • Armin Osterholzer (1) Hallo Herr Rietz! So kann das wirklich nicht laufen!! Wie ist Ihre Kontonummer - ich würde Ihnen gerne ein wenig Hilfe für den Alltag ausserhalb dieser Streitigkeiten zukommen lassen... Es kann einfach nicht angehen, dass ein Konzern der mit Milliarden hantiert, seine Lieferanten im Regen stehen lässt!!!
    Gruss AO
  • Bernhard Keim (2) Kein ungewöhnlicher Vorgang bei der Bahn. Mir ist ein ähnlicher Fall bekannt, in dem die Bahn ein aufgelassenes Gelände an eine Gemeinde verkaufte. Die Gemeinde versucht dieses Gelände nun ihrerseits an einen Investor zu verscherbeln, will hierbei aber explizit keinerlei Garantien für Altlasten (die bei einem Bahngelände zu erwarten sind) übernehmen. Sollte die Gemeinde einen Investor finden, so müsste sie bis zur Höhe des doppelten Ankaufspreises, die Differenz zwischen Ankauf und Verkauf an die Bahn abführen. Erreicht sie wegen der Altlastenproblematik einen geringeren Verkaufspreis, wäre sie verpflichtet die Differenz zwischen dem Erlös und dem von der Bahn geforderten Wiederverkaufspreis, aus eigener Tasche zu begleichen.
    Um einen Investor zu finden, wird das Risiko der Altlasten erst einmal verschwiegen. Würde einer anbeissen, würde er als erstes von der Gemeinde die Altlastensanierung aufgebrummt bekommen, nach dem Motto: wer so dumm ist so ein Gelände von uns zu kaufen, ist selber schuld.
    Im übrigen sei darauf hingewiesen, dass es durchaus eine gängige Praxis von Gemeinden ist, etwaige Altlasten zu verschweigen, wenn man am Verkauf eines Geländes interessiert ist.