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aus Heft 22/2008 Die Gewissensfrage 5 Kommentare

Die Gewissensfrage

»In vielen Schnellrestaurants wird der Gast aufgefordert, sein Geschirr nach dem Essen wegzuräumen. Dadurch wird Personal gespart. Kommt man konsequent dieser Bitte nach, schafft man Arbeitsplätze ab – und das in einer Zeit, da bei dreieinhalb Millionen Arbeitslosen jeder Arbeitsplatzabbau vermieden werden sollte. Andererseits senkt dies für mich als Kunden die Preise fürs Essen. Wie verhält man sich richtig?«
ROMAN S., DORTMUND

Von Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Jens Bonnke



So unproblematisch Ihre Frage auf den ersten Blick wirkt, so schnell bringt sie einen beim Nachdenken ins Stolpern. Man landet in jeder Richtung bei einem unschönen Ergebnis. Einerseits will ich nicht zu einem Verhalten raten, das Arbeitsplätze gefährdet, und seien es die sprichwörtlichen McJobs. Andererseits geht es mir trotz Grundsympathie für den freien Konsumenten doch zu sehr gegen den Strich, seinen Dreck einfach liegen zu lassen.

Zu einer Lösung gelangt man, wenn man erkennt, dass zwischen diesen beiden Polen etwas liegt, was einem echten Dilemma entgegensteht: Ihre freie Entscheidung, ein solches Lokal aufzusuchen. Das Konzept eines Selbstbedienungsrestaurants beruht nun einmal auf der Mitwirkung des Gastes. Wer ein Frühstücksbuffet wählt, weiß, dass ihm niemand den Honig an den Tisch bringt. In der Hamburgerbude mag es als »Bitte« formuliert sein, dennoch wird das Abräumen erwartet und eingeplant. Wie meine Nachfragen ergaben, würde eine konsequente Verweigerung der Gäste in Stoßzeiten nicht nur das vorhandene Personal völlig überfordern, sondern auch viele Tische ständig mit Geschirr oder Abfall blockieren.
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Ich halte die »Bitte« auch nicht für einen Trick, der das Anstandsgefühl der Gäste nutzt, ihnen originäre Pflichten des Wirts aufzubürden, nämlich das Lokal sauber zu halten. Vielmehr handelt es sich um einen klassischen Deal: Sie übernehmen zusätzliche Aufgaben, dafür bezahlen Sie weniger. Das kostet Arbeitsplätze – aber das wussten Sie vorher und haben sich darauf eingelassen. Wenn Ihnen die Jobs am Herzen liegen, müssen Sie hier ansetzen. An jeder Ecke gibt es Gaststätten, in denen Ihnen mehr oder weniger nette Menschen das Essen bringen und danach abräumen. So Sie sich gegen diesen Service entscheiden, sollten Sie Ihren Teil der Konsequenzen tragen – hier in Form des schmutzigen Geschirrs.

Kommentare

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  • Thorsten Dombach (1) Die Antwort von H. Dr. Erlinger überzeugt mich überhaupt nicht. Weiten wir doch das Problem mal auf eine andere Branche aus - die Telekommunikation. Dort gibt es sog. Flatrates für das Telefonieren, d.h. in diesem Fall der Kunde zahlt eine monatliche Pauschale und darf damit beliebig viele Deuschlandgespräche führen. Auch dort ist jedoch bekannt, dass das Ganze nur funktioniert, weil einige die Flatrat zwar zahlen aber durch Gespräche die Pauschale nicht komplett ausnutzen.
    Hier ist es ebenso, dass die Telekommunikationsanbieter dieses Angebot nicht bieten könnten, wenn alle Kunde über ein bestimmtes Maß die Pauschale nutzen würden. Der Unterschied zum Fast-Food-Restaurant ist lediglich der, dass diese "Grenze" nicht bekannt ist.
    Lege ich nun diese Beispiel aus der Schnellrestaurant-Branche auf die Flatrates um, geschieht folgendes:
    Mir ist bekannt, dass Telekommunikationsunternehmen auf Kunden angewiesen sind, die die Pauschale nicht völlig ausreizen. Ohne diese Kunden wäre dieses Produkt nicht möglich.
    Ich weiß das bevor ich mich für das Produkt entscheide. Da ich jedoch die Grenze nicht kenne und aus moralischen Gesichtspunkten dem Anbieter nicht schaden möchte. Bleibt mir nichts anderes übrig als das Produkt zu erwerben, aber nicht damit zu telefonieren, denn die Grenze könnte ja schon bei einem Gespräch liegen.
    Ich bin somit der Meinung, dass ein Unternehmen damit kalkulieren muss, dass der "Bitte" auch keiner nach kommt. Deshalb existiert für mich daraus keine moralische Forderung den Müll zu entfernen.
    Unabhängig davon sehe ich es auch so, dass es der gute Anstand doch gebietet.
  • Jürgen Feldhahn (1) Ich halte das so: Wenn ich in ein McBillig oder McBack gehe, in dem die Ware sichtbar preiswert angeboten wird, trage ich meinen Teil dazu bei und räume nach mir weg. Wenn jedoch nur der Anschein erweckt werden soll und die Ware/Dienstleistung dennoch zu üblichen Standardpreisen angeboten wird, lasse ich mich weiterhin bedienen, auch wenn freundlich um Mithilfe geworben wird.
  • Regina Heyne (1) Zum Thema Arbeitsplätze sichern: Aber das hieße dann doch auch, dass man seinen Müll ohne Gewissensbisse auf die Straße werfen oder seinen Hausmüll an öffentlichen Mülleimern entsorgen kann, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Schließlich sichert man damit die Arbeitsplätze der Angestellten, die für die Sauberkeit auf den Straßen zuständig sind. Die Angestellten in Schnellrestaurants müssen immer noch die Tische abwischen und den Müll an den Sammelstellen sortieren und entsorgen. Das ist wesentlich mehr Arbeit als das Einsammeln von Tabletts. Damit werden die Arbeitsplätze gesichert.
    Ich bin immer noch der Meinung, dass jeder seinen Müll selbst wegräumen sollte, auch in Schnellrestaurants. Und es ist doch nicht zuviel verlangt, sein Tablett zur Sammelstelle zu bringen!
  • Torsten Ermel (1) Der Fragesteller braucht nicht zu befürchten, dass er Arbeitsplätze vernichtet, wenn er beim Fremdessen Geld spart, weil er selbst abräumt.
    Denn das gesparte Geld legt man sich in der Regel nicht unter das Kopfkissen, sondern gibt es für andere Dinge aus. Und für die Produktion dieser anderen Dinge werden ebenfalls Arbeitskräfte benötigt.
  • Rudolf Urban (1) Die Antwort von H. Dr. Erlinger erscheint auf den ersten Blick völlig überzeugend: jeder der den Preisvorteil des Schnellrestaurants in Anspruch nimmt, dann aber beim Abräumen nicht mitmacht, sei es aus Berechnung oder nur aus Faulheit, verhält sich nicht ganz korrekt. Ein kleiner Randaspekt wurde dabei aber außer Acht gelassen:

    Da die Gesellschaft in der wir leben nicht vollkommen ist, gibt es trotzdem in jedem Schnellrestaurant Angestellte, die sich um die nicht aufgeräumten Tische kümmern müssen und die sich damit ihren Broterwerb sichern (vermutlich dürftig bezahlt und wenig befriedigend, jedoch im Kontakt mit vielen Menschen und immerhin in einer leidlich angenehmen Umgebung, die ja von den Gästen freiwillig aufgesucht wird).
    Gehen wir jetzt von der Vorstellung aus, leider eine Utopie, dass jeder das SZ-Magazin liest (und natürlich als erstes die Gewissensfrage) und dass weiterhin jeder die Schlussfolgerungen von H. Dr. Erlinger beherzigt, dann werden die angestellten Tischabräumer bald nichts mehr zu tun haben. Selbstredend werden sie nicht mit Langeweile im Dienst zu kämpfen haben, diese Jobs würden in diesen straff organisierten Betrieben sehr schnell wegfallen. Ein Ergebnis, dass wohl nicht wünschenswert wäre.

    Könnte es sein, dass in diesem Fall ein halbherziges Befolgen an sich bindender, gesellschaftlich-moralischer Regeln ein besseres Ergebnis hervorruft als ein 100% korrektes Verhalten? Darf ich vielleicht hier also einmal die Erlinger-Empfehlung, der ich immer mit größter Sorgfalt zu folgen versuche, ganz bewusst umgehen und meiner immer verdrängten Lust am subversiven Tun endlich freien Lauf lassen, indem ich einen Tisch ungeräumt und noch dazu mit gutem Gewissen verlasse?