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aus Heft 22/2008 Außenpolitik

Der Krieg am Ende der Welt

Dietmar Herz  (Fotos: AP, AFP, dpa, Reuters)

In Afghanistan steigt die Zahl der Anschläge dramatisch. Und Deutschlands Soldaten spielen eine zunehmend wichtige Rolle in diesem komplexen Konflikt. Um wirklich verstehen zu können, was am Hindukusch derzeit passiert, haben wir den Wissenschaftler Dietmar Herz zu den Truppen geschickt.

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Afghanistan war nie zu erobern. Manch großer Heerführer besetzte das Land zeitweise: in der Antike Alexander, im Mittelalter der mongolische Herrscher Timur Leng. Aber diese Herrschaft ließ sich lediglich in wenigen befestigten Orten aufrechterhalten. Die Täler und Schluchten des Landes blieben unzugänglich; die Stämme unterwarfen sich ihren Eroberern nur nach langen Kämpfen und nie auf Dauer.

In der Neuzeit verhält es sich nicht anders. Zuletzt scheiterten die Russen, die im Dezember 1979 in Afghanistan eindrangen. Sie besetzten die Städte und strategisch wichtige Orte und verstrickten sich in einen heillosen Kampf. Die islamischen Widerstandskämpfer, die Mudschaheddin, brachten ihnen empfindliche Verluste bei. Im April 1988 brach der neu gewählte sowjetische Parteichef Michail Gorbatschow das Abenteuer ab. 15000 sowjetische Soldaten waren gefallen, 1,3 Millionen Afghanen gestorben. In der Folge versank Afghanistan in einen brutalen Bürgerkrieg. Die Mudschaheddin versuchten verzweifelt, das in einzelne Kriegsfürstentümer zerfallende Land zu kontrollieren. 1993 entstand die vor allem von Paschtunen getragene, einen radikalen Islam predigende Bewegung der Taliban, die 1996 siegreich in Kabul einzogen. Sie unterwarfen fast das ganze Land. Nur im Norden hielten die Kriegsfürsten ihrem Vordringen stand.

Folgt aus dieser Geschichte irgendetwas für die westliche Intervention in Afghanistan, die Reaktion auf die Anschläge des 11. September 2001? Sollte man diesem Land überhaupt die »Segnungen der westlichen Zivilisation« bringen oder es besser sich selbst überlassen, nach der Zerschlagung der Taliban und der Vertreibung von Al-Qaida?


Die Moral des Westens

Eine gar nicht so neue Frage: Rudyard Kipling – der Apologet des britischen Empire, der »the white man’s burden« besungen hatte, die moralische Verpflichtung, die Welt nach westlichen Vorstellungen zu ordnen – veröffentlichte 1888 eine düstere Erzählung: The Man Who Would Be King spielt in Kafiristan, einer Region Afghanistans. Zwei englische Taugenichtse wollen dort Herrscher werden. Sie spielen die Stämme gegeneinander aus, bewaffnen sie und verwickeln sie in Kriege. Sie fühlen sich gottgleich und handeln aus eigennützigen Motiven. Als die Afghanen erkennen, dass die Engländer auch nur Menschen, also besiegbar sind, lehnen sie sich auf. Der eine Eindringling wird getötet, der andere flüchtet todkrank aus dem Land. Kipling schrieb mit der Erzählung eine Parabel auf das britisch-indische Reich. Heute gelesen, erscheint die Geschichte der Engländer in Afghanistan als unheilvolle Prophezeiung.

Was sucht der »Westen« in Afghanistan, sieben Jahre nach dem Feldzug gegen die Taliban und ihre Verbündeten? Im Jahr 2001 begründete er seine Invasion damit, dass die Ausbildungslager von Al-Qaida die organisatorische Basis der Anschläge des 11. September waren und die Taliban der Terror-organisation Unterschlupf und Schutz gewährten. Dies wurde zu Recht bestraft. Darüber hinaus sollte die Operation Enduring Freedom dem Land Stabilität und Demokratie bringen. Letzteres ist bis heute das ideelle Fundament für das Engagement des Westens in Afghanistan.

Mit dieser Absicht einher geht aber häufig ein politisch-kulturelles, manchmal auch religiöses Überlegenheitsgefühl der westlichen Staatengemeinschaft. Das rächt sich, wie die blutige Geschichte der Kolonisation und Dekolonisation zeigte. Der Versuch, um eines höheren Zieles willen gewaltsam eine neue Ordnung zu schaffen, ist allzu oft gescheitert; in Vietnam, im Nahen und Mittleren Osten – und auch in Afghanistan.
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