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aus Heft 26/2008 Deutschland 5 Kommentare

Ich!

Der Turbokapitalismus macht vielen Angst, deshalb ist jetzt oft
wieder die Rede vom Sozialismus. Aber was meinen die Menschen
damit wirklich: historische Ideale – oder reinen Egoismus?

Von Franziska Augstein  (Illustration: Steffen Mackert)



Es war eine typische Anne-Will-Talkshow: In der Runde saßen mehr oder minder bekannte Politiker und Verbandsvertreter, die sich über die Entwicklung des Sozialstaats unterhielten. Der CDU-Politiker Heiner Geißler erklärte, Hartz IV widerspreche der Menschenwürde. Der baden-württembergische Ministerpräsident Oettinger erklärte, das neue Motto der Arbeitslosenhilfe »Fordern und Fördern« sei ein voller Erfolg.

Einige Meter entfernt saß auf dem »weißen Sofa«, das zu jeder Will-Sendung aufgebaut wird, eine Familie aus Baden-Württemberg. Vater, Mutter und eines der drei Kinder. Die Mutter ist seit Längerem arbeitslos und hat vergeblich dreihundert Bewerbungen verschickt; der Vater – von Beruf Elektriker – hält die Familie mit Minijobs über Wasser; für eine reguläre Anstellung, so wird ihm gesagt, sei er zu alt. Wie lang sie die Raten für ihr kleines Haus noch aufbringen können, wissen die Eltern nicht. Was sie machen, falls das Häuschen gepfändet wird, wissen sie erst recht nicht. Auf den weißen Polstern, meterweit von der Diskussionsrunde entfernt, saß die Familie ausgestellt wie eine sonderbare Spezies. Da, liebe Fernsehzuschauer: So sehen Arbeitslose aus!
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Die Leute waren bescheiden, sie haben sich nicht ins Expertengespräch eingemischt. Als sie das Wort bekamen, verlangten sie nicht nach einem gesellschaftlichen Wandel, nicht nach einer Umkehr der herrschenden Politik. Die Politik, die in den vergangenen Jahren dazu geführt hat, dass die Kluft zwischen Reichen und Armen in der Bundesrepublik immer größer wird und dass Kinder armer Eltern jetzt viel geringere Chancen haben, es zu etwas zu bringen als noch zur Jugendzeit von Gerhard Schröder. Die Familie aus Heidelberg bemühte sich, rechtschaffen zu wirken. Niemand sollte ihnen nachsagen können, sie würden sich mit Anlauf in die soziale Hängematte werfen. Wer arm ist, muss sich schämen: Das wussten die Leute.

Die Forderung nach sozialer Gerechtigkeit wird von vielen Meinungsführern als ein Spruch verstanden, hinter dem sich heutzutage vor allem Selbstsucht und Anspruchsdenken verbergen. Das Wort vom »Ego-Sozialismus« macht die Runde. »Ego-Sozialisten«, so die Idee, kämpfen nicht für die Verwirklichung einer Weltanschauung – die Vorstellung von einer gerechteren Welt –, sie berufen sich vielmehr auf diese Weltanschauung, um für sich selbst einen Vorteil herauszuschlagen.

Als ob das je anders gewesen wäre! Alle armen Leute, die je dem Sozialismus anhingen, haben das immer auch im eigenen Interesse getan. Der Sozialismus ist im Interesse der Armen und Ausgebeuteten erfunden worden. Damals wie heute wissen alle, dass sie nur etwas für sich erreichen können, wenn sie gemeinsam auftreten. Wer keinen Einfluss hat, wird nur gehört, wenn er seine Stimme mit der von vielen anderen zu einem Chor vereinigt. Sozialismus ohne Solidarität gibt es nicht.

Das neoliberale Denken, das alle für faul oder doof erklärt, die im Kampf um Arbeit unterliegen, hat jahrelang das öffentliche Gespräch bestimmt. Wie es aber mit extremen Ideen geht: Werden sie nur oft genug wiederholt, findet sich auch eine Opposition, die das Gegenteil verkündet. So hat das neoliberale Denken herbeigeführt, dass »Sozialismus« neuerdings kein Schimpfwort mehr ist.

Nach der Wende schrieben alle den Sozialismus ganz klein. Das Wort erinnerte an die DDR, und mit der wollte – mit Ausnahme der Angehörigen der PDS – kein Politiker etwas zu tun haben. 1990 ergab eine Meinungsumfrage, dass lediglich dreißig Prozent der Deutschen glaubten, der Sozialismus sei »eine gute Idee, die nur schlecht ausgeführt wurde«. Heute sind es 45 Prozent.

Kommentare

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  • Joe Bergmann (0) Hallo, liebe Frau Augstein!

    Ich habe soeben mit viel Ruhe Ihren Beitrag gelesen. Worte, wie "Turbokapitalismus" gefallen mir überhaupt nicht! Es geht ja nicht vorwärts , sondern eher zurück. Ich, Jahrgang 1956 in der DDR geboren und aufgewachsen, sehne mich jedenfalls nicht nach dem Sozialismus zurück. Der Sozialismus war nicht real und der Kapitalismus ist eine Qual, wenn ich es so formulieren darf.Aber: Der Sozialismus ist nicht für die Armen und Ausgebeuteten -erfunden- worden, wie Sie es schreiben. Mein Gott! Er war lediglich eine Gesellschaftsform, die dummer Weise von alten Greisen diktiert wurde. Festzustellen ist jedoch damals wie heute, dass die unterste Schicht immer noch nicht wagt, den Mund aufzumachen. Man fragt sich, ob es die Angst ist, die gerade bei den "Ostdeutschen" immer noch tief verwurzelt ist oder die Scham.Mit Egoismus hat das rein garnichts zu tun, meine ich. Engagement- ist gut und leicht gesagt, wenn man mit HartIV keine Chance auf sozial-kultureller Integration hat. Und ich werde mit 52 Jahre nicht zum Tellerwäscher, nur weil es in Deutschland hinten und vorn nicht stimmt. Politisch wie wirtschaftlich herrscht seit Jahren eine stetige Oberflächlichkeit, die nun von der Krise beherrscht wird. Wie weiter? Herzlichst Ihre Joe Bergmann
  • Raul Pires (1) Jedem seine Meinung... Allerdings: wird es im SZ-Magazin auch in nächster Zeit mal ein ähnlich "schwarz-weiß" gefärbtes Plädoyer zum Neoliberalismus geben? Dass der Sozialismus a la La Fontaine&Gysi in Deutschland gerade ein Comeback erlebt liegt sicherlich auch an eine sehr einseitige Berichterstattung seitens der Medien. Geschichten über arme Harz IV-Empfänger auf der einen Seite und über raffgierige Manager auf der anderen lassen sich nun mal besser verkaufen als Realitäten, wie z.b. dass Deutschland nach wie vor insgesamt ein sehr reiches und stabiles Land ist, indem Arbeitgeber und Schwache sehr viel Schutz und Rechte genießen. Etwas weniger Lamento, etwas mehr Blick für die Komplexität unserer heutigen Welt und etwas weniger Ruf nach eindimensionalen und einfachen Lösungen für sehr komplexe Probleme täten uns allen gut. Und natürlich auch etwas mehr Engagement in eigener Sache, z.b. in der Politik würde auch den einen oder anderen als Augenöffner dienen.
  • Wilko Winkelmann (1) Der grundlegende Fehler des Textes findet sich schon im dritte Absatz. Dort beklagt Frau Augstein:

    "Die Politik, die in den vergangenen Jahren dazu geführt hat, dass ..." (es folgen das tausend mal gelesene "alles-wird-immer-schlimmer" Lamento).

    - Nicht die Politik der letzten Jahre ist Ursache für ein Maß an Arbeitslosigkeit und daraus resultierender Armut, das man in der alten Bundesrepublik so nicht kannte, sondern das Aufholen von 40 Jahren (SED-)Sozialismus. Man könnte doch zur Abwechslung vom ständigen Systemwechselgequatsche mal auf die Idee kommen zu bemerken, dass unser Wirtschafts- und Gesellschaftssystem dies nicht über Nacht, aber doch peu a peu bewerkstelligt.

    Sicher sind mehr 15% Arbeitslosigkeit in den Neuen Ländern noch kein Grund zum Jubeln, nur scheint es in der veröffentlichten Meinung Konsens, dies der sozialen Marktwirtschaft (und natürlich dem bösen, um die Jahrtausendwende plötzlich hereingebrochenen globalen Turbokapitalismus) ans Bein zu binden, statt - wie es vernünftig wäre - vier Jahrzehnten Kommandowirtschaft, die nicht einen einzigen Arbeitsplatz hinterlassen hat, der ohne Eisernen Vorhang existenzfähig geblieben wäre.

    Warum also nicht mal unkonventionell sein und sagen "soziale Marktwirtschaft: super, neosozialistische Staatswirtschaftsflausen: Mist!"
  • Tappy (1) Bravo
  • Stefan Lorenz (4) Ein sehr schöner Artikel. Räumt gut auf mit den Missverständnissen die in den letzten Jahren in Zusammenhang mit dieser Idee entstanden sind. Es tut wirklich gut, wenn man auch in einer großen Zeitung einmal solche Gedankengänge liest.