aus Heft 27/2008 Die Gewissensfrage 4 Kommentare
Die Gewissensfrage
»Vergangene Woche stieg ich in Freiburg in den Zug nach Hamburg und setzte mich neben einen freundlich aussehenden Herrn. Kurz hinter Mannheim fragte der Kontrolleur nach den Fahrkarten. Mein Nachbar, der mindestens seit Basel im Zug sein musste, wollte nachlösen und sagte: ›Von Mannheim nach Frankfurt, bitte.‹ Wie hätte ich mich angesichts dieses Betrugs Ihrer Ansicht nach verhalten sollen? Mich einmischen und den Schaffner informieren? Den Herrn im Anschluss zur Rede stellen? Oder ohne ein Wort auf den nächsten freien Platz verschwinden?« GERHARD H., Hamburg
Von Dr. Dr. Rainer Erlinger Illustration: Jens Bonnke
Sie kennen doch sicher den Sketch von Loriot, in dem er, in einem Zimmer wartend, nur schnell ein Bild gerade rücken will. Dabei fällt ein anderes Bild aus dem Rahmen, er will das korrigieren, stolpert, reißt versehentlich etwas um und am Ende gleicht das Zimmer einem Trümmerfeld. Daran können Sie sehen, wie leicht das Geraderücken von fremden Dingen zu Unheil führt. Generell habe ich mit der Einmischung in fremde Angelegenheiten so meine Probleme. Man weiß nichts über die besonderen Umstände des Falles, viele legen statt objektiver ihre eigenen Maßstäbe an und vor allem steckt hinter der Einmischung oft eine recht unschöne, oberlehrerhaft weltverbessernde Einstellung.
Um eines kommen Sie nicht herum: Faktisch solidarisieren Sie sich, je nachdem, ob Sie schweigen oder nicht, mit einer der beiden Seiten. Auch falls Sie Herrn Mehdorn nicht mögen, wieso wollen Sie sich zugunsten eines potenziellen Betrügers entscheiden? Wenn Sie gewahr werden, wie ein Taschendieb ein Portemonnaie stibitzt, sollten Sie auch nicht wegsehen, sondern das Opfer informieren.
Warum dann nicht hier einfach sagen: »Verzeihung, aber Sie saßen doch schon in Freiburg auf diesem Platz?« Widerspricht der Herr, ist es Sache des Kontrolleurs, damit umzugehen. Weist er wider alle Erwartung entrüstet eine Karte bis Mannheim vor, entschuldigen Sie sich. Das alles ist nicht angenehm, aber kein Grund, bei einer Situation, die sehr nach einer Straftat aussieht, zu schweigen und sie damit zu befördern.
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17 Uhr 15
Das Problem liegt doch auf Seiten der Bahn die den Service seit Jahren systematisch runterfährt indem sie
- überfallsartig wirre Tarifsysteme einführt
- schlecht designte Fahrkartenautomaten mit Fehlerhafter Software auf den Markt schmeisst
- im Nahverkehr das Nachlösen abschafft (die Verwirrung bei den Kontrolleuren zu diesem Thema ist ausserordentlich. Teilweise ist die Behauptung im Umlauf Nachlösen wäre nicht mehr möglich)
- Nebenstrecken, Provinzbahnhöfe und Fahrkartenschalter schliesst
man könnte ewig weitermachen...
Die Dummen sind die vielen Rentner (natürlich auch andere Individuen, die nicht viel mit dem Internet am Hut haben) die keinen Internetanschluss haben. Das früher gut funktionierende Servicetelefon wurde nach "modernen" Gesichtspunkten umorganisiert und ist deshalb heute meiner Erfahrung nach unbrauchbar.
Wenn es zur guten Erziehung gehört gelassen zuzusehen, wie eine Dienstleistung bis auf die Knochen ausgebeint wird ohne dazu einen Mucks zu machen, dann ist das der Kadavergehorsam des 19. Jahrhunderts und sonst gar nichts.
Wie soll es denn so weitergehen wenn die Bahn auch noch privatisiert wird ??
Der Betrug findet von Seiten der Bahn statt, der Kunde ist eh hilflos !
07 Uhr 40
Fahrkarten, die man im Zug kauft, können mit einem sogenannten "Bordpreis"-Zuschlag von 10% und bis zu 10 Euro belegt werden. ich nehme an, damit soll unter anderem der Effekt dieses "Betrugs" ausgeglichen werden. Ich habe allerdings öfters die Erfahrung gemacht, mit meiner BahnCard und einer ehrlichen Angabe meines Einstiegsorts keinen Zuschlag zahlen zu müssen. Heutzutage sind Tarife bei der Bahn sowieso willkürlich und hängen von vielen Voraussetzungen ab (und ein Nachlösen im Zug ohne Rabatt ist bestimmt das Teuerste), so dass ich mich in so einem Fall zurückhalte, ich weiss auch nicht ob derjenige vielleicht in einer finanziellen Notlage ist. In unserer Gesellschaft nimmt die Möglichkeit der Überwachung auch kleiner Vergehen immer mehr zu, muss ich mich da wirklich auch noch als Blockwart betätigen?
18 Uhr 47
Lieber Herr Erlinger,
bei dieser Antwort falle ich echt vom Glauben ab. Anstatt zu sagen, dass das ein Problem der Bahn sei, wenn sie nicht richtig kontrolliert oder dass die Bahn vielleicht seine horrenden Preise senken müsste, erheben sie diese Nichtigkeit und diese Pfiffigkeit zu einer „Straftat“ und ermuntern Herrn Gerhard H. dazu, seinen Fahrgastnachbarn beim Kontrolleur anzuschwärzen. Ein Rat zur Denunziation. Moralisch erstklassig gelöst!
Herr H., lassen sie ihren Sitznachbarn in Ruhe. Wenn sie nicht anders können, sagen sie ihm die Meinung, aber lassen sie um Himmels willen den Kontrolleur aus dem Spiel.
Franck Richard, Paris
16 Uhr 29
in diesem Fall würde ich lieber keine Stellung nehmen und einen Reisegast der DB zu verpfeifen, schmeckt schon sehr nach Denunziation. Weiß man denn, wie oft der Vorteilserschleicher schon von der Bahn über den Tisch gezogen wurde und wäre das nicht womöglich als ausgleichende Gerechtigkeit zu werten?
Wenn mir in einem Supermarkt öfters teurere Preise für die Ware berechnet werden als auf dem Etikett ausgewiesen, melde ich mich auch nicht gleich, wenn ich mal einen Euro zu viel herausbekomme.
Ganz so schuldfrei ist die Bahn selber nicht: Hätte sie ihren Service der Fahrkartenschalter nicht so rigoros abgebaut, käme es kaum zu solchen Situationen (und dann oft überteuert zu fahren). So liegt es eben auch zum großen Teil in der Verantwortung des Schaffners festzuhalten, wer wo zusteigt.
Wenn er dem nicht nachkommen kann, heißt es noch lange nicht, dass man als Beobachter den vorauseilend dienenden Gerechten spielen soll.
Ich denke, eine solche Denunziation entspringt zum großen Teil dem Neid um die Chuzpe des billiger Mitreisenden. Ich bringe die jedenfalls nicht auf! Sie haben schon eher meinen Respekt dafür.
Der mehr als hinkende Vergleich mit dem Taschendieb macht ihr Urteil gewiss nicht besser.