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aus Heft 28/2008 Gesellschaft/Leben 3 Kommentare

Ein gutes Zeichen

Schlecht, dass es niemand mehr benutzt. Eine Ehrenrettung für den Strichpunkt.

Von Johannes Waechter  (Illustration: Lena Appenzeller)




Auf Thomas Mann ist wenigstens Verlass. Schon im zweiten Satz des Zauberbergs hat der Altmeister der Interpunktion das erste Semikolon platziert; das nächste folgt nur einen Satz später. So geht es weiter, tausend Seiten lang, bis Hans Castorp im Pulverdampf des Ersten Weltkriegs verschwindet, dabei selbstredend von zahlreichen Strichpunkten flankiert.
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Könnte es sein, dass Thomas Mann den Semikolon-Gesamtspeicher im Alleingang aufgebraucht hat? Dass aufgrund der vielen Strichpunkte in Manns Werk nichts mehr übrig ist für all jene, die heute schreiben? Fest steht jedenfalls, dass das Semikolon vom Aussterben bedroht ist. Seit Jahren findet es immer seltener Eingang in Literatur, Journalismus und private Korrespondenz.

Kein Sinn herrscht mehr für seine Eleganz! Kein Interesse am Rhythmus, den es jedem Satz verleiht! Auch scheint niemand mehr den jahrhundertealten Trick zu beherrschen, in öden Texten durch Einstreuen diverser Strichpunkte ein wenig literarischen Glanz zu erzeugen. Würde das Semikolon nicht als Zwinkerauge für eines der beliebtesten Internet-Emoticons gebraucht – ;-) – , wäre es wohl schon längst von unseren Tastaturen verschwunden.

Was sind die Ursachen für diese Misere? Entscheidend ist sicherlich die zunehmende Unsicherheit über die korrekte Verwendung des Semikolons. Im Duden heißt es hierzu unter Kennziffer 158: »Das Semikolon kann zwischen gleichrangigen Sätzen oder Wortgruppen stehen, wo der Punkt zu stark, das Komma zu schwach trennen würde.«

Die Betonung liegt auf »kann«. Anders gesagt: Keine Satzkonstruktion ist denkbar, in der ein Semikolon Pflicht wäre; stets bleibt die Entscheidung dem Sprachgefühl und der Initiative des Schreibenden überlassen – der dann in der Regel das Komma vorzieht.

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Französische Intellektuelle entdecken die Totengräber des Semikolons dort, wo der ganze restliche Ungeist herkommt: in den USA.)

Kommentare

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  • Klaus Dieter Bätz (1) Pardon: Hier das vorhin vergessene "e" ;-))
  • Klaus Dieter Bätz (1) Ausgerechnet einen Radiosprecher als Zeugen gegen das auch von mir ausgiebig bis exzessiv genutzt Semikolon zu berufen ... Hätte der Sprecher halt, wie es sich gehört, denText VORHER einmal gelesen, schon hätte sich ihm der Strichpunkt erschlossen.
  • Michael Koch (2) schön, diese liebeserklärung auf das unscheinbare semikolon. aber: es hat auch ausgewiesene gegner. ernst grissemann, ein profilierter sprecher des österreichischen rundfunks (der jahrelang das neujahrskonzert moderierte), stolperte einmal bei der aufnahme für eine lesung mehrmals an der selben textstelle über ein semikolon; aufbrausend hört man ihn dann auf einer cd mit versprechern und pannen sagen: "so ein blödsinn auch - wie soll man das denn lesen? was soll da der strichpunkt (wie der semikolon in österreich heißt)? der autor soll sich entscheiden, ob er einen punkt oder einen beistrich (österreichisch für komma) will. aber jedenfalls keinen strichpunkt machen."