Anzeige

aus Heft 29/2008 Geschichte Noch keine Kommentare

Der Fotograf aus der Folterkammer

Vor dreißig Jahren folterte das argentinische Militär Tausende Regimegegner - darunter Víctor Basterra. Doch er konnte Bilder von Tätern und Opfern aus der Haft schmuggeln: einzigartige Zeugnisse jener schrecklichen Verbrechen.

Von Karen Naundorf  Fotos: Stephanie Fuessenich, Porträts: Víctor Basterra




Sie kamen morgens um halb elf, um Víctor Basterra zu holen. Traten ihn, bis er zu Boden fiel. »Nicht auf die Narbe«, schrie er und hielt sich den frisch operierten Bauch, Leistenbruch. »Sucht eine Rasierklinge, ich zieh ihm die Fäden«, befahl der Chef des Kommandos. Seine Männer stülpten Basterra eine Kapuze über den Kopf, stinkend und hart von getrocknetem Blut.

Später, in den Folterkammern der Militärschule ESMA, des berüchtigtsten aller Geheimgefängnisse der argentinischen Militärdiktatur, begriff der Verschleppte, woher das Blut in der Kapuze kam: »Wenn sie dir Elektroschocks geben, beißt du dir auf die Zunge.« Warum die Folterknechte Basterra nicht umbrachten, ist ein Rätsel, er wäre nur einer von vielen gewesen.

Mehr als 30 000 »Subversive« ließ das Militärregime in Argentinien ermorden, als es von 1976 bis 1983 an der Macht war. In den Prozessen gegen die Folterer der ESMA ist Víctor Basterra nun einer der wichtigsten Zeugen. Nur wenige haben die Zeit dort überlebt, niemand kann so einzigartige Beweise vorlegen wie er: Fotos der Täter. Und ihrer Opfer.

Das ehemalige Folterzentrum ESMA, kurz für Escuela Mecánica de la Armada (»Marine-Akademie«), liegt mitten in Buenos Aires, an einer vierspurigen Ausfallstraße. »Nicht stehen bleiben«, hatte die Militärjunta 1976 auf die Schilder am Zaun schreiben lassen; aus Angst hielten sich die Passanten daran. Sie sahen weiß getünchte Gebäude, umrahmt von gepflegten Parkanlagen, aber niemand hörte die Schreie.

Graciela Estela Alberti. Die Architektin wurde Ende 1979 verschleppt und war lange im Sektor 4 der ESMA inhaftiert, wo die Folterungen stattfanden. Ihre Leiche wurde nie gefunden.
Anzeige

5000 Menschen wurden in der ESMA gefoltert, wie Tiere im Keller und auf dem Dachboden gefangen gehalten. Wer keinen Wert mehr für Geheimdienst und Militärs hatte, wurde betäubt und aus einem Flugzeug über dem Río de la Plata abgeworfen, der riesigen Flussmündung, an der Buenos Aires liegt. So stellten die Militärs sicher, dass die Leichen nie wieder auftauchten.

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Monatelang war er in Einzelhaft, 24 Stunden am Tag an Händen und Füßen gefesselt, immer wieder bekam er Stromstöße, nackt auf ein Bettgestell aus Metall gebunden.)

Kommentare

Name:
Kommentar: