Anzeige

aus Heft 33/2008 Gesellschaft/Leben 4 Kommentare

Liebe muss sich rechnen

Von wegen Romantik: Wenn es um Zwischenmenschliches geht, regiert das reine Ökonomiedenken. So machen wir das schönste aller Gefühle zur Verhandlungssache.

Von Sabine Magerl (Text)  Rafael Krötz (Foto)



Die große Liebe, da sind sich doch fast alle einig, hat nichts mit Kalkül zu tun. Sie lässt sich nicht einfach berechnen. Wo bliebe sonst die Romantik, die Sehnsucht nach dem einen Menschen, unserem Seelenverwandten, den es zu finden und zu erobern gilt? Die Liebe ist scheinbar eine der letzten Bastionen, die noch nicht von Wirtschaftsinteressen eingenommen wurde. Hier kann der Mensch unlogisch, irrational sein und mit Gedichten, Versprechungen oder mit selbst gepflückten Blumen handeln.

Die romantische Liebe ist tief in der westlichen Vorstellung verwurzelt, obwohl sie erst rund 200 Jahre alt ist – eine recht kurze historische Phase. In einer vorromantischen Zeit zählten bei der Partnerwahl und Eheschließung pragmatische Beweggründe: der Wille der Familien, Stand, Vermögen oder Mitgift. Erst seitdem sich Liebende tatsächlich selbst suchen konnten, gab es Romantik nicht mehr nur in der Literatur. Die Gefühle nahmen ihren freien Lauf, und manchmal verirrten sie sich dabei auch unglücklich.
Anzeige
Denn je selbstbestimmter die Wahl und je vielfältiger die Möglichkeiten, desto unberechenbarer wurde die Liebe zugleich. Man suchte nach Anzeichen des Zufalls, der Einmaligkeit der Liebe, fand die gleiche Wellenlänge, wurde wie vom Blitz getroffen, und da diese aus dem Geiste der Romantik stammenden Metaphern nicht immer halfen, entstand langsam eine Großfabrikation der Liebesratgeber.

Die Romantik ist nicht ausgestorben. Trotzdem hat sich, wenn wir heute von Gefühlen sprechen, längst ein ökonomisches Vokabular eingeschlichen: Partnerbörsen, Heiratsmarkt, Marktwert. Wir investieren in eine Liebe, fragen, ob die Rechnung noch aufgeht, und ziehen den Schlussstrich. »Es gibt kaum ein anderes menschliches Vorhaben, das so oft schiefläuft wie die Liebe«, sagt der amerikanische Ökonom Tim Harford. In seinem neuen Buch The Logic of Life beschäftigt er sich nun – wie auffällig viele Wirtschaftswissenschaftler derzeit – mit den Themen Liebe und Ehe.

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: »Drei Jahre auf diesem Singlemarkt zermürben einen völlig«, sagt sie.)

Kommentare

Name:
Kommentar:

  • Johannes Richter (0) Würden die Menschen rein ökonomisch handeln, läge eine Eheschließung mit einer beliebigen Person zur Bildung einer Haushaltsgemeinschaft und Senkung der eigenen Steuerklasse näher als die irrationale Suche nach einer geliebten Partnerin.
    Das florierende Geschäft mit der Suche nach „Liebe“ ist kein Indiz für die Rationalisierung des Gefühls. Die Autorin setzt Liebe mit Beziehung und diese mit Lebensgemeinschaft gleich. Dass Liebe - Sympathie,Zuneigung, sexuelle Attraktivität - in der Partnerwahl eine Rolle spielen darf ist eine relativ neue Vorstellung. Im Geltungsgebiet des Dossiers suchen wir - Männer,Frauen – selbst das Gegenstück für die romantische Zweisamkeit. Wir suchen zu unserem Glück und nicht um den Fortbestand des Familienbetriebs zu gewährleisten. Manch eineR mag nach einigen Enttäuschungen und mit fortschreitendem Alter nach einer vermeidlich sicheren Methode suchen und auf Liebesökonomen hören wollen. Denn wir müssen überall erfolgreich sein, im Beruf und auch in der Liebe in Form einer klassischen Beziehung. Deshalb sind Bestseller zum Thema weder selten noch ein Indiz für einen sachlichen entromantisierten Umgang mit der PartnerInnensuche.
    Es gibt momentan so viele Freiheiten in Sachen Partnerschaft wie selten: Sie darf gleichgeschlechtlich und standesunterschiedlich sein. Dafür soll sie spannend, dauerhaft, exklusiv sein. Das sind gerade die romantischen Ansprüche an das geliebte Wesen die in dem Artikel als Wirtschaftsgut Liebe zusammengefasst werden. Da
    Vielleicht wäre es angebracht, die Liebe vom Nutzen zu entlasten. Dann kann ich meine Liebste auch als wunderbaren Mensch betrachten, nicht als Verantwortliche für mein Selbstbewusstsein, und Beweis für meinen Erfolg.
  • Marcus Litowsk (0) Nach der Lektüre dieses Textes kommt mir das was Michel Houellebecq schreibt geradezu romantisch vor. Der zeichnet zwar ein düsteres Bild einer dekadenten Gesellschaft, deren Männchen und Weibchen sich egozentrisch lediglich nach der eigenen Befriedigung sehnen, aber immerhin kann man bei ihm noch ein wenig Liebe durchschimmern sehen; Zumindest in seinen neueren Werken.
    Vielleicht ist es die Kälte mit der in diesem Text über ein Thema gesprochen wird das Künstler zum Verfassen von Meisterwerken befähigte. Aber gut, es ist ja kein Gedicht sondern ein journalistischer Text, der Dinge anspricht die man sich wohl öfter selbst schon gedacht hat. An einem normalen Wochenende in einer normalen Disco kann man, auch wenn man kein Zyniker ist, von einem Fleischmarkt sprechen, allerdings trifft diese Diagnose nicht den Kern der Sache. Die Erkenntnis, dass Menschen abwägen ist ja nicht gerade neu. Und wenn es darum geht einen Menschen zu finden dem man Lust bereiten will oder der einem Lust bereiten soll, dann wägt man eben auch ab. Man kann diese Abwägung auch ganz unromantisch wie ein Ökonom beschreiben und die romantisch beeinflußten Leser damit in Depression stürzen.
    Interessant dürfte nicht nur die Frage sein ob man bei der Wahl des Partners "ökonomisch" vorgeht- jede Wahl muß sich schließlich nach gewissen Kriterien richten sonst wäre es keine Wahl. Interessanter ist, ob der Mensch, der in einer technokratischen Gesellschaft aufwächst in der es um Gewinn und Verlust geht, ob dieser Mensch überhaupt liebesfähig ist, oder ob ihm nicht die Fähigkeit zu lieben ausgetrieben wurde. Wer im Alltag immer nur abwägt, wer mit Gewinn und Verlust rechnet, der kann wohl im Alltag des Liebe bzw. der Suche nach Liebe diese Verhaltensmuster nicht plötzlich abstreifen und sich zum selbstlosen Liebenden mausern. Liebe heisst meist auch besitzen wollen, das allerdings ist keine Erfindung des Kapitalismus sondern einfach nur menschlich, was diesen Vorgang unmenschlich macht ist eine Untermalung oder gar Untermauerung mit einer seelenlosen Wirtschaftlichgkeitsdenke/sprache die alles was mit Liebe zu tun hat zum reinen Rechenspiel macht.
  • Hannes Weiland (0) Mich interessiert die auf dem Titelbild abgebildete Formel. Leider lässt sich über eine Google-Suche nichts genaueres finden. Über Tips woher die Formel stammt oder auch einen Link würde ich mich unter therealbeezle at gmx dot de freuen.
    Danke.
  • Frank Wohlgemuth (0) "Stimmen muss heute nicht mehr die Chemie, sondern die Bilanz."
    Mir scheint, das sind nur unterschiedliche Wörter für den selben Sachverhalt - wenn "die Chemie nicht stimmt", wird auch die "Bilanz" bescheiden sein, denn diese ist keine rein finanzielle, sondern enthält auch emotionale, soziale usw. Bestandteile.

    Wir brauchten früher nur nicht über diese Innenbilanz zu reden - sie war unwesentlich: Die Institution Ehe stand unter einem gewaltigen sozialen bzw. religiösen Druck. Die Zeiten sind noch nicht so lange her, als eine Scheidung unter "normalen Leuten" noch als ein sozialer Makel galt, was die innere Bilanz jeder Ehe komplett übersteuerte.

    Was hier beschrieben wird, ist also keine Folge der Verwirtschaftlichung, sondern der größeren Freiheiten zuerst in der Handlung und erst dadurch auch in der Betrachtung. Die Qual der Wahl ergibt sich nicht aus der (real sowieso nur von Wissenschaftlern angestellten) ökonomischen Betrachtung der Beziehung, sondern aus den weggefallenen gesellschaftlichen Vorgaben, einhergehend mit dem totalen Wertverlust der Jungfräulichkeit und der damit verbundenen Möglichkeit, vor dem "Kauf" zu probieren. Die hier beschriebene Innenbilanzierung der Beziehung ist also nicht Ursache anderen Handlens, sondern schlicht Symptom des Wegfallens externer Größen, die vorher diese Bilanzierung bestimmten.

    fwo