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aus Heft 33/2008 Die Gewissensfrage 8 Kommentare

Die Gewissensfrage

»Kann ich guten Gewissens die Olympischen Spiele im Fernsehen ansehen, wo ich doch weiß, dass beim Bau der Sportstätten unzählige Arbeiter unter für Menschen unwürdigen Bedingungen arbeiten mussten und den Tod fanden? Bekomme ich nicht schon beim Benützen der Fernbedienung ›blutige Finger‹?

Von Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Jens Bonnke




Geht es hier um Olympiaboykott? In gewissem Sinne ja, denn das Phänomen Olympische Spiele hat zwei Seiten: das Treffen der »Jugend der Welt«, genauer der Spitzensportler, und das mediale Großereignis. Der klassische Olympiaboykott betrifft die Athleten. Die entschieden sich dagegen, auch mit der Begründung, dass der Sport sich von der Politik nicht vereinnahmen lassen dürfe. Ein lauterer Ansatz, der aber nur trägt, solange das noch nicht eingetreten ist – worüber man streiten könnte –, und der spätestens seit den Erfahrungen von 1936 bestenfalls naiv wirkt.
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Denn daneben steht das mediale Großereignis, das wirtschaftlich wie politisch, je nach Sichtweise, genutzt oder missbraucht wird. So richten sich die Austragungszeiten einiger wichtiger Wettkämpfe nicht nach den besten Bedingungen vor Ort, sondern nach den teuersten TV-Werbezeiten in den USA. Und Chinas Regierung setzt die weltweite Aufmerksamkeit für ihre politischen Ziele ein; man denke nur an den Fackellauf durch Tibet oder die mit ungeheurem Aufwand betriebene Selbstdarstellung »vor den Augen der Welt«.

Dazu gehört neben der mitunter brachialen Unterdrückung jeglicher Regimekritik auch die Inszenierung in architektonisch bemerkenswerten, aber eben teilweise mit Menschenleben teuer erkauften Sportstätten.

Das IOC hat sich in vollem Bewusstsein dieser Umstände für die Vergabe nach Peking entschieden. Damit hat es die Spiele auch diesen Zwecken zur medialen Verfügung gestellt. Und zu denen trägt jeder einzelne Zuseher seinen Teil bei, denn die mediale Verwertung funktioniert nur durch die Summe der Nutzer – die so zudem Einfluss auf künftige Entscheidungen haben. Insofern macht man als Zuseher mit und holt sich tatsächlich blutige Finger an der Fernbedienung.

Kommentare

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Kommentar:

  • Rena Tellmann-Porter (1) nun das ist ja ähnlich dramatisch, wie die Kinder, die in Indien in den Glasperlenfabriken und Teppichfarmen ihre Hande ruinieren, da kommen die empörten Westler und befreien die Kinder und ruinieren ganze Familien, die von dieser Kidnerarbeit leben...

    Es gibt Zusammenhänge, die nicht sofort offensichtlich sind, schon gar nicht für Menschen, die mit Nivea,eigenem Auto und Sozialstaat groß geworden sind...

    manchmal hat man die Verpflichtung , das Angebotene anzunehmen, im Besten Fall zu geniessen und unkommentiert zu lassen.Wer sich immer selbst aussucht für was er sich gerade verantwortlich fühlt, ist in Wahrheit für nichts verantwortlich.
  • Melanie Hau (0) Herr Manhardt:
    Sie meinen, Konsum könne nicht unmoralisch sein - diese Einstellung vereinfacht zwar das Leben ungemein, entbehrt aber meiner Meinung nach jeder Grundlage. Es ist allgemein bekannt, dass Produzenten sich nach den Wünschen ihrer Konsumenten richten. Sowohl das Produkt als auch der Preis wird durch den Kunden beeinflusst. Mit jedem Kauf eines Produktes unterstütze ich finanziell den Produzenten und damit seine Produktionsweise. Weil wie die Nachfrage nach Käfigeiern durch ein entsprechendes Angebot gedeckt wird, wird mit jedem täglich verbrauchten Ei etwa ein weiteres Huhn in den Käfig gesteckt - und Sie meinen ernsthaft, als Konsument hat man damit nichts zu tun?
  • Carsten Müller (0) Ich finde es schon sehr bedenklich, dass man sich in Deutschland vielfach erdreistet Kommentare und Bewertungen über ein Land abzugeben, welches man vielleicht nur aus dem Fernsehen oder einer Urlaubsreise kennt. Meine Familie und ich leben seit nun mehr als 5 Jahren in diesem Land und ich möchte noch immer nicht den Anspruch erheben es gut genug zu kennen und zu verstehen um es dermaßen zu bewerten wie es derzeit in der deutschen Presse geschieht.
    Wenn man von Blut an seinen Händen redet, weil man sich die Olympischen Spiele im TV ansieht, dessen Stadien mit „Menschenblut“ gebaut wurden, sollte man sich erst mal die wirklichen Gegebenheiten in China ansehen. In China werden die anspruchsvollsten Architekturen mit neuestem Equipment gebaut und montiert. China ist weit davon entfernt wie die alten Ägypter Stein auf Stein mit einem Flaschenzug zu heben und die Leute mit einer Peitsch anzutreiben.
    Natürlich leben und arbeiten die Leute in einem anderen sozialen Umfeld als in einer vollständig abgesicherten Industrienation wie Deutschland. China ist ein, sich im starken Umbruch befindliches, Entwicklungsland, welches dieselben Probleme und Entwicklungsstufen durchlebt, wie „Good Old Germany“. Die Entwicklung dieses Landes ist jetzt nur für jeden besser zu ersehen, durch die neuzeitlichen Medien wie TV und Internet und der langsamen Öffnung des Landes.
    Und zum Schluss sollte niemand denken, dass es in Europa und dem Rest der Welt keine Baustellen mit tödlichen Unfällen, Arbeiter mit Dumping Löhnen und Verstößen gegen das Sozial und Arbeitsrecht gibt.
  • Solitaire 100 (1) Weil die Medien und deren Auftraggeber über die Anzahl der Zuschauer ihre Strategien festlegen, ist es das legitime Recht jedes einzelnen Zuschauers, ein Großereignis zu boykottieren. Hier liegt für die Auftraggeber die Achillesverse. Wenn wegen der gesamten Vorgänge weniger Zuschauer registriert werden, reagieren die Verantwortlichen dementsprechend! Das hat mit Benachteiligungen verschiedener Personengruppen nichts zu tun, wenn die Konsumenten ihre Macht benutzen. Die Olympiade würde weiter gehen, wenn auch sehr viel sauberer!
  • Tappy (1) Ja, wurden wir denn alle geneppt mit: "Sozial ist, was Arbeit schafft" ? Das System funktioniert doch nur durch steigenden Konsum und Verbrauch. Insofern macht man als Zuseher tatsächlich mit und holt sich tatsächlich blutige Finger an der Fernbedienung. Aber durch's Abschalten. Kollektiver Medienboykott führt zu weniger Aufwand und dadurch weniger Arbeitsplätzen bei den darauffolgenden Spielen, weil sich's nicht "genügend rechnet". Der Boykotteur ist dann für zukünftige Armut verantwortlich.
  • Torsten Kralisch (1) Denken wir doch mal nur zwei Jahre zurück. Fußball-WM in Deutschland.

    Das Amerikanisches Bier gab's nur, weil wir in Deutschland keines haben.
    Die Stadien wurden auch im geregelten 8-Stunden-Tag hochgezogen.
    Sind doch mal Überstunden notwendig gewesen, wurden diese höchst anständig vergütet.
    Die Tickets sind ausnahmslos an die treuesten Fans zu Extra-günstigen Preisen rausgegangen.

    Welch schöne Vorstellung. Aber der Realität kräht auch kein Hahn hinterher.

    Ich habe an meinem Hintern jedenfalls kein Blut festgestellt, und das obwohl ich bei so manchem Spiel live dabei sein durfte.
  • Thomas Manhardt (0) Nach dieser Argumentation macht man sich auch schuldig, wenn man Billigprodukte aus China kauft (wg Mindestlohn) oder Produktionen aus Hollywood anschaut(falls man den psychischen Druck der Schauspieler als menschenunwürdig betrachtet). Außerdem wäre man auch am Schlachten von Tieren, an der Käfighaltung von Hühnern usw. schuldig, falls man solche Produkte kauft. Dies ist meiner Meinung nach falsch, denn das Konsumieren hat nichts unmoralisches an sich. Wird das jetzt Handlungsethik genannt?
  • Dr. Siegfried Richter (0) Zu "Olympia schauen" bitte keine Doppelmoral:
    Sollen wir in Anbetracht der Lügen zum Irak-Krieg, angesichts von Abu Ghraib, Guatanamo und der noch exisitierenden Todesstrafe vielleicht auch von US-TV-Fernsehsendungen Abstand nehmen ?