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Meinung - Zur Lage der Nation 18. September 2008

Folge 1: Steinmeiers Haare

Wer Frank-Walter Steinmeier verstehen will, muss ihm nicht in, sondern auf den Kopf schauen.


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Jetzt also überall das große Steinmeiern: Was ist der Kanzlerkandidat für ein Mensch? Wie denkt er? Und hat er eine Chance? Dabei wird eine ganz zentrale Frage immer vergessen: Was sagt uns seine Kandidatur unter ästhetischen Gesichtspunkten? Es geht da vor allem um ein Detail: das weiße Haupthaar des Kandidaten. Das ist ja nicht einfach irgendein Weiß, das ist ein strahlendes, geradezu unwirkliches Gleißweiß. Irritierend.

Eigentlich hat Steinmeier genau die Haare, die sich Andy Warhol in den 70er Jahren immer so wünschte und per Perücke auf den Kopf zauberte (Steinmeier müsste sich nur ein wenig anders frisieren). Dieses Weiß ist so intensiv, dass es eigentlich schon nicht mehr als Laune der Natur gelten kann, sondern als Statement gesehen werden muss.
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Er steht irgendwo und spricht in die üblichen 25 TV-Mikrofone, und aus dem Fernseher gleißt es nur so raus und in die deutschen Wohnzimmer hinein, ein Leuchten, signalgrell, das verrät: Aufgepasst, hier kommt einer, der hat Großes vor. Denn die Farbe Weiß ist ja zigfach durchcodiert, Weiß, das bedeutet in westlichen Kulturkreisen vor allem mal: Neustart, Aufbruch, jetzt geht's los. Außerdem steht die Farbe für gewinnbringende Koalitionen (Hochzeit), vorurteilsfreies Arbeiten (Unschuld) und Aufrichtigkeit sowieso (weiße Weste). Und auch Altersweisheit (Helmut Schmidt, zumindest meistens).
Kann ja nichts schief gehen.

Und wir erinnern uns: Seine halbe Amtszeit lang musste sich Schröder das Geraune gefallen lassen, er färbe seine Haare. Der unausgesprochene Vorwurf: Wenn einer schon nicht zugeben will, dass er längst ergraut ist, dann verbirgt er bestimmt auch sonst noch ein paar unpraktische Wahrheiten. Wenn also diese Woche der "Spiegel" per Titelzeile "Schröders Comeback" ausruft und damit die Inhalte des neuen SPD-Führungsduos meint, dann könnte man einschränken: Die Haare des Kandidaten Steinmeier sind immerhin ein Symbol der Offenheit.

Hinterher, wenn alles vorbei ist, und Steinmeier es nicht geschafft haben wird, an Merkel vorbeizuziehen, werden sich schnippische Beobachter darauf einigen können, dass Weiß, zumindest als Flagge, immer schon die Farbe der Kapitulation war. Tja.
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