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aus Heft 42/2008 München/Lokales 1 Kommentar

Aus dem Zusammenhang gerissen

60 Jahre war der Charakter der Süddeutschen Zeitung dadurch geprägt, dass ihre Redaktion im Herzen Münchens saß. Jetzt zieht der Verlag tatsächlich an den Stadtrand. Eine Erinnerung.

Von Andreas Bernard 



In der Münchner Fußgängerzone, vielleicht hundert Meter vom Stammsitz der Süddeutschen Zeitung entfernt, steht seit zehn Jahren eine kleine Statue des Journalisten Siegfried Sommer. Sie zeigt den berühmten Autor der Süddeutschen und der benachbarten Abendzeitung bei der Arbeit, flanierend in den Straßen der Innenstadt. Der Richtung seiner Schritte nach zu schließen, ist er gerade auf dem Weg in die Redaktion, vielleicht um eine Kolumne abzugeben.

Wenn der Süddeutsche Verlag nun nach einem Beschluss der früheren Gesellschafter in ein neues Bürohochhaus umzieht, nach Steinhausen an den östlichen Münchner Stadtrand, ist die Statue ihrer Perspektive beraubt. Siegfried Sommer geht fortan ins Leere, und in ein paar Jahren, wenn aus dem Redaktionsareal zwischen Sendlinger- und Hotterstraße Wohngebäude und Einkaufspassagen geworden sind, wird die kleine Figur einen letzten Hinweis darauf geben, dass hier mehr als sechzig Jahre lang ein großes Zeitungshaus stand.
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Womöglich ist bei den Umzugsvorbereitungen einmal der Gedanke aufgekommen, die Statue in die neue Konzernzentrale mitzunehmen. Die Sinnlosigkeit dieses Unterfangens muss aber sofort ins Auge gesprungen sein. Denn der Standort der Figur trägt ja gerade jener schönen Einheit Rechnung, dass Recherchegebiet und Redaktionsadresse für einen Münchner Lokalkolumnisten praktisch dasselbe waren. Im Gewerbegebiet von Steinhausen da-gegen stünde der Spaziergänger Sommer ziemlich verloren da.

»Die Themen liegen auf der Straße«, heißt es im Journalismus gern. Für die Süddeutsche Zeitung traf diese leicht überstrapazierte Weisheit sogar zu, denn der Sitz der Redaktion im Zentrum Münchens, in unmittelbarer Nähe zum Marienplatz, zum Viktualienmarkt, brachte tatsächlich oft Geschichten hervor, die den Lesern lange in Erinnerung blieben. Als das SZ-Magazin etwa japanischen Touristen ihre Filme abkaufte und die entwickelten Fotos im Heft veröffentlichte, konnte diese Idee nur entstehen, weil man den unentwegt knipsenden Reisegruppen in jeder Mittagspause begegnete.

Welche Themen werden künftig in Steinhausen auf der Straße liegen, wenn man nicht gerade an einer Geschichte über Gebrauchtwagenhändler oder Prostituierte schreibt? Die Zeitung droht jene Fülle an Inspiration einzubüßen, die das Zentrum Münchens Tag für Tag zur Verfügung gestellt hat – ganz direkt, durch eine unverhoffte Begegnung vor der Türe, oder indirekt, nicht genau messbar, durch einen Einfall, der sich mittags im »Weinhaus Neuner« ergab, beim Kaiserschmarrn im »Sedlmayr« oder beim Espresso in der »Segafredo-Bar« am Rindermarkt. In Steinhausen gibt es, eine Viertelstunde Fußweg von der Redaktion entfernt, eine Dönerbude und einen »Burger King«.

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Vom Redaktionssitz der Süddeutschen ging in München auch eine Art symbolische Kraft aus.)

Kommentare

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  • Hilmar Sturm (0) Es ist wirklich schade, dass die Zeitungen aus der Stadt hinausziehen in, ehrlich gesagt, scheußliche, beliebige Büro-Hochregallager.

    Das sagt ja schon viel über den Geist, der heute in den Verlagen weht (besser gesagt: sich in Excel-Tabellen und SAP-Auswertungen austobt).

    Die SZ ist ohnehin schon nicht mehr sie selbst. Ich bin jedes Mal wieder überrascht, was für inhaltsleere, aber meinungsstarke Überschriften sie trägt, und wie die Artikel auch an Information verlieren, aber an Gehässigkeit und unbegründeter Meinung gewinnen. Bin ich zu blöd? Muss mir die SZ-Redaktion sagen, was ich für Schlüsse aus dem ziehen soll, was so geschieht?

    Ein Gedanke noch zu dem sehr guten Artikel von Herrn Bernard, für den ich mich bedanke: Die Perfektion ist der Tod des Guten. Viele erfolgreiche und gute Dinge wurden in Garagen, Baracken und Hinterhöfen erfunden, entwickelt und erstellt. Wenn man umzieht in die großen schönen Paläste, ist meistens der Keim der Erstarrung mit dabei. Das ist sogar eines von C. N. Parkinsons Gesetzen: "Vorgeplante Mausoleen oder Macht- und Verwaltungszentren". Schönes Beispiel: Als der Petersdom in Rom fertig war, war es mit der Macht des Papstes weitgehend vorbei.

    Was ich nur bestätigen kann: Dass wirkliche Anregung aus dem unmittelbaren, persönlichen Gespräch, aus der Begegnung kommt - und nicht aus dem Computer und dem Content Management. Schön, wenn Journalisten zusammenarbeiten -- besser, wenn sie der Wirklichkeit in der Welt begegnen. Dafür brauchen wir sie.