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aus Heft 43/2008 Das Prinzip 4 Kommentare

Gottschalk

Es war ja fast etwas still geworden um ihn, aber jetzt darf er sich endlich wieder "unser Thommie" nennen.

Von Tobias Kniebe 




Das einzig Interessante an dem ansonsten komplett unbemerkenswerten Drama um Marcel Reich-Ranicki und seine Schmipftirade beim Deutschen Fernsehpreis ist das Gefühl der Dankbarkeit, das Thomas Gottschalk seitdem entgegenschlägt. Die Kommentatoren sind ganz aus dem Häuschen, wie toll er doch »geistesgegenwärtig eingegriffen« und »die Situation noch mal gerettet« habe, die FAZ sprach gar allen Ernstes von einer »Sternstunde« – und Gottschalk darf endlich wieder das sein, was er zuletzt eher nicht mehr war, nämlich »unser Thommie«. Geht’s noch?

Was, zum Geier, musste da überhaupt gerettet werden? Welches Harmoniebedürfnis verlangt danach, Reich-Ranickis Zurschaustellung von Altersegozentrik auch noch diesen unwürdigen Versöhnungsversuch hinterherzuschieben? Die Sache offenbart einerseits die Sehnsüchte einer Fernsehnation, die geistig noch irgendwo in den Fünfzigerjahren feststeckt und wie eine neurotische Hausfrau vor dem Albtraum zittert, die Gäste in ihrer guten Stube könnten sich irgendwie in die Haare kriegen. Andererseits zeigt sie wieder einmal in erschreckender Klarheit, wer Gottschalk wirklich ist: nämlich Deutschlands unersättlichster Opportunist.

Bei anderen Moderatoren spürt man im Hintergrund immer die Angst, dass ihre Unfähigkeit im nächsten Moment offensichtlich werden könnte, ihre servile Kumpanei ist eine Art ständig vorauseilendes Gnadengesuch. Nicht so bei Gottschalk. Er macht sich um seine Fähigkeiten seit Jahren keine Sorgen mehr. In seiner patentierten »Frechheit«, die unfehlbar am kleinsten gemeinsamen Nenner des Ungefährlichen und garantiert Verzichtbaren orientiert ist, darf er sich bombensicher fühlen. Die Hoffnung jedenfalls, seine Mischung aus Zotigkeit und Sentimentalität gehe mittlerweile am Kern seines immer noch beachtlichen Publikums vorbei, ist reines Wunschdenken.
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Dieser Vorsprung an Souveränität auf der Showbühne hat allerdings auch dazu geführt, dass Gottschalks Verlangen, von allen geliebt zu werden, mit den Jahren ins Krankhafte gewachsen ist. Gern zitiert er »die Oma und den Enkel«, denen er gleichermaßen Freude bereiten wolle, sein klassisches Samstagabend-Publikum also – aber gerade dabei belässt er es nicht, die Bildungsbürger müssen es schon auch noch sein, Deutschlehrer wollte er einmal werden, und ja, die Fernsehkritiker natürlich ebenfalls.

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Er ist jetzt so weit, die Wahrheit – sprich seine grundlegende Verachtung für das Publikum – zu akzeptieren.)

Kommentare

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  • Tony Montana (1) Hübscher text und durchaus treffend. Interessant ist nur eines: da ist von "bildungsbürgern" die rede und danach, also klar separiert von dieser gruppe, von "(fernseh)kritikern". Es mag jemandem, der als medienjournalist arbeitet, nicht gefallen - aber einen bildungsbürgerlicheren beruf als den des kritikers gibts es ja wohl kaum...ist vielleicht ein bisschen anspruchsvoller, als der des deutschlehrers, aber bildungsbürgerlich bleibts allemal. Nix für ungut.
  • Uwe Wöllner (0) Ich wußte gar nicht, dass bei der SZ Menschen mit Weitblick und kritischem Medienverständnis arbeiten.
    Sehr sehr guter Kommentar!! Nur weil Geissen, Beckmann, Jauch & CO unerträgliche Weichspüler und Fahnen im Wind sind und Gottschalk in der Tat in einer anderen Liga spielt heißt das noch lange nicht, dass der Einäugige unfehlbar ist. Im Gegenteil: Jede Zeile dieses Kommentars ist ein Genuß und zeugt von journalistischem Feingespür. Vielen Dank!
    PS: Die Kommentare 1+2 (Herr Schächter - sind Sie es??) bestätigen ja nur mein Bild von Gottschalk und seinem treu ergebenen Publikum.
    So sieht übrigens nachhaltige Medienkritik aus:
    http://de.youtube.com/watch?v=sa0rpCgVLs...
  • Amadeus Amadeus (0) Was ist denn das bitte für ein Beitrag??? Über Gottschalk abzuziehen, einer der wenigen seriösen deutschen Moderatoren neben den restlichen Eintagsfliegen, ist schon ein Armutszeugnis, vor allem mit einer derart destruktiven Kritik, die nicht einmal das Wort Kritik verdient. Ranicki, einer der gebildetsten Menschen in diesem geistesschwachen Land, "Altersegozentrik" anzutiteln trifft die Kuh wohl am Euter - Was ist denn blos los mit der Süddeutschen?
  • Mel Klee (0) Hut ab, liebe Süddeutsche. Dies war so ziemlich der schlechteste und dämlichste Beitrag in einer Zeitung, den ich je lesen durfte. Da ist wohl jemand abgrundtief neidisch auf den Erfolg eines besonderen Menschen, oder? Nur so lässt sich das Geschriebene erklären. Ein Noname will uns erklären, wie und wer Gottschalk ist? Verzeihung, aber ist der Verfasser vielleicht seit 20 Jahren im Showgeschäft ganz oben und hat ein Millionenpublikum, dass ihn liebt und achtet? Wenn nicht, sollte sich der sogenannete "Autor" vielleicht mal fragen, warum das so ist und ob er wirklich prädestiniert ist, ein solches "Urteil" zu verfassen.

    Und weil ich gerade dabei bin, wieso glauben viele Menschen zu wissen, ab wann jemand zu alt ist eine Unterhaltungssendung zu moderieren? Das ist mir schon bei Heidenreich merkwürdig aufgestoßen. Sie hat Gottschalk als müden alten Mann bezeichnet. Ob die Frau keinen Spiegel hat? Sie ist 7 Jahre älter (und nebenbei gesagt, in meinen Augen wesentlich weniger attraktiv) und nimmt sich so etwas heraus.

    Ich kann dem ZDF nur zu seiner Entscheidung Frau Heidenreich aus ihrer Pflicht fürs ZDF zu arbeiten beglückwünschen. Muss sicher eine große Zumutung gewesen sein, für einen so niveaulosen Sender arbeiten zu müssen. Und dann noch das viele Geld, was einem dafür bezahlt wurde. Nein, das war wirklich eine Zumutung. :-)

    Aber ich verstehe natürlich das "Prinzip" hinter diesem Beitrag. Nachdem Gottschalk in den letzten Tagen so sehr über den grünen Klee gelobt wurde, muss jetzt mal wieder jemand dafür sorgen, dass es ihm dabei nicht zu gut geht. Der Anreiz zum Lesen ist somit wieder gegeben. Mit einem konstruktiven Beitrag hat das aber nichts zu tun. Für solches Gewäsch sollte sich die Süddeutsche eigentlich zu schade sein.