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aus Heft 45/2008 Musik

"Dieser Junge ist die ungewöhnlichste Begabung, der ich je begegnet bin."

Tobias Haberl 

Der Pianist Kit Armstrong spielt nicht nur überirdisch, sondern wirkt auch sonst so, als käme er von einem anderen Stern.

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Kit Armstrong müsste wissen, dass er jetzt etwas sagen soll. Auch wenn er aussieht wie elf, er ist 16 – ein 16-jähriger Junge, der eine Sinfonie komponiert hat und in der Carnegie Hall aufgetreten ist, weiß, was ein Interview ist, aber er macht überhaupt keine Anstalten, einen Satz zu äußern. Er sitzt einfach nur da, vollkommen aufrecht, und blickt ins Leere. Ab und zu schiebt er sich ein Stück Wassermelone in den Mund, legt die Hände zurück in den Schoß und kaut so langsam, als warte er auf nichts oder besser: als warte niemand auf ihn. Als säße kein Journalist neben ihm, dem exakt 30 Minuten gegeben wurden, um ihn kennenzulernen.

»Kit spricht nicht viel«, hat seine Mutter gewarnt, »schon gar nicht über sich.« Sie hat nicht gesagt, dass ihr Sohn einen Menschen, der ihm gegenübersitzt, nicht einmal zu bemerken scheint. Man muss sich bemerkbar machen, möglichst deutlich:

SZ-Magazin: Geben Sie nicht gerne Interviews?

Kit Armstrong blinzelt, als erwache er, dann lächelt er zaghaft. »Ich habe nichts gegen Interviews«, sagt er, »solange die Fragen mich interessieren.« Dann verstummt er, wendet sich ab und betrachtet heiter den Flügel, auf dem er gerade noch gespielt hat, ein bisschen Bach, ein bisschen Mozart. Sein Hemd hat er bis oben zugeknöpft, es schnürt seinen Kinderhals ein. Er wirkt versunken und hellwach, präsent und ganz weit weg, gelangweilt und höchst interessiert. Man kommt nicht ran an diesen schmächtigen Menschen. Dabei ist er nicht schüchtern, er lässt nur Überflüssiges weg. Für einen Pianisten sind seine Finger äußerst kurz. Man fragt sich, wie er mit diesen Händen eine Oktave greifen kann. Man fragt sich, wie er mit diesen Händen der größte Pianist des 21. Jahrhunderts werden soll. Und doch hat der große Meister Alfred Brendel, 77, beim Musikfestival in Bozen gerade öffentlich bekannt: »Dieser Junge ist die größte musikalische Begabung, der ich in meinem ganzen Leben begegnet bin.«
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Kit, wann haben Sie gemerkt, dass Sie ein Ausnahmetalent sind?
Ich habe es nicht gemerkt. Die Leute haben angefangen, es zu behaupten.
Und Sie haben nie darüber nachgedacht, ob es stimmt?
Nein.
Viele Menschen behaupten, Sie seien ein Genie. Was halten Sie davon?
Ich denke mir, dass diese Menschen Journalisten sein müssen.
Weil sie übertreiben? Nein. Weil sie in anderen Kategorien denken.
Sie mögen wohl keine Journalisten?
Das habe ich nicht gesagt. Ich sage nur: Was Journalisten meinen, hat selten etwas mit dem zu tun, was ich meine.

So geht ein Gespräch mit dem Pianisten und Komponisten Kit Armstrong los. Er spricht leise, sagt selten mehr als einen Satz, als Interviewer fühlt man sich erst veräppelt, dann mittelmäßig, am Ende beschenkt, wohl einen sehr bemerkenswerten Menschen getroffen zu haben. Jahrelang hat Kit Armstrong nur wenige Konzerte gegeben, hat im Verborgenen geübt, ganz spielerisch, sachte gebremst von seinem Mentor Alfred Brendel. Der Junge sollte als Ausnahmepianist wahrgenommen werden, nicht weil er jung, sondern weil er ein Ausnahmepianist ist.

Nur einmal ist sein Manager schwach geworden, da haben sie ihn in die Late Show von David Letterman geschickt, ein zehnjähriger Zwerg mit Hosenträgern, der an eine Zirkusattraktion erinnert, die auf die falsche Bühne, vor das falsche Publikum geworfen wird. Pianisten sollen Planeten sein, keine Meteoriten, hat ein Kritiker mal geschrieben. Die Entstehung des Planeten Kit Armstrong ist abgeschlossen, jetzt kann er entdeckt werden.

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Er begann zu sprechen, da war er neun Monate alt, ein paar Wochen später fing er an zu zählen, kurz darauf zu rechnen. Mit drei las er das Wall Street Journal.)
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