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aus Heft 47/2008 Das Prinzip

Boris Becker

Tobias Kniebe 

Ein Leben nach den Regeln einer guten Fernsehserie: simpel, durchschaubar. Und sehr unterhaltsam.

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Dieser junge, schlaksige, linkische Körper. Diese roten Haare, unschuldig zurechtgestutzt, Prinz-Eisenherz-Stil. Die Zungenspitze, die in Momenten der Anspannung zur Oberlippe vorschnellt. Oder diese Hechtsprünge, dem Ball hinterher, die Faust des Triumphs, die staubige Bremsspur der Füße auf dem Rasen von Wimbledon, direkt nach dem Matchball gegen Kevin Curren. Es hat heute etwas seltsam Anrührendes, sich diese Bilder noch einmal in Erinnerung zu rufen –und auch, was man damals empfunden hat. Als Boris Becker sich im Juli 1985 ins Herz der Nation spielte, war das ein unvergesslicher Moment: Siebzehn Jahre alt, der erste deutsche Sieger in Wimbledon, der bisher jüngste überhaupt – und dazu noch einer, der praktisch aus dem Nichts kam. Und doch: Jeder Schlag und jede Geste zeigten, wer dieser Jüngling war, was er gerade fühlte, was er wollte, wofür er kämpfte. Das Bobbele, ein offenes Buch. Jeder konnte es lesen und sich darin wiederfinden.
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In gewisser Weise ist das bis heute so geblieben. Dieser Teenager, der gerade 41 wird, ist so durchsichtig wie eh und je. Nur die Vorzeichen haben sich geändert. Wir durchschauen ihn in seiner Verwirrung, seinem Wunsch nach Anerkennung außerhalb der Tenniswelt, in seiner Geilheit. Wir wissen, welche Art von Frau ihm den Verstand raubt und im Zweifel auch den Samen; wir erkennen selbst seinen illegitimen Nachwuchs auf den ersten Blick, Vaterschaftstest unnötig. In Bezug auf sein Fortpflanzungsverhalten – und eigentlich nur bei ihm – verwenden wir mit Vorliebe das Wort »Beuteschema«, das aus dem Tierreich stammt. Wie Zoologen analysieren wir, warum das mit Sandy nie und nimmer etwas werden konnte, während Babs die einzig Richtige für ihn war und ist – es liegt so offen zutage, wir könnten ihn ohrfeigen und ihm die roten Haare raufen. Egal, ob er wegen Steuerhinterziehung verurteilt wird, wegen irgendwelcher Insolvenzen vor Gericht steht oder für ein paar Werbeeuros alles tut, sogar jämmerlich beim Poker ver-lieren – die Motive und Gefühle dahinter sind dermaßen klar, es ist herrlich. Und das mit dem Pokern ist wirklich der größte Witz: Wenn jemand in der Geschichte der Menschheit kein Pokerface war, dann Bobbele.
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