Wirtschaft/Finanzen | Heft 49/2008
Friede ihrer Masche
Die Krise als Weckruf: Warum haben wir so lange den üblichen Wichtigtuern vertraut?
Eine Polemik von Michael Jürgs; Illustration: Onur Erbay

Journalisten werden zu Recht abgemahnt, wenn sie in ihren Texten Taxifahrer zitieren oder mit Namen üble Scherze treiben. Deshalb unterbleibt hier der eigentlich gar nicht so schlechte Einstieg, dass in der Finanzkrise außer Derivaten, Zertifikaten und Subprimes auch die Primaten Henkel und Co. ihren Sinn verloren haben. Parallel zum Kurs der Aktien sank das Ansehen derer, die bislang in jeder erreichbaren Talkshow oder in veritablen Bestsellern, verfasst in dem ihnen eigenen Newspeak-Deutsch, als Weltendeuter auftraten. So gesehen ist der Mann, der sich lange ex cathedra für den »Seher in einem Meer von Blinden« (Spiegel Online über Hans-Werner Sinn) hielt, eine Nullnummer. Oder um einen Begriff aus der real vegetierenden Finanzwelt zu verwenden: ein Schrottpapier.
Er und Gleichgesinnte tragen jetzt nicht nur des Kaisers neue Kleider, was ja noch als Attraktion für ein Volksfest reichen würde, sie sind auch als bloße Feiglinge entlarvt. Kaum blickte ihnen die Krise fest ins Auge, senkten sie den Blick und schlugen sich, ihre neoliberalen Banner eingerollt, in die Büsche. Dort vergruben die Leitzinswölfe ihre bisheri-gen Maximen. Denen zufolge mussten, so oft gehört, gesetzliche Beschränkungen des ungezähmten Raubtier-Kapitalismus wie Kündigungsschutz, Mitbestimmung, Lohnfortzahlung bei Krankheit usw. als nicht mehr in die Zeit passende Überbleibsel des Ludwig-Erhard’-schen Menschenbildes entsorgt werden, um die Wirtschaft von Fesseln zu befreien und dadurch blühende Landschaften zu generieren. Der Markt würde es ohne den Staat richten. Was vom Markt angerichtet wurde, muss bekanntlich jetzt vom Staat gerichtet werden.
Selbst Nischensender wie NeunLive wollen deshalb nichts mehr von den einst lautstarken Besserwissern wissen, und bei Buchverlagen verhungern sie in der Warteschleife. Auch wenn sie flugs die Seiten wechseln und fortan vor der Gier der anderen warnen wollen, ruft keiner mehr zurück. Hans-Werner Sinn fiel nur einmal noch auf, als er sich für einen an sich unentschuldbaren Vergleich entschuldigen musste. In seinem Weltbild, das man lieber nicht näher kennen möchte, entspricht die Kritik an den ungehemmt mit fremdem Geld zockenden Angebern in Nadelstreifen dem Antisemitismus der Dreißigerjahre in Deutschland.
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