aus Heft 50/2008 Gesellschaft/Leben Noch keine Kommentare
"Ich weiß, dass ich sterben muss. Und zwar relativ bald."
Seite 4
Von Georg Diez & Dominik Wichmann (Interview)
Bekenntnisse eines Unpolitischen. Ich war nie so links wie meine Freunde von der Gruppe 47, das ist richtig. Aber wenn ich auf eine richtige Schweinerei treffe, dann rege ich mich genauso auf wie mit 19 Jahren. Wenn ich das nicht täte, wäre ich tot.
Und wenn die Ironie zum Alibi wird? Ich habe neulich mal wieder den Zauberberg gelesen und auch den Doktor Faustus, da habe ich doch auch gemerkt, wie viel Manieriertheit und wie viel Selbstgefälligkeit sich mit diesem ironischen Deutschen verbinden kann. In meiner Jugend war die Ironie für mich tatsächlich eine Waffe – heute würde ich sagen, nur ironisch zu sein, das hielte ich doch für eine Art von Ausflucht.
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Dann lieber die Flucht ins Pathos? Ich habe nichts gegen Pathos. Pathos ist Zeichen einer inneren Gespanntheit. Wenn Pathos in der Öffentlichkeit erscheint, im Theater etwa, dann braucht es Raum. Pathos überwindet einen Abstand zwischen mehreren Figuren. Wenn König Philipp und Don Carlos und der Marquis von Posa miteinander reden und es wird ihnen ernst, dann werden sie pathetisch und sprechen große Schiller’sche Sätze in großem Ton. Das ist durchaus eine Form von Leben.
Gibt Pathos dem Leiden erst seine Gestalt? Pathos gehört zum Leben. Wenn jemand in seinen vier Wänden pathetisch herumschreit, etwa ein Haustyrann, ist er einfach eine komische Figur. Aber wenn Pathos das Leiden ernst nimmt, kann Großes daraus entstehen. Was ging es zum Beispiel dem Beethoven gesundheitlich schlecht: Der hatte Durchfall und Bauchgeschichten, war schon deshalb gezwungen, jeden Tag vier, fünf Stunden spazieren zu gehen, weil er sonst mit seiner Gesundheit nicht fertig geworden wäre. Aber aus dieser Art von Malaise hat er eben das Allegretto aus der Siebten Symphonie gemacht oder den ersten Satz der Neunten Symphonie oder bestimmte Stellen aus der Appassionata. Bei Verdi dagegen begegnen einem auch die etwas simpleren Formen von Pathos – der wusste schon, auf was die Leute hereinfallen.
Kunst, das zeigt Beethoven, kann Zuflucht sein, Schutz vor dem Leben. Kunst ist etwas anderes als das Leben. Nach dem Tod meiner Frau haben viele Menschen zu mir gesagt, Jochen, du hast doch die Musik, die große Kunst, das ist doch eine Art von Trost. Aber ich konnte damals keine Musik hören, keinen Ton. Wenn man selbst psychisch belastet oder erkrankt ist, was ja keine Schande ist, dann hat man nicht mehr die Freiheit und die geistige und seelische Verfassung, um mit großer Kunst kommunizieren zu können. Wenn es einem schlecht geht, hilft einem die Kunst leider überhaupt nicht.
Auf dem Flügel hier im Zimmer stehen die Noten einer Bach-Fuge. Was suchen Sie, was finden Sie bei Bach? Bach ist der größte Harmoniker gewesen, den es in der Geschichte der Musik gab. Bei ihm tönt die Musik-Sprache ganz selbstverständlich. Er ist ungeheuerlich reich. Seine Vielstimmigkeit gewinnt eine enorme Tiefe. Ich spiele zum Beispiel sehr gern die Orgelwerke von Bach auf dem Flügel. Da gibt es Bearbeitungen von Liszt, von einigen Orgelpräludien und Fugen. Eine Musik, die große Wahrheit enthält.
Lesen Sie auf der nächsten Seite: "Ich kann mich eigentlich nicht erbrechen, ich habe vielleicht zweimal gekotzt. Und ich kann auch kaum weinen. Schade, es muss erleichternd sein."
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