Anzeige

aus Heft 02/2009 Sex 1 Kommentar

Die neue POpulär-Kultur

Lange galt Analsex als eines der letzten großen Tabus. Aber seit einiger Zeit stürzen sich Menschen und Medien wie wild auf das Thema, in Theorie und Praxis. Doch die Lust am irgendwie Verruchten ist mehr als eine Mode - sie verweist auf einen grundlegenden gesellschaftlichen Wandel.

Von Johannes Waechter 




Andy, 14 Jahre alt, hat ein Problem. Seine Freundin und er möchten Analsex machen. Aber es klappt nicht. »Jedes Mal, wenn ich meinen Penis reinstecken will, zuckt sie oder weint fast.« Da beide gehört haben, dass Analverkehr »total geil« sein soll, wollen sie ihr Treiben jedoch auch nicht einstellen, und so wendete sich Andy im Herbst Hilfe suchend an das Dr.-Sommer-Team der Jugendzeitschrift Bravo, wo man ihm empfahl: »Seid vernünftig und hört endlich mit dem Unsinn auf.

«Ob die beiden Kinder diesem Rat folgen? Das kulturelle Klima unserer Zeit sendet andere Signale. Der Analsex zwischen Mann und Frau hat die dunkle Gegenwelt der Pornografie verlassen, wo er in den Neunzigerjahren zur Ultima Ratio der sexuellen Inszenierung wurde, und ist in die Realwelt eingedrungen. Seine Vorzüge wurden in TV-Serien wie Sex and The City diskutiert und in den Underground-Hits des Porno-Rap angepriesen. Die detaillierte Beschreibung des Analverkehrs bestimmt von Anfang an den Ton von Charlotte Roches Bestseller Feuchtgebiete, und das zweite Skandalbuch der letzten Zeit, Jonathan Littells Roman Die Wohlgesinnten, schockt unter anderem durch die Verbindung von Analerotik und Nazi-Brutalität.

Das Wort »Arschficker«, einst ein derber Fluch, wurde im Jugendslang positiv umgewertet. Schließlich fand der Analsex sogar den Weg in die Ratgeber-Kolumnen der Frauen-magazine; selbst in der keineswegs total versexten Brigitte war bereits zu lesen, wie »unglaublich intensiv und reizvoll« die anale Penetration doch sei.

Die Hinwendung zum Hintern findet jedoch nicht nur in der Fantasie von Schriftstellern und Sex-Kolumnistinnen statt. Wie aktuelle Umfragen zeigen, ist Analsex bei deutschen Paaren üblicher, als man vielleicht denken würde. Die Zeitschrift Neon befragte Männer und Frauen zwischen 20 und 35; davon hatten 47 Prozent der Männer und 57 Prozent der Frauen bereits Analsex ausprobiert. Bei der »Sexstudie 2008«, im Auftrag von ProSieben von renommierten Sexualforschern durchgeführt, bekannten sich 46 Prozent der Männer und 44 Prozent der Frauen dazu, also fast jeder Zweite.

In Ermangelung älterer Vergleichsstudien lässt sich nicht mit Gewissheit sagen, ob diese Zahlen tatsächlich einen massiven Anstieg bedeuten. Trotzdem glaubt keiner der Forscher, dass Analverkehr früher genauso verbreitet war wie heute. »Ich bin relativ sicher, dass die Menschen heute mehr Analsex machen als früher«, sagt Ulrike Brandenburg, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung. »Meines Erachtens beobachten wir gerade die vorsichtige Integration der Analregion in die akzeptierten erotischen Zonen.« Diese Beobachtung wird von einer anderen Gruppe von Expertinnen bestätigt: Prostituierte berichten in Interviews, dass der Analverkehr, einst eine exotische Praktik, inzwischen zum Standardrepertoire der sexuellen Dienstleistung gehöre und von zahlreichen Männern verlangt werde.

Anzeige


Die neue Lust auf Analverkehr ist auch in unserer von einer sexuellen Überbietungsdynamik geprägten Epoche ein einschneidendes Ereignis. Vor einer Generation war es noch skandalös, nackte Brüste zu zeigen; inzwischen geht es ums »Kommen, obwohl der Schwanz nur in meinem Arsch steckt und sonst nix berührt wird« (Charlotte Roche, Feuchtgebiete, Seite 2).

Kommentare

Name:
Kommentar:

  • Anne Beck (1) Sie schreiben "»Wer in der Studie angab, Erfahrungen mit Analverkehr zu haben«, erläutert Jakob Pastötter, »hatte diese im Durchschnitt mit nur einer einzigen Person. Hier bestätigt sich die Vermutung, dass es für Analsex vor allem Vertrauen als Basis braucht.«"

    Das mag sein. Was ich von einigen normalen jungen Frauen gehört habe, entspricht jedoch einer anderen Interpretation der Studie. Trotz mehrerer, wechselnder Partner hatten diese Frauen nur ein-zweimal Analsex. Das lag weder an den Partnern noch am "mangelnden Vertrauen" sondern schlichtweg daran, dass ihnen die Paktik nicht gefiel.