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aus Heft 02/2009 Sex 1 Kommentar

Die neue POpulär-Kultur

Seite 2

Von Johannes Waechter 



Diese Entwicklung sagt nicht nur einiges über Tabus und deren Verschwinden aus, sie spiegelt auch den sexuellen Großtrend unserer Zeit: die Trennung von Sex und Fortpflanzung. Die Popularität des Analverkehrs, der in konservativen Gesellschaften von jeher eine Methode der Empfängnisverhütung war, erscheint als Vorbote einer neuen Welt, in der die Kinder im Reagenzglas entstehen und der Körper in Gänze zur Lustmaschine wird, die man mit ausgefeilten Techniken immer stärker auf Touren bringt. Die Grundfrage dabei: Ist der Hang zum Analverkehr also einfach der nächste, vielleicht sogar einer der letzten Schritte auf dem Weg zu einer wahrhaft freien, selbstbestimmten Sexualität? Oder handelt es sich um eine fragwürdige Entwicklung, bei der wir, die Rollenmuster des Pornofilms reproduzierend, die Sexualität zum Schauplatz von Leistungsdenken und Dominanzfantasien machen?

Nicht nur Briefe wie der des 14-jährigen Andy deuten darauf hin, dass manche Jugendlichen sich nicht selbstständig für den Analverkehr entscheiden. Der Sexualforscher Jakob Pastötter berichtet von einer Beobachtung, die deutsche Sexualberater gemacht haben: Während sich vor 15 Jahren männliche Jugendliche danach erkundigt hätten, wie sie ihre Freundin vom Analsex »überzeugen« könnten, kämen seit einigen Jahren Mädchen mit einem ganz neuen Wunsch. »Die fragen nach Medikamenten, um Analsex schmerzfrei und ohne anschließendes Unterbauchleiden erleben zu können«, sagt der Forscher. »Offensichtlich hat der Druck zugenommen, diese Sexualpraktik nicht nur auszuprobieren, sondern öfter durchzuführen.«

Andererseits gibt es viele Anzeichen dafür, dass solche Fälle ein Minderheitenphänomen sind. Zahlreiche Studien belegen, dass Paare heute mehr miteinander über Sex reden als früher, dass sie partnerschaftlich und selbstbestimmt entscheiden, was sie im Bett miteinander anstellen.

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Das scheint auch für den Analverkehr zu gelten, der laut »Sexstudie 2008« von der überwiegenden Zahl der Paare keineswegs sorglos oder zwanghaft betrieben wird. »Wer in der Studie angab, Erfahrungen mit Analverkehr zu haben«, erläutert Jakob Pastötter, »hatte diese im Durchschnitt mit nur einer einzigen Person. Hier bestätigt sich die Vermutung, dass es für Analsex vor allem Vertrauen als Basis braucht.« In diesem Licht erscheint Analsex nicht als grimmige Pornofantasie, sondern im Gegenteil als ein Gemeinschaftserlebnis von besonderer Innigkeit, verantwortlich für krönende Momente des Liebeslebens.

Der Anus ist eine besonders empfindliche Körperregion, im Schmerz genauso wie in der Lust. Diese Sensibilität hängt mit der großen Anzahl von Nervenenden zusammen, die dort zu finden ist und die Analregion, biologisch betrachtet, als erogene Zone ausweist. Bei einem Mann, der anal penetriert wird, wirkt zudem die Stimulation der Prostata luststeigernd. So mag man zwar weltanschauliche Einwände haben gegen die sexuelle Verwendung des »unrechtmäßigen Gefäßes«, wie man früher sagte; in der Funktionslogik des menschlichen Körpers ist der Analverkehr jedoch angelegt.

Nun hat der Anus aber bekanntlich noch eine zweite, sogar etwas wichtigere Funktion. Wer heute Unbehagen beim Thema empfindet, dürfte Analsex in der Regel nicht mehr als Sünde ansehen, sondern sich einfach davor ekeln, den Ausscheidungsbereich erotisch zu benutzen. Das ist verständlich – und doch könnte gerade die Unsauberkeit des Anus indirekt für seine Beliebtheit verantwortlich sein. »Wir haben Mühe, in unserer zivilisierten, sexuell gezähmten Welt überhaupt noch etwas wie Spannung zu finden, einen Kick, einen Schimmer von Unanständigkeit«, sagt die Forscherin Ulrike Brandenburg. »Für viele gehört das aber zum Sex dazu.« So hat die Popularität des Analverkehrs letztlich wohl den naheliegendsten Grund: Die Menschen wollen, dass ihr Liebesleben schmutzig bleibt.


Kommentare

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  • Anne Beck (1) Sie schreiben "»Wer in der Studie angab, Erfahrungen mit Analverkehr zu haben«, erläutert Jakob Pastötter, »hatte diese im Durchschnitt mit nur einer einzigen Person. Hier bestätigt sich die Vermutung, dass es für Analsex vor allem Vertrauen als Basis braucht.«"

    Das mag sein. Was ich von einigen normalen jungen Frauen gehört habe, entspricht jedoch einer anderen Interpretation der Studie. Trotz mehrerer, wechselnder Partner hatten diese Frauen nur ein-zweimal Analsex. Das lag weder an den Partnern noch am "mangelnden Vertrauen" sondern schlichtweg daran, dass ihnen die Paktik nicht gefiel.