
Auch die Beziehung zwischen ihr und Gerhard Freund leidet unter dem Tod der Tochter, wird distanzierter. Ursula von Bayern sagt: »Gerhard Freund war kein Gefühlsprediger. ›Ich stehe mit Alexandra im Dialog‹, sagte er immer zu Frau Schürmann. Sie fühlte sich ausgeschlossen. Wenn er sich mit Alexandra in einem Dialog befand, wollte sie mit von der Partie sein. Eine Zeit lang hatten die beiden tatsächlich keinen Zugang zueinander.«
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Zu großen Teilen liegt dies auch an Petra Schürmanns Sprachstörung, die sich so weit verschlimmert, dass ihr die Wörter eines Tages vollends wegbleiben. Als Hilfsmittel bedient sich Petra Schürmann eines Mobiltelefons, tippt ihre Gedanken in SMS. »Gerhard Freund liebte sie, weigerte sich aber, ihre Mitteilungen zu lesen. Damit waren ihre Kommunikationsmittel gekappt«, sagt Ursula von Bayern.
Während Petra Schürmann zwischen 2002 und 2005 oft auf Galas eingeladen wurde und sich auf wackeligen Beinen den Fotografen präsentierte, zog sich Gerhard Freund zurück, verließ Petra Polis nur selten. Im Dezember 2006 sagte er: »Wenn man mich fragt, was ich mache, antworte ich: ›wohnen‹. Ich freue mich an den antiken Dingen, die ich jahrelang gesammelt habe. Ich lese viel und schaue begeistert die ›Space Night‹ im Fernsehen.« Es klingt wie das Eingeständnis eines Mannes, der nur noch in Ruhe gelassen werden will, und gipfelt in Schürmanns letztem Interview in der Aussage, die sie ins Handy tippt: »Gerhard ist lebendig tot.«
Zu dieser Zeit, im April 2006, fällt es Petra Schürmann schon schwer, sich zu bewegen. Sie geht kaum noch aus, um nicht immer angestarrt zu werden. Ihre wöchentlichen Besuche beim Friseur im »Bayerischen Hof« stellt sie ein. Für Petra Polis wird ein Pflegeteam engagiert, das für das Paar wäscht, kocht, putzt und einkauft. Wenn Petra Schürmann ans Grab ihrer Tochter will, chauffiert ein Pfleger den Mercedes. Bei Gerhard Freund wird kurz darauf Krebs diagnostiziert. Vor seinem Tod nahm er seine Mundharmonika und spielte Meerstern, ich dich grüße. Es war Alexandras Lieblingslied, es ist Petra Schürmanns Lieblingslied. »Frau Schürmann saß mit großen Augen neben ihm, hielt seine Hand, erkannte die Melodie, und die Tränen kullerten beiden über die Wangen«, sagt Ursula von Bayern.
An Weihnachten 2008 brach Petra Schürmann zu Hause zusammen und wurde auf die Intensivstation des Starnberger Krankenhauses eingeliefert. Ursula von Bayern sagt: »Es geht ihr den Umständen entsprechend wieder gut.« Die Bild-Zeitung zitierte einen anonymen Freund der Familie mit den Worten: »Sie konnte nicht mehr essen. Alle dachten, sie stirbt.« Fragt man jedoch ihre engsten Freunde, zeichnen sie immer noch ein anderes Bild: »Frau Schürmann war immer eine Kämpferin«, sagt Ursula von Bayern.
Der Fernseher in Petra Polis wurde ausgeschaltet. In der Dunkelheit kann man nicht einmal mehr die Umrisse des Hauses erkennen. Morgen früh wird eine Pflegerin Petra Schürmann wecken, sie waschen, frisieren, ankleiden und das Frühstück servieren. Niemand weiß genau, wie viel Petra Schürmann davon noch bewusst mitbekommt. Ein ehemaliger Pfleger sagt, ihre Augen seien starr und leblos. Ursula von Bayern dagegen meint, sie erkenne sofort, wenn sich Frau Schürmann ärgere: »Dann ändert sich ihre Augenfarbe nach Dunkelgrün, obwohl sie eigentlich hellgrüne Augen hat. Das war schon immer so.«
Im Jahr 2005, als Petra Schürmann nicht mehr sprechen und auch nur schlecht gehen kann, entschließt sie sich, noch bei einem letzten Film mitzumachen. Die Journalistin Heidi Kranz erhält vom Bayerischen Fernsehen den Auftrag, ein Porträt Petra Schürmanns zu drehen. Heidi Kranz trifft »einen humorvollen, intelligenten Menschen, der nur nicht mehr reden konnte«.
Über ein Jahr ziehen sich die Dreharbeiten hin, Petra Schürmann stürzt und verletzt sich, will aber unbedingt weitermachen. »Wir haben in dieser Zeit viel gelacht«, sagt Kranz, »zum Beispiel darüber, dass sie ihren Schuh nicht mehr zubinden oder ihre Hose nicht mehr hochziehen konnte. Ihre Händchen waren ja schon ein bisschen steifer.« Der Film zeigt eine lächelnde Petra Schürmann, wie sie einen Stapel Fotoalben aus dem Wohnzimmerschrank nimmt und darin blättert. Alexandra bei der Einschulung, beim Wasserskifahren, in der Hängematte im Garten, mit einem Buch auf dem Bauch, private Videoaufnahmen aus guten Zeiten.
Zum Ende des Films ist ein Interview aus dem Jahr 1982 zu sehen. Schürmann sitzt in ihrem Wohnzimmer und wird vom Interviewer gefragt, ob sie Angst vor dem Alter habe. Sie trägt eine helle Bluse und einen engen, knielangen Rock, neigt den Kopf zur Seite, überlegt; sie ist zu diesem Zeitpunkt 48 Jahre alt, sieht aber jünger aus und lächelt, als wäre sie noch Lichtjahre davon entfernt, als alt zu gelten. Sie sagt: »Ich kann nicht sagen, dass mich die Frage unberührt ließe. Aber diese panische Angst von Leuten, die denken: Nun weiß ich nichts mehr mit mir anzufangen und muss jeden Tag allein frühstücken, das kann ich mir deshalb nicht vorstellen, weil ich mir nicht vorstellen kann, zu nichts mehr nütze zu sein.«
Was sie wohl heute denkt, wenn sie das Grab ihrer Tochter und ihres Mannes besucht? Sie scheint auf den Grabstein zu schauen, als wäre ihre Seele gefroren, sie blickt auf die fünfzig rosa Rosen, die gebündelt davorstehen und auf das Herz aus violetten Veilchen, die im Boden stecken. Fast zehn Minuten lang. Regungslos. Die Hände liegen in Handschuhen auf der dunklen Decke, die ihre Beine wärmt. Die anderen Besucher auf dem Friedhof schauen lang in ihre Richtung. »Wir haben Sie nicht vergessen«, ruft ein älterer Herr winkend. Petra Schürmann zeigt keine Reaktion.
Fotos: dpa, ap
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Für bildungsbürgerliche Frömmeleien gibtes bestimmt irgendeinen Blog, dem Sie sich geschlossen anschließen können.
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