aus Heft 05/2009 Literatur 2 Kommentare
"Wenn ich schreibe, lebe ich"
Philip Roth gibt nicht gern Interviews. Auf den nächsten Seiten macht er eine Ausnahme: Der wichtigste amerikanische Autor der Gegenwart erklärt die Prinzipien seiner Arbeit - und warum er nicht mit dem Schreiben aufhören kann.
Von Lars Reichardt Foto: Olaf Blecker
SZ-Magazin: Herr Roth, es heißt, der bedeutendste lebende amerikanische Schriftsteller sei ein schwieriger Mensch, der niemals lacht, seinen Ruhm verachtet und Interviews für Blödsinn hält, weil man sich über Literatur ohnehin nicht sinnvoll unterhalten könne.
Philip Roth: Ich weiß, was die Leute reden. Bin ich schwierig?
T.C. Boyle hält Sie für einen Mönch, der immer nur die Arbeit im Sinn hat.
Ich arbeite doch schon gar nicht mehr so viel wie früher. Vor eineinhalb
Jahren bin ich nach New York zurückgezogen und gehe erst jeden Morgen eine Stunde schwimmen, im Athletic Club am Central Park, bevor ich mittags mit dem Schreiben beginne, abends gehe ich sogar aus. Auf dem Land in Connecticut tat ich das nie, da habe ich oft bis spätnachts gearbeitet. Und ich vertrödle immer noch viel zu viel Zeit mit Baseball, obwohl ich mir inzwischen nur noch die letzte Stunde eines Spiels im Fernsehen anschaue; das stillt meine Sucht und lässt mir genug Zeit zum Lesen nachts. So ganz ohne Baseball wäre das Leben dann doch zu hart. Nein, ich will ganz gewiss kein Mönchsleben führen.
Aber Sie machen sich nichts aus Ihrem Ruhm. Sehen Sie, mit dem Ruhm verhält es sich so: Tagsüber erledige ich meine Arbeit, abends treffe ich drei-, viermal die Woche irgendjemanden oder gehe ins Kino oder Konzert und lege mich dann schlafen. Ruhm spielt in meinem Alltag also gar keine Rolle.
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Die Menschen erkennen Sie. In Ihrer Heimatstadt Newark ist sogar eine Straße nach Ihnen benannt. Nachts werden in dieser Straße Drogen verkauft, und tagsüber sollte man die Gegend auch lieber meiden – Newark besitzt die dritthöchste Kriminalitätsrate in den USA. Sogar der Bürgermeister, der damals die Rede auf mich hielt, sitzt mittlerweile im Gefängnis. Dabei war er gar kein schlechter Kerl, ich hatte eine Menge Spaß mit ihm am Tag der Einweihung. Er konnte sich einfach nicht beherrschen und musste auch ein bisschen stehlen: Er hat seiner Freundin Stadtgrundstücke verkauft.
Fühlen Sie sich gar nicht geehrt? Doch. Durchaus.
Würden Sie lieber von der Öffentlichkeit ganz zurückgezogen leben, wie J. D. Salinger oder Thomas Pynchon? Ach, Salinger hat sich doch gar nicht im eigentlichen Sinne zurückgezogen, er hörte lediglich auf, Schriftsteller zu sein. Vielleicht schreibt er sogar noch, aber er veröffentlicht jedenfalls nichts mehr. Das ist eine wirklich erstaunliche Entscheidung für einen Schriftsteller mit solchen Fähigkeiten. Und Pynchon läuft doch die ganze Zeit hier in der Upper West Side herum.
Kennen Sie Thomas Pynchon etwa? Wir sind einander nie vorgestellt worden, aber ich erkenne ihn unten auf der Straße, jemand hat ihn mir einmal gezeigt. Pynchon ließ sich wirklich sein Leben lang nicht fotografieren und gab nie Interviews.
Beneiden Sie ihn? Ein wenig vielleicht. Aber die Frage stellte sich mir gar
nicht, als ich mit dem Schreiben begann. Interviews zu geben galt damals als vernünftig. Also gab ich Interviews und gebe sie noch. Einige wenige.
Die Frage, die Sie in Interviews stets am meisten nervt, gleich zu Anfang:
Gibt es Ähnlichkeiten zwischen Ihnen und der Hauptfigur Ihres neuen Romans?Also schön: Ich war auch ein guter Junge, ebenso zielstrebig wie
Marcus in dem Roman Empörung, aber ich kannte keinen solchen Konflikt
mit meinem Vater oder den Lehrern am College. Natürlich komme ich aus
ähnlichen Verhältnissen wie er, jüdisches Kleinbürgertum, und besuchte zur gleichen Zeit ein College in einer Kleinstadt. Der Vater eines Freundes war Metzger, daher hatte ich ein wenig Ahnung vom Schlachten und machte nun den Vater meiner Hauptfigur zum koscheren Metzger. In Brooklyn brauchte ich dann nur mehr unzählige Lammkeulen einzukaufen, um alles Weitere zu lernen. Es ist in allen Romanen also stets das Gleiche: Aus Versatzstücken der eigenen Vergangenheit entstehen vollkommen neue Identitäten.
Wie kommen Sie auf die Ideen zu Ihren Büchern? Seit den Neunzigerjahren habe ich viele Romane mit völlig unterschiedlichem geschichtlichem Hintergrund geschrieben. Eines Tages habe ich mich gefragt, über welche interessantere Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg ich eigentlich noch nichts veröffentlicht hatte und bin dabei auf die Fünfzigerjahre und den Koreakrieg gestoßen. Ich ging damals in einer konservativen Kleinstadt aufs College. Der Krieg begann im Juni 1950, ich beendete das College im September und war mir sicher, eingezogen und getötet zu werden. Nicht so sehr, um mich besser zu erinnern, sondern eher um zu sehen, ob der Stoff nicht eine Geschichte abwirft, habe ich deswegen einige Sachbücher gelesen. Sechs, sieben Bücher – da hinten im Regal stehen sie noch. Zur gleichen Zeit lief ein Dokumentarfilm über den Koreakrieg im Fernsehen, Der vergessene Krieg, ich sprach mit Freunden über die Zeit, und auf einmal entstand die Idee zu diesem Jungen und seinen Nöten mit Familie und Mädchen.
Zuallererst fällt Ihnen also immer eine Hauptfigur ein? Bei diesem Roman nicht, da ist mir zuerst der geschichtliche Rahmen eingefallen, was natürlich sehr ungewöhnlich ist: der Krieg, eine Jahreszahl, die ich mit besonders strengen Regeln und Repressalien an meinem College verbinde, die Haltung junger Menschen in jener Zeit. Vor diesem Hintergrund tauchte dann allmählich die Geschichte dieses Jungen auf.
Sie schreiben ungeheuer viel, einen Roman pro Jahr. Eine Seite am Tag, das ist mein Ziel, gelegentlich erreiche ich das auch, an guten Tagen schaffe ich zehn. Natürlich ist das dann nur ein Entwurf, den ich am Ende nochmals überarbeite, bis zu vier-, fünfmal. Gerade sitze ich an einem vierten Durchgang und weiß schon, dass noch einer fällig wird. Ab dem dritten Durchgang macht das Schreiben langsam Spaß.
Und davor? Ist es harte Arbeit. Aber mit jedem Durchgang werden die Dinge klarer, die Intensität nimmt zu, die Seiten werden lebendiger.
Wann erstellen Sie eine genauere Struktur der Handlung oder Figuren? Gar nicht.
Wie bitte? Erschreckt Sie diese Vorstellung?
Tolstoi hat sämtliche Handlungsstränge für Krieg und Frieden auf einem einzigen Schmierzettel untergebracht. Aber Sie verzichten gänzlich auf jegliche Gliederung, nicht einmal eine Skizze, ein Diagramm, ein Schmierzettel? Jeder arbeitet anders. Als ich mit dem Schreiben begann,
machte ich noch solche Skizzen, schrieb eine Art Handlung auf. Ich hatte
noch nicht gelernt, meiner Intuition zu vertrauen und mich auf spontane
Einfälle während der Arbeit zu verlassen.
Sie meinen, die Handlung Ihrer Romane entsteht ganz allmählich, Seite um Seite? Ich vertraue ganz auf plötzliche Einfälle und arbeite mich Wort für Wort vor. Manchmal mache ich mir Notizen, um ein Detail später nicht zu vergessen.
(Lesen Sie auf der nächsten Seite: "Ich wüsste gar nicht, wie ich meine Zeit anders nutzen sollte, wie ich mich anders nutzen sollte.")
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13 Uhr 34
Dass er nicht aufhören kann zu schreiben ist einfach ein Gewinn!
13 Uhr 32
Tolle Leistung, einen Mann, der für Interviews kaum zu haben ist, für das SZ-Magazin auszufragen.
Das was er in diesem Gespräch vermittelt, ist beachtlich.
Ich bin 1988 auf seinen Namen gestossen, als im Verlag "Volk und
Welt"(DDR) sein Roman "Portnoys Beschwerden" erschien.
Dieses Buch zu kaufen, habe ich nie bereut, zumal es das Verlangen
nach mehr ausgelöst hat.
Die in meinem Regal befindliche Reihe Rothscher Werke ist inzwischen auf 23 Bände angewachsen. Und im Gegenteil zu manch
anderem Buch, das ich kaufte, habe ich seine sofort gelesen und dann ins Regal befördert.
Besonders interessant fand ich sein Aussage, dass er in seine Romane nichts hineininterpretiert haben möchte. Ich kann es schon
aus dem Grund unterstützen, weil es genügt seine Bücher zu lesen, um zu wissen, was er meint.
Bei manchem, was auf dem Büchermarkt erscheint, muss man dagegen schon jemanden haben, der erklärt, was das sein soll, was
der Autor von seinem Leser will.
An dieser Stelle nochmals Dank für diesen Beitrag, der ausgeschnitten in einem Roth-Band liegt(eine Angewohnheit aus dem
nun schon fast 50-jährigen Umgang mit Literatur).