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aus Heft 05/2009 Literatur 2 Kommentare

"Wenn ich schreibe, lebe ich"

Seite 2

Von Lars Reichardt  Foto: Olaf Blecker



Wussten Sie zu Beginn Ihres neuen Buches auch noch nicht, dass der
Protagonist im Verlauf der Geschichte sterben würde?
Nicht am Anfang. Wenn ich einen Roman beginne, kenne ich niemals sein Ende – das beunruhigt mich selbst jedes Mal. Ich beginne jedes Buch mit der Beschreibung der misslichen Lage, in der sich der Protagonist befindet, im Fall von Empörung also mit Marcus’ Verhältnis zu seinem Vater, dann seiner Situation auf dem College, seinen Zimmerkameraden, mit dem Mädchen. Ich ahnte bald, wo und mit wem im Buch die Konflikte ausgetragen würden. Irgendwann während des Schreibens stellte ich fest, dass sich alles gegen Marcus entwickelte und er in Korea sterben müsste. Ich hörte zu der Zeit auch ständig so eine Radiosendung, in der die Namen und das Alter im Irakkrieg gefallener Soldaten vorgelesen wurden, 19, 20 Jahre jung. Die Sendung hat mich krank gemacht. Vielleicht gab diese Sendung auch den Ausschlag, Marcus sterben zu lassen.

Steht der Koreakrieg in Ihrem Buch stellvertretend für den Irakkrieg?
Nein, überhaupt nicht. Mich interessiert nur, wie das Leben eines dieser Soldaten ausgesehen haben könnte, die mit 19 in irgendeinem Krieg sterben.

Hat der Irakkrieg Sie vielleicht zum Nachdenken über den Koreakrieg
angeregt?
Unbewusst könnte das passiert sein, ich glaube es allerdings nicht.

Sie reden in Ihren Interviews nicht gern über Literatur.
Das stimmt nicht. Ich mag es nur nicht, wenn man die Dinge zu stark verallgemeinert und vereinfacht oder alles Mögliche in meine Romane hineininterpretiert.
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Einen Verallgemeinerungsversuch will ich dennoch wagen: Ist Empörung ein Roman über Unterdrückung und Rebellion in einer zivilisierten Gesellschaft? Ganz schön große Wörter für so ein kleines Buch. Ich würde eher sagen: Es geht um einen unerfahrenen Jungen, der im Konflikt mit dem Vater, den Lehrern am College, seinen Kameraden steht. Er rebelliert auch gar nicht, er kotzt dem College-Leiter lediglich auf den Teppich und begeht am Ende einen dummen Fehler, wird der Schule verwiesen und zur Armee eingezogen. Es ist ein Buch über das große Pech eines jungen naiven Mannes.

Sie meinen, Ihr Buch hat gar keine Botschaft über das Erwachsenwerden? Doch, das vielleicht schon, aber diese Botschaft ist eher ein Nebenaspekt des Romans. Ich habe nie beabsichtigt, eine Geschichte über das Erwachsenwerden zu schreiben. Ich verfolge nie irgendwelche Absichten mit meinen Romanen. Ich versuche in all meinen Büchern lediglich, mir eine Geschichte so detailliert vorzustellen und sie so präzise zu beschreiben, wie es mir nur möglich ist. Was danach passiert, liegt nicht in meiner Macht. Sobald ich das Manuskript aus der Hand gebe, ist der Leser frei, damit zu tun, was ihm beliebt.

Sie haben also nichts dagegen, wenn die Leser alle möglichen Botschaften in Ihren Büchern finden?
Man kann alles Mögliche aus Büchern herauslesen, jeder Mensch liest ohnehin anders. Als ich an der Universität unterrichtete, versuchte ich meinen Studenten noch beizubringen, wie man eine Geschichte richtig liest. Aber als Schriftsteller beschäftige ich mich nicht mit Debatten um irgendwelche Botschaften. Es geht beim Schreiben nicht um Botschaften. Beim Schreiben geht es eher darum … An dieser Stelle höre ich lieber auf.

Warum schreiben Sie? Heute bleibt mir ja gar nichts anderes mehr übrig. Ich habe es so lange getan, dass ich ohne das tägliche Schreiben einen Schock erleiden würde.

Wie ein Drogensüchtiger beim Entzug? Oh ja. Schreiben ist eine ganz tief sitzende Gewohnheit geworden, die offenbar einige psychische Bedürfnisse erfüllt, die ich habe. Ich würde gern aufhören, um ehrlich zu sein. Schreiben wird ja nicht einfacher mit dem Alter. Im Gegenteil: Ich verfüge nicht mehr über die Ausdauer, die ich mal hatte. Ich würde mich gern zu Ruhe setzen und Golf spielen, wie jeder normale Geschäftsmann. Aber ich kann es nicht. Der Drang zu schreiben hat nicht nachgelassen. Schriftsteller gehen selten in Rente. Sie mögen ihre Fähigkeiten einbüßen, ihre Kraft, aber selten sagen sie: Bis hierhin und nicht weiter gehe ich. Ich wüsste gar nicht, wie ich meine Zeit anders nutzen sollte, wie ich mich anders nutzen sollte.

Ihr Pensum ist im Alter etwas geringer geworden. Auch nicht unbedingt, nur die Dicke meiner Bücher. In den Neunzigerjahren schrieb ich viel längere Bücher, 150 000 Wörter lang, heute reichen mir oft schon 50 000 Wörter. Ich mäßige meine Ideen.

Vergessen, verlieren Sie sich beim Schreiben? Glücklicherweise vergesse ich mich selbst im Bewusstsein des Schriftstellers. Ich habe schallisolierte Fenster, bei der Arbeit könnte ich nicht einmal eine Katze in meiner Nähe ertragen. Ich konzentriere mich auf die Arbeit, wie jeder Handwerker. Das ist nichts Besonderes beim Schreiben.

Die Protagonisten Ihrer sechs letzten Romane sterben allesamt am Ende.
Und in meinem nächsten Roman, der in den USA bald erscheint, übrigens schon wieder. Im übernächsten, an dem ich grade sitze, überlebt mal einer, allerdings schwer gezeichnet.

Hilft Schreiben gegen die Angst vor dem Sterben? Sicherlich. Wenn ich schreibe, lebe ich. Mein Freund Saul Bellow sagte sogar, für jeden Schriftsteller sei es unmöglich, in der Mitte eines Romans zu sterben. Ich weiß, was er meinte. Sechs meiner engsten Freunde sind in den letzten zwei Jahren gestorben, mein bester Freund erst vor zwei Monaten. Die Reihen lichten sich. Ja, Schreiben bringt sicherlich auch eine therapeutische Wirkung mit sich, weil man sich verliert. Aber natürlich schreibe ich nicht deswegen.

Warum also schreiben Sie Geschichten wie Empörung?
Für das Buch hatte ich ursprünglich einen anderen Titel vorgesehen. Dann habe ich die Passage geschrieben, in der Marcus die chinesische Nationalhymne singt – die Hymne war in den USA der Vierzigerjahre ja einmal sehr gängig, als China und die USA gegen den gemeinsamen Feind Japan kämpften. Beim Abschreiben der Hymne bin ich plötzlich über das Wort »Empörung« darin gestolpert. Schreiben ist ein ständiger Akt der Entdeckung. Man entdeckt Wörter, ein Schriftsteller entdeckt sein eigenes Buch während des Schreibens. Tolstoi wird es nicht anders ergangen sein, trotz Gliederung oder Diagramm.


Philip Roth wird in wenigen Wochen 76. Auf einen Schlag weltberühmt wurde der amerikanische Schriftsteller vor 40 Jahren mit seinem Roman "Portnoys Beschwerden", den viele als vulgär empfanden. Roth gilt als heißester Kandidat für den Literaturnobelpreis. "Empörung" ist sein 29. Roman und erscheint im Hanser Verlag.

Kommentare

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  • Reinhard Ettel (0) Nachsatz zu meinem Kommentar:
    Dass er nicht aufhören kann zu schreiben ist einfach ein Gewinn!
  • Reinhard Ettel (0) Es ist ja nun schon einige Zeit vergangen, seit dieses Interview erschien. Trotzdem muss ich dazu noch etwas loswerden.
    Tolle Leistung, einen Mann, der für Interviews kaum zu haben ist, für das SZ-Magazin auszufragen.
    Das was er in diesem Gespräch vermittelt, ist beachtlich.
    Ich bin 1988 auf seinen Namen gestossen, als im Verlag "Volk und
    Welt"(DDR) sein Roman "Portnoys Beschwerden" erschien.
    Dieses Buch zu kaufen, habe ich nie bereut, zumal es das Verlangen
    nach mehr ausgelöst hat.
    Die in meinem Regal befindliche Reihe Rothscher Werke ist inzwischen auf 23 Bände angewachsen. Und im Gegenteil zu manch
    anderem Buch, das ich kaufte, habe ich seine sofort gelesen und dann ins Regal befördert.
    Besonders interessant fand ich sein Aussage, dass er in seine Romane nichts hineininterpretiert haben möchte. Ich kann es schon
    aus dem Grund unterstützen, weil es genügt seine Bücher zu lesen, um zu wissen, was er meint.
    Bei manchem, was auf dem Büchermarkt erscheint, muss man dagegen schon jemanden haben, der erklärt, was das sein soll, was
    der Autor von seinem Leser will.
    An dieser Stelle nochmals Dank für diesen Beitrag, der ausgeschnitten in einem Roth-Band liegt(eine Angewohnheit aus dem
    nun schon fast 50-jährigen Umgang mit Literatur).