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aus Heft 44/2005 Kunst

Nicht zu fassen!

Egmont R. Koch, Nina Svensson  Vor elf Jahren verschwanden drei weltberühmte Gemälde aus der Frankfurter Kunsthalle Schirn. Die Behörden bissen sich an Deutschlands größtem Kunstraub die Zähne aus. Wir haben weiter recherchiert – und präsentieren hier die Lösung.
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Der Frankfurter Rechtsanwalt Edgar Liebrucks zählt zu den erfolgreichsten Strafverteidigern der Bundesrepublik. Zu seinen Mandanten gehören allerdings auch viele Führungskräfte der Unterwelt; er ist »Mafias Liebling«. Der Sohn eines Philosophieprofessors und einer Bildhauerin gilt überdies als Freund der schönen Künste. Deshalb übernahm er bei einem geheimnisvollen Handel zwischen Mafiosi und Museen die Rolle des Mittelsmanns. Die Geschichte beginnt im Sommer 1994. In den späten Abendstunden des 28. Juli werden aus der Frankfurter Kunsthalle Schirn drei weltberühmte Gemälde geraubt, Prunkstücke der Ausstellung »Goethe und die Kunst«: »Schatten und Dunkelheit« sowie »Licht und Farbe« des britischen Malers William Turner, Leihgaben der Londoner Tate Gallery, und »Nebelschwaden« des Romantikers Caspar David Friedrich aus dem Besitz der Hamburger Kunsthalle. Die drei Gemälde sind zwar mit insgesamt fast 40 Millionen Euro versichert, doch der Verlust lässt sich nicht mit Geld aufwiegen. Die Frankfurter Polizei steht unter großem Erfolgszwang. Zwei der Kunsträuber werden schnell überführt, doch an dem Coup müssen mindestens ein halbes Dutzend Personen beteiligt gewesen sein. Es gibt viele Verdächtige, doch nur einer hat das Format zum Drahtzieher: Stevo V., »der alte Stefan«, wie er im Milieu genannt wird. Die Polizei hält ihn für ein hochrangiges Mitglied der Jugo-Mafia, die damals in Frankfurt das Rotlichtgewerbe beherrscht. Schon bald sind die Ermittler überzeugt: Stevo war der »Planer und Anstifter« des Kunstraubs. Der 39-jährige Jugoslawe hat auch schon einen potenziellen Kunden: Carlos F., eine Unterwelt-Größe im spanischen Marbella, bietet drei Millionen Mark für die Bilder und schickt einen Unterhändler nach Frankfurt. Doch das ist dem »alten Stefan« offenbar zu wenig, immerhin hat die Bild-Zeitung den Wert der drei Meisterwerke gerade erst auf 300 Millionen Mark beziffert. Der Deal scheitert. Kein Problem. Stevo hat keine Eile, er beschließt, erst einmal Gras über die Sache wachsen zu lassen. Aber wo soll er die Bilder bunkern? Beim Josef vielleicht? Josef Stohl, gebürtiger Wiener, betreibt in einem Hinterhof in der Waldschmidtstraße, ganz in der Nähe des Frankfurter Zoos, eine Autowerkstatt, in der sich Frankfurter Ganoven ihre Schlitten aufmotzen lassen. Irgendwann bringt einer von Stevos Leuten die drei Gemälde vorbei. »Der Jugo« habe ihn gefragt, »kannst die amal a bisserl hinter die Reifen stellen?«, wird sich später einer von Josef Stohls Freunden erinnern, der die Bilder mit eigenen Augen in einer der Garagen sah, in Decken gehüllt. Ölgemälde neben Ölkännchen, für Stohl gehört das zum Kundendienst, Fragen stellt er nicht. Nach einem vertraulichen Treffen eines ihrer Ermittlungsbeamten mit Carlos F. in Marbella geht die Frankfurter Polizei im Februar 1995 davon aus, dass Stevo V. »als Hauptorganisator des Kunstraubes anzusehen« sei. Deshalb versucht das Bundeskriminalamt in Wiesbaden wenig später einen verdeckten Ermittler an den »alten Stefan« heranzuführen. Es kommt zu Verhandlungen mit einem von Stevos Vertrauten. Die Jugo-Mafia verlangt zehn Millionen Dollar für die drei Bilder. Nach mehreren konspirativen Treffen scheitert der Deal in letzter Minute, weil der Unterhändler plötzlich 2,5 Millionen Mark vorab verlangt, das BKA aber nur eine Million anzahlen will. Stunden später wird Stevo vor seiner Stammkneipe »Zum blauen Wasser« festgenommen, doch schon am nächsten Tag ist er wieder frei; Edgar Liebrucks, der Anwalt mit dem exzellenten Ruf in der Jugo-Mafia, hat sich des Falls angenommen. Ende 1996, mehr als zwei Jahre nach dem Kunstraub, gibt die Staatsanwaltschaft endgültig auf. Das Ermittlungsverfahren gegen Stevo muss eingestellt werden, weil »ein Tatnachweis nicht mit der für eine Anklage notwendigen Sicherheit geführt werden« könne. Jahrelang passiert nichts. Dann fällt Ende 1998, mehr als vier Jahre nach dem Kunstraub, in der Direktion der Londoner Tate Gallery eine folgenreiche Entscheidung: Das renommierte Museum kauft für acht Millionen Pfund das Eigentum an den beiden Meisterwerken William Turners von der Versicherung Hiscox zurück; Jahre zuvor war es mit der Auszahlung der Versicherungssumme von 24 Millionen Pfund an Hiscox übergegangen. Sollten die Bilder jemals wieder auftauchen, gehören sie dem Museum – und die verbliebenen 16 Millionen, plus Zinsen, dazu. Viel entscheidender jedoch: Die Tate Gallery erwirbt Handlungsfreiheit für einen der fragwürdigsten Deals der Kunstgeschichte: den heimlichen Rückkauf der Gemälde von der Frankfurter Jugo-Mafia. 16 Millionen Pfund, fast 50 Millionen Mark, stehen nun dafür zur Verfügung. Sir Nicholas Serota, Direktor der Tate Gallery, lässt sich das delikate Geschäft von seinem Verwaltungsrat und dem High Court Ihrer Majestät sanktionieren. Deren Fazit: Die beiden Turner-Spätwerke hätten einen so unschätzbaren Wert für das Kulturerbe des Vereinigten Königreichs, dass auch unkonventionelle Methoden der Wiederbeschaffung gerechtfertigt seien. Scotland Yard soll das streng geheime Geschäft überwachen. Deckname der Operation: »Kobalt«.
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